Das amerikanische Hospital, der neue Roman von Michael Kleeberg

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital - DVA
Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital - DVA
Paris, der Irakkrieg, künstliche Befruchtung und die Liebe zu Gedichten: Michael Kleeberg komponiert daraus einen bewegenden Gegenwartsroman. Rezension.

In seinem soeben erschienenen Roman „Das amerikanische Hospital“ verknüpft Michael Kleeberg zwei Geschichten des Scheiterns und lässt sie, nach sich verschärfenden Krisen, versöhnlich enden. Das Buch lädt zum wiederholten Lesen ein, es enthält beeindruckende Szenen, die sich ins Gedächtnis einbrennen und wurde zu Recht für den Deutschen Buchpreis 2010 nominiert, der zu Beginn der Frankfurter Buchmesse im Oktober verliehen wird.

Themen der Gegenwart: Ein traumatisierter Soldat, ein unerfüllter Kinderwunsch

In der Empfangshalle des amerikanischen Hospitals in Paris lässt der Erzähler zwei Menschen aufeinandertreffen, die so gar nichts miteinander zu tun haben: David Cote, ein US-amerikanischer Offizier, befindet sich nach seinem Einsatz im ersten Irakkrieg in psychotherapeutischer Behandlung, Helène, eine französische Ehefrau Anfang dreißig, will sich in diesem Krankenhaus durch künstliche Befruchtung zu einem Kind verhelfen lassen. Der Amerikaner hat eine Panikattacke und stürzt, sie fängt ihn auf. Aus der Zufallsbegegnung entwickelt sich eine Freundschaft, als beide entdecken, dass ihnen die Poesie sehr viel bedeutet. Der Liebe zu Gedichten steht das Trennende gegenüber: Er stammt aus einer Soldatenfamilie und rechtfertigt den Kriegseinsatz für die „gute Sache“, sie ist eine linke Pazifistin, die den Krieg verabscheut. In größeren Zeitabständen treffen sie sich wieder, hören einander zu, streiten sich, nehmen Anteil, fangen einander auf.

Verstörende Szenen vom Grauen des Krieges und dem Schmerz einer Fehlgeburt

Eindringlich werden dem Leser zwei Lebensbereiche nahegebracht, in die er sonst kaum Einblick erhält: Zum einen ist dies die Reproduktionsmedizin, die der Natur auf die Sprünge helfen will und doch die hochgespannten Erwartungen in den wissenschaftlichen Fortschritt enttäuscht. Zum anderen ist es das Erleben eines Soldaten in einem Krieg, den er anfangs für gerecht und notwendig hält, in dem er aber Dinge sieht und selbst tut, die er zutiefst missbilligt. Für beide Bereiche findet der Autor eindrucksvolle Bilder.

Der Amerikaner hat verstörende Erlebnisse zu verarbeiten. Zum Beispiel hat er, dessen Hobby Birdwatching war, mit ansehen müssen, wie sieben Ibisse im Südirak einen Ölsee für ein Gewässer hielten und elend zugrunde gingen oder wie die Eroberung eines Dorfes in einem Massaker an Alten und Kindern endete. Für Helène führt jede durch IVF herbeigeführte Schwangerschaft zu einer Fehlgeburt. Eine dieser Niederlagen im Kampf gegen den eigenen Körper, die sie nachts allein auf der Toilette erlebt, lässt ihr ganzes Elend erahnen. "What a bloody mess" denken beide Protagonisten und erkennen, dass es Situationen gibt, in denen auch die Poesie nicht trösten kann.

Michael Kleeberg demonstriert, dass Erzählen heilsam ist

Doch „Das amerikanische Hospital“ ist kein düsteres Buch. Die leidvollen Prozesse des traumatisierten Soldaten und der verhinderten Mutter münden in einen neuen Anfang. Schließlich können beide das alte Leben hinter sich lassen und vorsichtig neu beginnen. Und noch eine Person scheitert und verarbeitet die Niederlage, der Erzähler. „Dahin“ – das erste Wort des Romans – ist alles, was er hatte, aus, verloren und vorbei; „dahin“ – das zweite Wort des Romans – muss er zurück, nach Paris, in jene Zeit der neunziger Jahre. Er muss das damals Erlebte noch einmal durcharbeiten, indem er es erzählt. Er tut dies in einem schmerzvollen Prozess mit großer Empathie, durch genaues, nachempfindendes Erinnern.

Das amerikanische Hospital spielt in Paris und im Irak

Nah an den realen Schauplätzen und Problemen der Gegenwart und poetisch zugleich ist diese Geschichte. Aktuelle Themen wie die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) von Soldaten und die In-vitro-Fertilisation (IVF) kontrastieren mit Sehnsuchtsorten in Paris, in der französischen Provinz und sogar im zerstörten Irak, wo sich in den Marschen nördlich von Basra der Garten Eden befunden haben soll. Wer ein gründlich recherchiertes, psychologisch stimmiges, gut komponiertes Buch sucht, das von innerer Spannung und differenzierter Sprache lebt, sollte unbedingt zu Kleebergs Roman greifen.

Michael Kleeberg: Das amerikanische Hospital. Deutsche Verlags-Anstalt 2010, Hardcover 240 Seiten. 19,99 Euro.

Ruth Lisa Knapp, Ruth Lisa Knapp

Ruth Lisa Knapp - Nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Philosophie war ich als Lehrerin im In- und Ausland tätig, später als ...

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