... Sie wirbelte den gedanklichen Bodensatz verfestigter Weltansichten in vielen Köpfen auf. Bis heute sorgt sie für kontroversen Diskussionsstoff.
Um die Welt als Sammler und Forscher
Bereits vor der Herausgabe seines die Biologie und die Welt revolutionierenden Werks „Entstehung der Arten“ konnte Darwin, der sich selber einmal als „Millionär von seltsamen und wunderlichen kleinen Tatsachen“ bezeichnete, auf ein abenteuerliches und von Forschungsdrang geprägtes Leben zurückblicken. Es existierten schon 14 veröffentlichte Bücher, in denen der Forscher die Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen seiner Forschungsreise auf der Beagle verarbeitet hatte. Darwin schien sich schon damals intensiv mit der Frage nach der Entstehung und Entwicklung des Lebens auseinanderzusetzen – in den Schriften über die entdeckte Flora und Fauna sind wichtige Gedanken für seine detaillierte Evolutionstheorie versteckt.
Der Reisebericht „Die Fahrt der Beagle“ erlangte Weltruhm. Darwin sammelte maßgebliche Anstöße für die Entwicklung seine Theorien auf ebenjener fünfjährigen Forschungsreise um die Welt. Ihm fiel auf, dass auf den verschiedenen Galapagosinseln Tierarten lebten, die sich nur in wenigen Merkmalen voneinander unterschieden. Besonders auffällig schien Darwin eine Finkenart, die von Insel zu Insel geringfügig unterschiedliche Schnabelformen aufwies. 13 verschiedene phänotypischen Ausprägungen der Darwin-Finken konnte der Namensgeber erkennen. Einige Zeit später zog Darwin die Konsequenz aus seiner Beobachtung und ordnete die Vögel verschiedenen Arten der gleichen Gattung zu. Durch die Schwierigkeit die Arten klar voneinander abzutrennen schlussfolgerte er, dass Arten niemals konstant blieben noch als konstante Arten erschaffen würden, sondern infolge von Variation und Selektion einem fortlaufenden Wandel unterworfen seien.
Evolutionstheorie
Die These, Erscheinungen der Natur, wie Lebewesen, Pflanzen, Mineralien seien nicht unabhängig voneinander sondern vielmehr als aufeinander folgenden Entwicklungsstufen zu betrachten, war nicht neu. Schon Aristoteles bemerkte in seinen Lehrschriften zur Tierkunde: „So macht die Natur auch den Übergang von den unbelebten zu den lebendigen Dingen nur schrittweise, so dass infolge dieser Stetigkeit überall Zwischenglieder vorhanden sind, ein Mittelding, von dem man nicht weiß, zu welchem Grenznachbarn es zu rechnen ist.“ Anders als Darwin betrachtete der Philosoph die Einteilung in verschiedene Stufen nicht als Folge langwieriger historischer Prozesse des Wandels und der Auslese sondern als eine unveränderbare, per se existierende Artkonstanz.
Darwin hingegen wies auf die Verwandtschaft alles Lebendigen hin; auf die Entstehung der Lebewesen aus einem einzigen Keim des Lebens, der sich im Laufe von Selektion und Variation an die bestehenden Umweltbedingungen angepasst und in unzählige Lebensformen differenziert hat. Laut Darwin verlaufe die Entwicklung alles Lebendigen auf eine möglichst optimale Anpassung hin. Die Abspaltung neuer Arten oder Rassen ließe sich mit der Selektion der am Bestangepassten erklären, die ihren Vorteil genetisch weitervererbten.
Ikone der Wissenschaft
Die Evolutionstheorie war von Beginn an sehr eng mit der Person Darwin verknüpft. Die ersten Wissenschaftler, die sich intensiv mit Darwins Theorien auseinandersetzten, legten den Meilenstein für diese zukunftsweisende Entwicklung. Sie betitelten ihre Schriften über die Evolutionstheorie mit „Darwinia“ (Asa Gray) und „Darwinismus“ (Alfred Russel Wallace). Zweiterer Begriff hat sich bekanntlich bis heute durchgesetzt.
Verantwortlich für die rasante Verbreitung der theoretischen Debatte und gleichzeitig der Bekanntheit des Forschers selber war die rasche mediale Entwicklung im 19. Jahrhundert: Schriften konnten in höheren Auflagen eine viel breitere LeserInnen-Masse erreichen, als es vorher der Fall war. Günstigere Druckmöglichkeiten, Leihbibliotheken und ein reges Kolporteurswesen verbreiteten den neuen Diskurs in der Öffentlichkeit. Diskussionen und Debatten in Clubs und Vereinen sorgten für ständige Aktualität des Themas. Der Aufstieg Englands als Kolonialmacht ermöglichte es dem Wissenschaftler per Post-Korrespondenz ein fähiges und stabiles Informationsnetzwerk mit Menschen aus der ganzen Welt auszubilden, die ihm die nötigen Kenntnisse für den Ausbau seiner Theorien in Form ihrer eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zuspielen konnten.
Mit der fortlaufenden Verbreitung seiner Gedanken wurde Darwin schon zu Lebzeiten zu einer Ikone. Die wissenschaftliche Schlagkraft, die Reichweite der Evolutionstheorie und der Bekanntheitsgrad Darwins suchen von der Entstehung bis heute nach Seinesgleichen.
Gespaltene Reaktionen
Seit Erscheinung des Werkes „Entstehung der Arten“ (1859) diskutiert die Forschung sehr kontrovers über Darwins Theorien. Dies ist nicht nur den vielfältig auslegbaren und auf diverse Bereiche übertragbaren Aussagen des Wissenschaftlers geschuldet, sondern auch der mehrfachen Überarbeitung seiner Werke von ihm selber. So führte Darwin in der Zweitauflage seines bahnbrechenden Werkes den Ursprung des ersten Lebens auf Erden zurück auf die Schöpfungskraft Gottes. In der Erstauflage hingegen spricht er ausschließlich davon, dass das Leben „wenigen, vielleicht auch nur einer einzigen Urform eingehaucht worden sei.“ Kein Wort von Gott. Die Frage nach dem Ursprung des Lebens bleibt an dieser Stelle unbeantwortet.
Dass sich Darwin als studierter Theologe intensiv mit Fragen des Glaubens auseinandersetzte – gerade im Kontext seiner Evolutionstheorie – ist anzunehmen. Zumal gerade aus den Reihen der Gläubigen heftige Kritik an Darwins Schriften geübt wurde … und noch immer geübt wird. Die strikte Ablehnung des Evolutionsgedanken gründet sich auf den unterstellten Widerspruch zur Schöpfungslehre. Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt bezieht sich auf den so genannten Sozialdarwinismus. Er wurde als theoretische Begründung der Selektion und Auslese von menschlichen Rassen missbraucht und galt im Nationalsozialismus als Eugenik und Rassentheorie unterstützende Lehre.
Darwin-Jahr 2009
Der Name Darwin und die damit verknüpften Theorien und Diskurse haben seine Zeit weit überdauert und im Fortlauf der Entwicklung bis heute große Diskurs-Wellen geschlagen. Der 200. Geburtstag Darwins und das 150-jährige Jubiläum seines Hauptwerkes fallen in das aktuelle Jahr 2009. Dies mag einen Anreiz bieten, sich mit den facettenreichen, bahnbrechenden und sogar humorvollen Schriften des Forschers konstruktiv auseinanderzusetzen.
