
- Cover "Irgendwann werden wir uns alles erzählen" - Graf Verlag
Nicht die großen politischen Linien, die den Fall der Mauer begleiteten, sondern einige ganz persönliche Schicksale und insbesondere die Gefühlslage der 17-jährigen Protagonistin Maria beschreibt Daniela Krien in „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“. Am Anfang des Romans beschreibt Krien ganz unaufgeregt aber detailgenau das Leben auf dem Brendel-Hof, einem Hof, der die Kollektivierungen der DDR-Landwirtschaft irgendwie überstanden hat. Maria ist als Freundin des älteren Sohnes Johannes mit auf den Hof gezogen, geflohen vor der unglücklichen Mutter, die, von Marias Vater verlassen, bei den Schwiegereltern lebt. Johannes macht gerade sein Abitur, während sich Maria etwas orientierungslos treiben lässt, nicht mehr zur Schule geht, die „Brüder Karamasow“ liest und ein bisschen auf dem Hof hilft. Ein Leben in der Schwebe, so wie der Staat in dem sie lebt.
Mauerfall und Westbesuch
Hat sich Maria bei ihrem ersten Ausflug in den Westen, direkt nach dem Mauerfall noch unwohl und unwillkommen gefühlt, so erlebt sie ihre zweite Reise zusammen mit Johannes zwiespältig. Ungläubig betrachtet sie die Vielfalt, die Farben, die Leichtigkeit: „Der Westen hat einen anderen Klang und einen anderen Geruch.“ Auf der anderen Seite kann sie mit den Möglichkeiten aber auch nicht umgehen. Sie kauft nichts: „Es gibt alles, und ich könnte mich unmöglich für irgendetwas entscheiden.“ Johannes dagegen hat einen Plan. Er kauft sich im Westen eine gute Kamera, mit der er den Wandel dokumentieren will.
Auch der Besuch des 1967 ausgereisten Bruders von Johannes Vater Siegfried mit seiner Westfrau und zwei Kindern macht die Diskrepanz der Lebensentwürfe deutlich, auch wenn nun, nach 20 Jahren, ein Treffen wenigstens wieder möglich ist.
Erwachsen werden und die Liebe entdecken
Maria ist 16 Jahre alt, als die Ich-Erzählung beginnt. Auf dem Brendel-Hof hat sie eine Heimat auf Zeit gefunden und mit Johannes einen fast gleichaltrigen Partner, mit dem sie immer wieder „Liebe macht“. Ob sie ihn auch liebt bleibt offen. Aber sie ist hungrig danach, das Leben und die Liebe zu lernen. Die Gelegenheit ergibt sich als sie den Bauern des Nachbarhofes kennen lernt. Henner, der Bauer vom Henner-Hof, ist der Gegenentwurf zum soliden Siegfried. Während Siegfried es auch in DDR-Zeiten geschafft hat, den Hof am laufen zu halten und den Spagat zwischen Eigenständigkeit und Konformität irgendwie hinbekommen hat, hat sich Henner am System gerieben, seine Frau verloren, den Hof heruntergewirtschaftet und ist zum Alkoholiker geworden. Trotzdem oder deswegen ist er ein Mann mit Ausstrahlung und schafft es, das junge Mädchen in seinen Bann zu ziehen. Die beiden erleben eine geheime Amour Fou in der Maria zur Frau wird und lernt Entscheidungen zu treffen, ihr Leben in die Hand zu nehmen.
„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“, ein Roman der in poetischen Bildern wirkliches Leben beschreibt
So persönlich die Perspektive ist, die Daniela Krien für „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ gewählt hat, so tiefe Einblick erlaubt sie dem Leser in das Leben zu DDR-Zeiten. In kurzen Episoden schildert sie die Lebensläufe aller beteiligter Personen, teilweise über zwei Generationen zurück. Schicksale, die zu der Welt gehören, wie Maria sie als ihre Gegenwart erlebt. Verstrickung, Verlogenheit, fehlgeleiteten Glauben aber auch Mut, Standhaftigkeit und Pragmatismus lernt sie kennen und beim eigenen Erwachsenwerden auch verstehen. Es ist keine eindimensionale Welt von Gut und Böse, sondern lebendige Lebenswirklichkeit, die sie erlebt. Es sind Menschen die teilweise unter schrecklichen Zwängen leben, von denen manche sich aber auch große innere Freiheit bewahrt haben, die sie auf ihrem Weg in ihr eigenes Leben begleiten. Kein Buch nur über das Leben in er DDR und danach, im wiedervereinigten Deutschland, sondern ein Buch über das Leben mit Licht- und Schattenseiten, mit Höhen und Tiefen, Glück und Verzweiflung, gemalt in wunderschönen Sprachbildern:
„Wir sitzen am Ufer und halten die Füße ins Wasser. Johannes sieht mich nur noch durch die Kamera an. Jede Geste wird zum Bild, jeder Blick zur Unendlichkeit. Er löst mich aus der Zeit und hält einen Augenblick fest, der gleich danach unwiederbringlich verloren ist – jedes Bild ein kleiner Tod.“
Daniela Krien: Irgendwann werden wir uns alles erzählen. Graf Verlag, 2011. gebundenes Buch, 235 Seiten, Euro 18,00
