Das 18. Jahrhundert - Geschichte einer vernachlässigten Epoche

Cover Schmidt, Wandel durch Vernunft - C.H. Beck
Cover Schmidt, Wandel durch Vernunft - C.H. Beck
Rezension zu Georg Schmidt, Wandel durch Vernunft. Deutsche Geschichte im 18. Jahrhundert, München: C.H. Beck 2009. ISBN 9783406592263.

Mit seinem Buch über Deutschland im 18. Jahrhundert widmet sich Georg Schmidt einer vernachlässigten Epoche, die aus seiner Perspektive zur unmittelbaren Vorgeschichte unserer Gegenwart gehört.

Abgesehen von einer hoch spezialisierten Aufklärungsforschung, hält sich das Interesse von Historikern und der gebildeten Öffentlichkeit für das 18. Jahrhundert in engen Grenzen. Als „Moderne“ und damit als Vorgeschichte unserer Gegenwart werden allgemein das 19. und 20. Jahrhundert angenommen. Die Zeit vor der Französischen Revolution gilt dagegen nicht mehr als traditionsbildend, sondern als Hort überwundener vormoderner Strukturen. Der Jenaer Historiker Georg Schmidt, ein namhafter Experte für die Geschichte das Alten Reiches, sieht das anders. Er schildert „das vernachlässigte Jahrhundert“ als eine bewegte Epoche voller Fortschrittshoffnung und Reformeifer.

Statische Gesellschaft und progressives Denken?

Schmidts Darstellung beginnt mit den strukturellen Gegebenheiten zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Bevölkerung, Sozialstruktur und Wirtschaft, Verfassung und politische Lage, um sich anschließend der Aufklärungsbewegung zuzuwenden. Hier bewegt sich das Buch leider in sehr konventionellen Bahnen: Die immobile, vormoderne Gesellschaft wird von den Aufklärern am Reißbrett umgestaltet und über Reformpläne in die Moderne geführt. Schon im Buchtitel („Wandel durch Vernunft“) klingt ein verkürzter Hegelscher Idealismus an, der dem „Geist“ die Priorität über das Materielle zuspricht. So ist der Rückfall in die klassische Ideen- und Politikgeschichte vorprogrammiert. Innovativ wäre es demgegenüber gewesen, zu hinterfragen, ob die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts wirklich so statisch und das Denken der Zeit wirklich so progressiv waren. Auf diese Idee kann Schmidt schon allein deshalb nicht kommen, weil er einen zu weit gefassten Aufklärungsbegriff vertritt, der sogar Gegenströmungen wie die Romantik eingemeindet.

Zukunftsfähigkeit des Alten Reiches?

Recht eigenwillig ist Schmidts Lesart der Politik- und Verfassungsgeschichte des Alten Reiches. Es sei nicht an seiner Schwäche nach innen und außen gescheitert, sondern am preußisch- österreichischen Dualismus und am Siegeszug Napoleons. Die komplexen Aushandlungsmechanismen der Reichinstitutionen, den Föderalismus, das Fehlen eines Souveränitätszentrums, die strukturelle Nichtangriffsfähigkeit bewertet der Autor in scharfer Abgrenzung gegenüber der Borussischen Schule positiv. Mit diesen Merkmalen bewege sich das Alte Reich näher an der Gegenwart der Europäischen Union als an der nationalstaatlichen Moderne des 19. und 20. Jahrhunderts. Die politische Ordnung des 18. Jahrhunderts in die Nähe der Moderne, oder gar Postmoderne, zu rücken, ist ein gewagtes Unterfangen. Das Alte Reich hatte seine Stärken in der Austarierung ständischer und konfessioneller Interessen. Es war mit der vormodernen Gesellschaftsordnung verwachsen und daher nur eingeschränkt modernisierungsfähig. Selbst Schmidt muss zugeben, dass nur wenige Aufklärer auf die Reform- und Zukunftsfähigkeit des Reiches bauten.

Geschichtspolitische Mythenbildung oder Historisierung?

Was die profunde Kenntnis der historischen Fakten und die literarische Qualität anbelangt, hat Georg Schmidt ein Standardwerk zur Ideen- und Politikgeschichte des 18. Jahrhunderts vorgelegt, das wohl lange Zeit unübertroffen bleiben wird. Den Interpretationen des Autors sollte sich der Leser allerdings besser nicht unkritisch anschließen. Schmidt zieht gegen geschichtspolitische „Meistererzählungen“ wie „Preußens deutsche Mission“ oder die These vom „deutschen Sonderweg“ zu Felde, um dann mit seinem schiefen Vergleich zwischen dem Alten Reich und der Europäischen Union nur einen weiteren geschichtspolitischen Mythos in die Welt zu setzen. Eine konsequente Historisierung des 18. Jahrhunderts wäre vielleicht nicht so publikumswirksam, in der Sache aber angemessener gewesen.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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