Daniel Clowes: Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln

Daniel Clowes - Reprodukt
Daniel Clowes - Reprodukt
Daniel Clowes konfrontiert den Leser in seiner bitterbösen Groteske „Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln" mit dunklen Mysterien

Asiatische Krebstiere, die aus den Augenhöhlen ragen? Ein Mädchen, das die Erscheinung einer Kartoffel hat? Ein Hund ohne Körperöffnungen? Das gibt es nur in Daniel Clowes Graphic Novel Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln (Reprodukt). Nach Karikatur, David Boring und Ghost World (beide Reprodukt) sowie Wilson (Eichborn) liegt nun eine weitere Graphic Novel des US-Autors vor, die irgendwo zwischen Groteske, Satire und Mystery einzuordnen ist.

Groteske in zehn Kapiteln

Clay Loudermilk sieht in einem Kinofilm eine mysteriöse Frau, die er fortan wie Besessen sucht. Dabei wird er zunächst von der Polizei willkürlich zusammengeschlagen, dann zum Spielball einer Sekte, die einem Massenmörder huldigt, und schließlich gerät er in die Machenschaften einer Gruppe von Konspirationstheoretikern, die das Weltgeschehen mittels einer Mr. Jones-Figur erklären. Clay begegnet auf diesem Weg phantastische Wesen und groteske Erscheinungen wie einem Mädchen, das wie eine Kartoffel aussieht.

Postmoderne Sinfonie

Der Autor hat mit Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln eine postmoderne und intertextuelle Sinfonie komponiert. Neben Erzähltext und Dialogen bereichern auch Songtexte und TV- oder Filmausschnitte die Erzählung.

Das Szenario ist zwar in der Gegenwart angesiedelt, aber es wirkt aufgrund der absurden, grotesken, rätselhaften, phantastischen und satirischen Elemente sehr verzerrt. Die Graphic Novel wirkt wie ein bitterböses Kaleidoskop, das der Gesellschaft den Spiegel vor Augen hält.

Künstlerische Vorbilder

Jede Menge Künstler aus der Literatur- und Filmgeschichte könnten hier Pate gestanden haben.

Zuallererst müsste man das Werk von Franz Kafka nennen, das hier zweifelsohne als Vorbild gedient hat. Aus der Literaturgeschichte wären ferner sicherlich auch noch Autoren wie Thomas Pynchon und William S. Burroughs zu nennen, die in ihrem Werk ähnliche Motive wie Clowes verwendet haben.

Aus der Filmgeschichte müsste man schließlich noch die Arbeiten eines David Lynch erwähnen, die ähnlich wie Clowes' Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln ebenfalls dem Neo Noir-Genre zugeordnet werden können und ein ganz eigenes Universum kreieren. Im Comicbereich steht Clowes in der Tradition der Undergroundcomix, wobei er das Genre um das Mysteriöse erweitert.

Harte Kontraste, schraffierte Nuancen

Clowes führt einen individuellen, leicht expressiven Strich, der typisch für US-Independent-Comics ist. Die schwarzweißen Illustrationen weißen einen harten Kontrast auf, aber enthalten auch immer wieder Nuancen, die der Zeichner durch Schraffuren erzeugt.

Die Bilder wirken aufgrund der starken Präsenz von Gewalt, Sex und grotesken Figuren und Szenen manchmal sogar holzschnittartig. Das ist eben eine typische Indie-Comic-Ästhetik, die bewusst eine Gegen-Ästhetik zum fotorealistischen Photoshop-US-Mainstream-Comic entwirft.

Nur für Fans der Groteske

Wer gern phantastisch angehauchte Grotesken liest, der wird auch mit Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln glücklich werden. Wer gern absurde oder mysteriöse Szenarien sowie absonderliche Gewalt- und Sexfantasien dargestellt bekommen möchte, ist bei Clowes genau richtig. Man muss auch bereit sein, auf einen nachvollziehbaren Plot und eine logische Auflösung zu verzichten. Eine Leseprobe gibt es auf der Verlagsseite.

Wertung: 4 von 5

Daniel Clowes: Wie ein samtener Handschuh in eisernen Fesseln. Reprodukt, 2011. Klappenbroschur, 144 Seiten. Euro 18.