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Daniel Kehlmann "Die Vermessung der Welt" – eine Rezension

Die Vermessung der Welt - Rowohl Taschenbuch Verlag
Die Vermessung der Welt - Rowohl Taschenbuch Verlag
Der faszinierende Roman über die deutschen Wissenschaftler Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss

Eine Ballonfahrt, die zur nichteuklidischen Geometrie führt, die Erforschung von Höhlen und einer unbekannten Verbindung zwischen dem Orinoko und dem Amazonas, astronomische Berechnungen von Planetenbahnen, die Landvermessung des Herzogtums Hannover unter Berücksichtigung der Erdkrümmung und die Besteigung des Chimborazo, des vom Erdmittelpunkt aus gemessen höchsten Berges der Erde. Das sind nur einige der bahnbrechenden Leistungen zweier großer Deutscher zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Ein weltgewandter Geograf trifft einen genialer Mathematiker

Der Naturforscher Alexander von Humboldt und der Mathematiker mit astronomischen und physikalischen Interessen Carl Friedrich Gauß bilden ein ungleiches Paar. Sie sind grundverschiedene Typen und weisen doch entscheidende Gemeinsamkeiten auf, welche die Parallelhandlung im Buch so interessant machen: Egozentrik, Selbstverachtung, Ehrgeiz, Beharrungswille, analytische Schärfe, ein Teelöffel Misanthropie und eine gehörige Prise Größenwahn. Und die Unfähigkeit zu lieben. Der namenlose Hund, den Humboldt im südamerikanischen Dschungel verlor, war Kehlmann zufolge das einzige Wesen, das dieser Begründer der naturwissenschaftlichen Geografie geliebt hat. Beim Fürsten der Mathematiker war es seine Mutter.

Beeindruckend mit welcher Leichtigkeit der noch junge, 1975 in München geborene Autor Daniel Kehlmann einen ironischen Blick auf diese beiden deutschen Denkmäler wirft und sie dabei trotzdem nicht verkleinert. Sein lakonisch geschriebener Text, der nichts dramatisiert, besitzt einen erstaunlichen, unterschwelligen Drive, der das Buch zu einem Lesevergnügen macht. Dabei brilliert Kehlmann mit zwei ungewöhnlichen Stilmitteln: der indirekten Rede und dem Konjunktiv.

Kehlmann mixt geschickt biografische Fakten mit fiktiven Begebenheiten

Virtuos und versteckt mischt Kehlmann Fakten mit Fiktion. Beispielsweise bündelt er die Biografien zweier Söhne von Gauß in einer einzigen Figur: Eugen. Im Roman hilft dieser auch bei der Hannoverschen Landesvermessung, was in Wirklichkeit Joseph, ein Sohn aus erster Ehe, tat.

Lange Jahre gehen die beiden Wissenschaftler getrennte Wege. Daher wechseln sich Kapitel über Gauß und über Humboldt in diesem Roman zunächst ab. Erst im Alter treffen sich die beiden Berühmtheiten auf einem Naturforscherkongress in Berlin. Dieses Treffen nutzt Kehlmann in den letzten Kapiteln, um beide einen Rückblick auf ihr Leben sowie einen Blick auf die Welt und darüber hinaus werfen zu lassen. Humboldt bündelte diese ganzheitliche wissenschaftliche Weltbetrachtung schließlich in seinem Hauptwerk „Kosmos“. Sein Ausblick „Der Kosmos werde ein begriffener ein, alle Schwierigkeiten menschlichen Anfangs, wie Angst, Krieg und Ausbeutung, würden in die Vergangenheit sinken“ blieb jedoch ein Trugschluss. Am Ende kämpfen diese beiden Intelligenzbestien auch gegen das Alter an: „Altern, das war nichts Tragisches. Es war lächerlich.“, klagt Gauß.

Kehlmanns Roman ist ein mit Witz geschriebenes Werk über zwei große Persönlichkeiten und die Erforschung der Welt in allen Elementen und Dimensionen, ein im positiven Sinne altkluges Buch.

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt. Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2008. 304 S. 9,95 €.

Henning Heske, Henning Heske

Henning Heske - Henning Heske wurde in Düsseldorf geboren, wo er Mathematik, Geografie und Germanistik studierte, und lebt in Krefeld. Er ...

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