Der Erzähler Daniel Kehlmann

Ist sein Bestseller "Die Vermessung der Welt" Trivialliteratur?

Gollner: Die Wahrheit lügen - Studien Verlag
Gollner: Die Wahrheit lügen - Studien Verlag
Kehlmanns Literatur ist eine spannende und unterhaltende Lektüre. Der Schrifsteller verfolgt ein sehr überlegtes Schreibkonzept, zu dem er sich auch theoretisch äußert.

Der Roman "Die Vermessung der Welt“ bescherte dem in Wien lebenden Autor Daniel Kehlmann 2005 einen Besteller. Die sehr gegenständliche Art seines Erzählens in Kombination mit Leichtigkeit und Spannung motivierte offensichtlich auch viele Menschen außerhalb der Stammleserschaft zur Lektüre. Nur zu schnell wird ein Buch, dessen Verkaufszahlen eine solche Bestseller-Dimension erreichen, als Trivialliteratur abgewertet. Vor allem die avantgardistische, sprachkritisch-experimentelle Literatur, die gerade in Wien seit Anfang des 20. Jahrhunderts sehr stark entwickelt wurde, steht einem solchen erzählerischen Konzept kritisch gegenüber.

Ist "Die Vermessung der Welt“ Trivialliteratur ?

Kehlmann hingegen verteidigt seine Literatur, indem er den Avantgardismus, der in den letzten Jahrzehnten produziert wurde, als langweilig und ganz und gar nicht mehr neu bezeichnet. "Unter nicht durchdachten und wiederholten Phrasen ist eine Form von Literatur entstanden, die sich als etwas ungemein Neues und Avantgardistisches gibt und in Wirklichkeit etwas ungemein Wiederholtes, Epigonales und Altmodisches ist: Pseudoanvantgardismus.“

Kehlmanns Erzähltheorie

Erzählen bedeutet für Kehlmann, einen Bogen zu spannen, wo zunächst keiner ist, "den Entwicklungen Struktur und Folgerichtigkeit gerade dort zu verleihen, wo die Wirklichkeit nichts davon bietet“. Bei der Konstruktion von Handlung arbeitet Kehlmann bewusst mit einer Verwischung von Fiktion und Fakten. Was wahr ist, wird vermischt mit dem, was wahr sein könnte. In "Die Vermessung der Welt“ hat Kehlmann dem historischen Stoff ganz bewusst fiktionale Komponenten hinzugefügt. Er hat die historischen Daten mitunter zu einer ganz eigenen Komposition zusammengefügt, damit seine Welt als Wahrheit erzählerisch funktioniert. Die Kunst muss der Natur "manchmal [...] etwas hinzufügen, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht in allen Fällen, das Wahre“ .

Keine persönlichen Ansichten des Autors in Literatur

Das Erzählen muss bei Kehlmann unbedingt ich-los sein. Damit meint er, dass nichts von der Person des Autor zu spüren sein darf: Persönliche Leiderfahrungen, Weltverbesserungsvorschläge und politische oder soziale Ansichten gehören für ihn nicht in einen Roman. Als Autor stecke er, Kehlmann, sein Ich in die Komposition, nicht aber in die Figur .

Kehlmanns Romanfiguren zwischen Wahn und Genialität

Dem Leser eröffnet sich die Romanwelt bei Kehlmann nur durch die Sichtweise der Figuren. Die größtenteils sehr eigenwilligen und zwischen Wahn und Genialität angesiedelten Figuren in Kehlmanns Romanen führen den Leser in eine sehr subjektive, "gefühlte“ Welt. Sie bleiben in sich selbst gefangen und bieten keine Erklärungsmuster an. In den Romanen "Beerholms Vorstellung“, "Mahlers Zeit“ oder "Der fernste Ort“ wird erzählerisch nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterschieden. In „Mahlers Zeit“ lässt Kehlmann seinen Protagonisten aus einem Traum erwachen. Mahler ruft sich diesen Traum in Erinnerung und steht auf. Dann heißt es weiter: "Er schrie auf und schrie, als würde er nie mehr aufhören, und der Schrei zerriß das Zimmer um ihn, und er erwachte noch einmal, im gleichen Raum“.

Eine Form des Magischen Realismus

Kehlmann spricht von einem "magischen Realismus“, wenn er seine Protagonisten mit Gespenstern und Monstern umgibt, deren Existenz innerhalb des Romans nicht aufgelöst wird. Er beruft sich auf Kafka und dessen Verwischung der Grenze zwischen Traum und Realität, aber auch auf lateinamerikanische Autoren des Magischen Realismus. "Vielleicht ist das eine Entwicklung, die gerade erst begonnen hat“, wünscht er sich. In seinen Romanen wird die Wirklichkeit ständig gebrochen: Den Protagonisten Beerholm lässt er die Figur des Pater Fassbinder erträumen, die dann ohne Erklärung für den Leser zu einer realen Person innerhalb des Romans wird. Dass die Rezensenten diese Stelle meist überlesen haben und den Roman deshalb einen realistischen nannten, enttäuscht Kehlmann. Der Autor selbst bezeichnet seine Literatur trotz aller Spannung und Leichtigkeit als "ziemlich experimentell“, was auch durch seinen aktuellen Roman „Ruhm“ bestätigt wird.

Zitate aus:

Helmut Gollner: Die Wahrheit lügen. Die Renaissance des Erzählens in der jungen österreichischen Literatur. Studienverlag 2004. Broschiert, 186 Seiten. Euro 21,90.

Daniel Kehlmann: Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher. Rowohlt 2005. Paperback, 160 Seiten. Euro 12,00.

Jasmin Hambsch, Jasmin Hambsch

Jasmin Hambsch - Studium der Fächer Literaturwissenschaft, Philosophie und Allgemeine Pädagogik. Promotion im Fach Literaturwissenschaft. ...

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