In einem Spiegel-Interview sagte Daniel Kehlmann über sein 2009 im Rowohlt-Verlag erschienenes Buch - mit dem Titel „Ruhm“ - es gehe „ums Vergessenwerden, ums Verschwinden, um das Sichverlieren, oder die Auflösung.“ Kehlmann erfindet gerne extreme Charaktere und setzt seine Protagonisten dem Experiment aus, ob sie in seiner Geschichte scheitern. Das erzeugt Spannung. Mit Argusaugen hat Daniel Kehlmann den Leser im Blick und bezieht ihn in die Geschichte mit ein.
Kehlmanns Durchbruch mit "Ich und Kaminski"
Seinen internationalen Durchbruch schaffte der in Wien und Berlin lebende Schriftsteller 2003 mit seinem vierten Roman „Ich und Kaminski“. Ruhm bescherte dem mittlerweile 34-jährigen „Wunderkind“ 2005 „die Vermessung der Welt“. „Ruhm“ ist der Titel seines neuen Buches. Auf 224 Seiten legt Daniel Kehlmann neun Geschichten, wie Köder aus. Neun Episoden, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild oder vielmehr zu einem Spiegelkabinett anordnen. Hier und da blitzen Identitäten auf, die sich im Taumel befinden. Bereits der Titel ist irreführend in Kehlmannscher Manier ironisch gemeint. „Ruhm“ dürfte darauf anspielen, dass jeder gerne einmal im Mittelpunkt einer Geschichte stehen würde, dass seine eigene Geschichte durch einen Schriftsteller Gewicht bekommen könnte. In einer Art magischem Realismus zelebriert Kehlmann diese Selbsttranszendenz. Ein kleiner Funke, oder das Klingeln eines Mobiltelefons, genügt und eine Welt gerät aus ihren Fugen.
Das Handy und eine Verwechslung
Der Techniker Ebling hat sich ein Mobiltelefon gekauft – Kehlmann gibt sich alle Mühe das eingedeutschte Wort „Handy“ zu vermeiden. Ebling ist mit seinem langweiligen Leben unzufrieden. Plötzlich kommen aus seinem Mobiltelefon Stimmen. Sie alle wollen den berühmten Schauspieler Ralf Tanner sprechen. Offensichtlich hat es eine Verwechslung bei der Vergabe der Nummer gegeben, doch für Ebling ist das die Möglichkeit das Leben eines anderen zu führen.
Daniel Kehlmann spielt mit diesem Was-wäre-wenn-Szenario. Ralf Tanner, so stellt sich heraus, ist gar nicht mehr gerne er selber und er ist auch nicht mehr in der Lage seine Rolle so zu spielen, wie es seine Fans von ihm verlangen. Durch eine kuriose Verwechslung tritt an seine Stelle ein professioneller Imitator, der seine Rolle besser spielt, als er. Ralf Tanner ist wieder frei.
"Ruhm" ohne Hauptfigur
„Ein Roman ohne Hauptfigur! Verstehst du? Die Komposition die Verbindung, der Bogen, aber kein Protagonist, kein durchgehender Held“, diese Worte legt Kehlmann seiner Person Leo Richter in den Mund, einem Schriftsteller, einem von drei, die Kehlmann ins Rennen schickt. Da gibt es noch die Krimiautorin Maria Rubinstein, die auf einer Reise in den Fernen Osten verloren geht. Etwas verloren hat auch Miguel Auristos Blancos, berühmter brasilianischer Verfasser von Lebenshilfebüchern. Mit der Waffe in der Hand überlegt er, dass sein Selbstmord sein Leben und seine Lehre auf den Kopf stellen würde und ist fasziniert von dieser Idee: „Was bisher halbes Spiel gewesen war, plötzlich war es ernst. Wenn er wirklich abdrückte, würde er Epoche machen.“
Daniel Kehlmann wagt dieses Experiment. Er lässt seine Figuren sich existenziell verlieren und betreibt Reflexion. Der besagte Leo Richter lebt mehr in seinen Geschichten als in der Wirklichkeit. Er schreibt Kurzgeschichten. Rosalie ist eine seiner Romanfiguren, sie hat Bauchspeicheldrüsenkrebs und steht an der Schwelle zu ihrem eigenen Tod, den sich der Schriftsteller für sie ausgedacht hat. Sie spricht mit ihm und fragt, weshalb er ihr dieses Schicksal aufbürdet. Ihr Schöpfer antwortet ihr: „Du klammerst dich an die Illusion, das es dich wirklich gibt.“
Die Welt des Außenseiters
Eine zweite Identität hat sich Mollwitz im Internet geschaffen. Er arbeitet in der Zentrale einer Mobilfunkgesellschaft und ist wohl die skurrilste Figur, die Kehlmann sich in seinem neuen Buch ausgedacht hat. Der Leser wird durch Mollwitz eigens akzentuierte Sprache hineingezogen in seine verschrobene Welt und sieht sie mit den Augen des Außenseiters.
Ein Doppelleben führt auch sein Abteilungsleiter. Er sucht das Außergewöhnliche und scheitert. Er führt ein Leben zwischen zwei Frauen, das ihn das Lügen lehrt und den die wachsenden Zwänge schließlich um den Verstand bringen. „Jeder spottet über Beamte, Bürokraten, Federfuchser und Papiertiger. Aber wir sind es doch selbst! Jeder von uns Angestellten fühlt sich als Künstler und Anarchist, als freie Seele, als geheimer Wahnsinniger, der weder Zwang kennt noch Norm. Jedem von uns war einst das Himmelreich versprochen, und keiner will begreifen, dass er schon lange zu denen gehört, von denen er nie einer hat sein wollen, dass nichts an ihm mehr Ausnahme ist und dass ihn gerade das Gefühl anders zu sein, vollends Regel sein lässt.“
Neun "Ruhm"-Geschichten und die moderne Kommunikation
Kehlmanns neuem Roman liegt nicht zu übersehen ein Bauplan zugrunde. Das ist seine Schwäche und zugleich seine Stärke. Neun Geschichten ineinander verschachtelt ergeben ein Ganzes, das sich grotesk und schaurig um moderne Formen der Kommunikation dreht. Eine neue vernetzte Wirklichkeit wird sichtbar. Daniel Kehlmann ist es gelungen ein raffiniertes Spiel mit Identitäten und Innen-Perspektiven anzulegen, das undurchschaubar bleibt bis zum Schluss.
Daniel Kehlmann: Ruhm, Rowohlt Verlag, 2009,
ISBN 3498035436, Gebundene Ausgabe 208 Seiten, 18,90 Euro
