Darwin: Auswirkungen der Evolutionstheorie

Seine vorsichtigen Ansätze und ihre großen Auswirkungen

Viele Aspekte der Entwicklungslehre Darwins wurden von ihm selbst zurückhaltend formuliert. Dennoch brachte er etwas ins Rollen, das sich nicht mehr aufhalten ließ.

Vor Darwin herrschte in England in der Naturforschung eine Mischung aus naturalistischer Tradition und dem Glauben an göttliche Vorsehung. Auch Darwin selbst war anfangs ein Anhänger dieser Haltung, die nach der Devise verfuhr, dass man Gott dann am aufrichtigsten ehre, wenn man seine Erzeugnisse in der Natur studiere. Darwin erhielt so eine positive Grundeinstellung, die ihn dazu brachte, sich in seinem wissenschaftlichen Urteilsvermögen immer nach den naturgegebenen Realitäten zu richten, was für sein ganzes Leben bestimmend geblieben ist.

Allerdings kam er in Konflikt mit der Auffassung, dass jede einzelne Art ohne Verbindung zu den anderen Arten von Gott erschaffen worden sein sollte. Dem setzte er später aufgrund seiner durchgeführten Studien die Überzeugung entgegen, dass die belebte Welt das Werk der natürlichen Evolution ist, die im Verlauf der Geschichte zum heutigen Formen- und Artenreichtum geführt habe. Er war davon überzeugt, dass sich die einzelnen Arten aus vorherigen Ahnenformen allmählich entwickelt haben mussten. Dies führte wiederum zu der Erkenntnis, dass alle existierenden Arten, einschließlich des Menschen, miteinander verwandt sind.

Zur Konsequenz der Auffassungen Darwins gehört, dass sie allen Schöpfungslehren, die sich wissenschaftlichem Fortschritt entgegenstellten, den wissenschaftlichen Anspruch entzogen haben. Vermutlich ist die wichtigste Konsequenz dabei, dass Darwin nicht nur neue methodische Instrumentarien und Sichtweisen in die Biologie einbrachte, sondern dass seine Erkenntnisse und Arbeitsweisen weit über die Biologie hinaus das wissenschaftliche und geistig-kulturelle Leben beeinflusst haben.

Die Entstehung der Arten

Charles Darwin formulierte es in der ihm eigenen, vorsichtigen Art so: "Dass sich gegen die Theorie der Abstammung mit Modifikationen durch Abänderung und natürliche Zuchtwahl viele gewichtige Einwände vorbringen lassen, bestreite ich nicht ... Nichts erscheint auf den ersten Blick schwieriger als der Glaube, dass die verwickelten Organe und Instinkte nicht durch höhere, wenn auch der menschlichen Vernunft analoge Kräfte vollkommener geworden sein sollen, sondern durch die Anhäufung unzähliger geringer Abänderungen, deren jede dem betreffenden Individuum nützlich war." (Darwin, Charles: Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Leipzig o.J. Verl. P. Reclam, S. 414)

Trotzdem empfand Darwin diese "der Einbildungskraft fast unüberwindlich erscheinende Schwierigkeit" nicht für wesentlich, wenn man folgende Dinge zugibt:

1. dass alle Teile der Organisation und alle Instinkte mindestens individuelle Unterschiede aufweisen,

2. dass ein Kampf ums Dasein besteht, der zur Erhaltung der vorteilhaften Abweichungen des Körperbaus oder der Instinkte führt,

3. dass Abstufungen, deren jede in ihrer Art gut war, in Vollkommenheit eines jeden Organs bestanden haben.

Von der Biologie zur Weltanschauung

Die Einsicht, dass das Zusammenspiel von individueller Variationsvielfalt und natürlicher Selektion die entscheidende Ursache für die Evolution ist, bedeutet, dass sie eindeutig "von dieser Welt" ist. Sie findet in einem Diesseits statt, was für die wissenschaftliche Gedankenwelt einen "allmächtigen Schöpfergott" ausschließen muss. Diese Erkenntnis wiederum führt von der rein naturwissenschaftlich ausgerichteten Biologie zum Philosophieren, zur Weltanschauung.

Als weltanschauliche Konsequenzen aus Darwins Entwicklungslehre kann man festhalten:

1. Das statische Weltverständnis wurde durch ein evolutionäres abgelöst. Von Darwins Vorgängern J. B. de Lamarck (1744-1829) und Darwins Großvater Erasmus Darwin (1731-1802) bereits vorbereitet, ist es durch Charles Darwin mit einer soliden wissenschaftlichen Grundlage ausgestattet worden.

2. Die Schöpfungslehre erwies sich durch Darwins Gesamtaussage als wissenschaftlich unhaltbar.

3. Die Deutung der Zweckmäßigkeit als ein teleologisches Phänomen musste zugunsten eines teleonomisch zu verstehenden Selektionsvorganges aufgegeben werden. Die Wechselwirkung zwischen ungerichteten Variationen und dem durch natürliche Auslese bewirkten Fortpflanzungserfolg ist rein materialistisch zu erklären.

4. Das Prinzip der gemeinsamen Abstammung wurde auf den Menschen übertragen, was dazu führte, dass der Anthropozentrismus seine Berechtigung verlor.

Darwins Theorien wirken bis heute

Einer der wichtigsten Aspekte von Darwins Forschungen ist vielleicht, dass er den Zufall nicht als Störfaktor, sondern als schöpferisches Element erkannt hatte, und zwar lange bevor die Physik (beisipelsweise bei der Thermodynamik) auf den Zufall als maßgeblichen Faktor bei bestimmten Prozessen aufmerksam wurde. Das schöpferische Element des Zufalls sah Darwin in ganzheitlichen, sich selbst gestaltenden Lebewesen.

Auswirkungen haben Darwins Arbeiten auch auf die Molekulargenetik. Ordnungsfaktoren in den Genen wurden schon lange vermutet und sind mittlerweile bestätigt. Die Vernetzung der Gene untereinander, ihre funktionelle Differenziertheit wie ihre regulative Gestaltungsfähigkeit (z.B. bei Regulator- und Operatorgenen) ist deutlich geworden. Wichtig hierbei ist, dass es molekulargenetische Steuerungs- und Regelungseinheiten gibt, für die weitgehend nichtlineare Kausalbeziehungen bestimmend sind. Sie ermöglichen die eigengesetzliche Entwicklungsfähigkeit der Organismen. Das Bewährte wird in allen Bereichen durch Regulative genetisch gesichert, alles um des Überlebens willen.

Das Herausfinden dieser und vieler anderer Faktoren lässt im Grunde keinen Platz mehr für Welterklärungen, die einen persönlichen Schöpfer implizieren. Vermutlich wird Darwin uns noch in vielen wissenschaftlichen Zusammenhängen begegnen und begleiten.

Ortrun E. Lenz, Claudia Dupont

Ortrun E. Lenz - Jahrgang 1960, Studium der Publizistik, Soziologie und Volkskunde (M.A.). Bisherige Tätigkeiten u.a.: Volontärin bei einer ...

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