Für Autoren, die noch über wenig Erfahrung mit dem literarischen Schreiben verfügen, erscheint das Adjektiv (auch bekannt als Eigenschaftswort, Beiwort oder Wiewort) als die ideale Lösung, um dem Leser das zu vermitteln, was der Autor vor dem geistigen Auge sieht. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn zu viele Adjektive, oder wie man gleich sehen wird, die falschen, und schon wirkt der Text überladen oder beliebig. Das gleiche gilt auch für Adverbien. Wie so oft ist es also auch hier eine Frage der Dosis.

Wertende und sinnliche Adjektive

Es gibt zwei Sorten von Adjektiven: wertende und sinnliche.

Das wertende Adjektiv, also Wörter wie super, großartig, schlecht, belanglos, drückt die Einschätzung des Sprechenden aus. Im Grunde transportieren diese Wörter so gut wie gar keinen Inhalt, denn was jemand als einen schönen Abend oder einen furchtbaren Abend bezeichnet, geht sehr weit auseinander und der Leser erfährt nichts Konkretes. Genau darum sollte es jedoch gehen: um das Konkrete, das für den Leser erfahrbar wird. Wenn man jemandem erzählt, einen schönen Abend gehabt zu haben, wird der andere nicht begeistert mit dem Kopf nicken, sondern nachfragen, was denn schön gewesen sei. Der Leser kann aber nicht fragen ...

Das sinnliche Adjektiv drückt, wie der Name schon sagt, etwas aus, das mit den Sinnen wahrgenommen werden kann. Schrill, rot, salzig, verbrannt, seidig sind Beispiele, die das Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Fühlen ansprechen.

Folgender Beispielsatz: „Jeden Morgen schüttelte sie die Betten aus und auf der Erde schneite es wunderschön."

Was sagt das Wort wunderschön hier aus? Nichts. Wenn es nicht dort stände, wäre nichts verloren.

Ob ein Adjektiv sinnvoll ist oder nicht, lässt sich mit der Marsmenschenregel herausfinden. Wenn man, um bei diesem Beispiel zu bleiben, einem Marsmenschen erklären müsste, was „schneien" bedeutet, hätte er dann durch das Wort „wunderschön" eine Vorstellung davon? Unter dem, was wir uns als wunderschön denken, wüsste er sich gar nichts vorzustellen. Ein exakteres Bild lieferten ihm Adjektive wie kalt, silbrig, knisternd.

Offensichtliches streichen

Die zweite Falle für Autoren besteht darin, etwas offensichtliches mit einem Adjektiv bzw. einem Adverb auszudrücken. Beispiele: „Sie knallte den Hörer heftig auf die Gabel." oder „Er stürzte schnell aus dem Raum." In diesen beiden Fällen drückt das Verb bereits alles aus, man kann einen Hörer gar nicht nicht heftig aufknallen, deswegen ist das Wort „heftig" eine Verdoppelung und folglich überflüssig.

Was tun, um Adjektive zu vermeiden, beziehungsweise zu ersetzen? In vielen Fällen ist eine Handlung eindrucksvoller als das Adjektiv, das sie beschreibt. Anstatt zu sagen „Er war ein grausamer Mann." könnte es heißen: „Im Vorübergehen trat er nach den spielenden Kindern."

Disclaimer

Hier soll nicht behauptet werden, man müsse jedes einzelne wertende Adjektiv löschen, weil man sonst in die Literaturhölle kommt. Es gibt auch gute Gründe, wertende Adjektive zu benutzen, ein einfaches Beispiel: Es kann zur Sprache einer Figur gehören, in jedem Satz „super" zu sagen. Oder man möchte ganz schlicht eine Wertung abgeben.

Selbstverständlich darf man auch mitteilen, dass sich die Figur auf einen rauhen Felsen setzt, einen froschgrünen Ford fährt und das Bachwasser eiskalt ist. Wichtig ist nur, dass man nicht jedes Detail notiert, sondern eine Entscheidung fällt, welche Beschreibung für die Geschichte und für den Leser wichtig ist und welche nicht.

Höhere Weihen der Adjektivverwendung

Ein besonderer Effekt kann erzielt werden, wenn man ein Adjektiv auswählt, das in dem verwendeten Zusammenhang unüblich ist. Beispiele wären etwa: ein grelles Lächeln, ein feindseliger Gang oder eine aggressive Topfpflanze. Solche Kombinationen können ebenso originell wie vielsagend sein, sollten jedoch sparsam und gezielt verwendet werden, um den Effekt nicht zu verwischen.