
- aron-quartett auf Schloss Laudon - Georg Hamann
Wer immer sich anschickt über das aron-quartett zu berichten, sollte am besten mit Wien anfangen. Denn auch wenn nur einer der vier Musikern des Ensembles gebürtiger Wiener ist: was einem da entgegen klingt, das ist Wiener Tradition vom Feinsten.
Wien, Wien, nur du allein...
An der Grenze zwischen Okzident und Orient gelegen, geprägt von germanischer Strenge, die jedoch stets gemildert wurde durch immer wieder sich durchsetzendem slawischen Laissez-faire und romanischer Eleganz, war Wien schon immer die Hauptstadt der Gegensätze. Augenzwinkernde Zucht und Ordnung, staatlich durchstrukturierte Leichtigkeit, Gemütlichkeit mit internationalem Flair, sarkastische Herzlichkeit oder anheimelnde Pracht. Was überall sonst sich gegenseitig aufhebende Kontraste sind, wird in Wien zur selbstverständlich dargebotenen Lebensart. Der Fachausdruck dafür lautet „Schmäh“ - und gerät bei so manchem (vermutlich neidischem) deutschen Nachbarn fast zum Schimpfwort, zur Umschreibung mangelnder Gradlinigkeit und Reserve gegenüber allem, was zu deutlich ist.
Das ist so falsch nicht, hat sich aber im Laufe der Jahrhunderte herausgestellt als eine der entscheidenden Grundbedingungen unter denen große Kunst gedeiht. Ob nun in der Malerei eines Klimt, in der Literatur eines Schnitzler - und erst recht in der Musik eines Schubert: überall findet man sie, diese Scheu vor dem zu Expliziten zuungunsten charmanter Leichtigkeit. Das Ergebnis einer solchen Haltung ist - überraschenderweise - ein Mehr an Klarheit; und - nicht so überraschenderweise - ein Weniger an Bemühtheit. All das, und noch viel mehr, lässt sich in den Interpretationen des aron-quartetts wiederfinden.
Das aron-quartett: erstes quartet in residence des Arnold-Schönberg-Zentrums in Wien
Gegründet 1998 vom Steiermarker Ludwig Müller, dem Rumänienungarn Barna Kobori, dem Wiener Georg Hamann und dem Schweizer Christophe Pantillon, ist das Streichquartett heute eines der renommierten Ensembles des an renommierten Interpreten wahrlich nicht armen Österreich. Die Namensgebung ist zurückzuführen auf sein Entstehen als quartet in residence des Arnold-Schönberg-Zentrums; ein wenig ist es auch Programm. Denn neben dem großen Repertoire haben die Musiker sich von Anbeginn auch als Interpreten der Zweiten Wiener Schule, der Komponisten sogenannter „verfemter Musik“ des 20. Jahrhunderts und zeitgenössischer Werke im allgemeineren Sinn verstanden. Das mag für das aron-quartett selbst von Vorteil gewesen sein. Für diese… speziellere Sparte der ernsten Musik aber ist es ein Segen.
Denn allzu oft bleibt diese überlassen irgendwelchen „Spezialisten“, Musikern, die fast ausschließlich sich nur wenig Bekanntem, Vergessenem oder auch nie richtig bekannt Gewordenem widmen. Meist tun sie dies aus gutem Grund. Denn vor allem bei der Musik des 20. Jahrhunderts und zeitgenössischer Werke ist die Struktur für normale Zuhörer oft nur schwer nachvollziehbar, die melodische Linienführung - so sie denn überhaupt existiert - unklar, das harmonische Gefüge sperrig. Wer kann bei allen Windungen, Dissonanzen und Fremdheit denn schon sagen, ob das, was in den Noten steht, wirklich gespielt wurde, ob der Wirrwarr akustischer Erfahrungen der Komposition oder der Interpretation geschuldet ist? Ganz recht, die Antwort lautet: kaum einer. Das gilt für Otto Normalverbraucher ebenso wie für die großen Verlagshäuser, die Entscheidungsträger der Plattenfirmen oder Rundfunk-Programmdirektoren. So ganz durchschaut keiner, was es da wirklich zu interpretieren gilt. Und alle unterschätzen dabei die Bedeutsamkeit exzellenter Interpretation. Anschließend sitzt man dann zusammen und beklagt die mangelnde Akzeptanz sogenannter moderner Musik durch das breite Publikum.
Dabei ist richtig, dass diese Akzeptanz zu wünschen übrig lässt. Doch das liegt weder an den Kompositionen noch am Publikum. Ein Blick auf die russische Kompositionsschule des 20. Jahrhunderts oder auch auf die Zweite Wiener Schule zeigt, dass der Schlüssel zur Überzeugung der Zuhörer in der Interpretation liegt. Das bewahrt einen zwar nicht vor emotionalen Ausbrüchen, wie Schönberg-Uraufführungen durch das Rosé Quartett bewiesen. Skandale aber haben der Popularität eines Werks nie geschadet. Schaden tut nur Gleichgültigkeit. Und diese lässt sich nur vermeiden, wenn man eben Strawinsky von Rostropowitsch spielen lässt, also weil der Interpret es will und nicht, weil er Haydn nicht kann.
Natürlich gibt es dabei aber auch rühmliche Ausnahmen, Cecilia Bartoli etwa oder das Alban-Berg-Quartett. Und… nun ja, eben das aron-quartett auch.
Das aron-quartett kann alles, außer "langweilig"
Alle vier Musiker verfügen über exzellente Technik. Natürlich, möchte man sagen, doch ganz so selbstverständlich ist das heutzutage nicht mehr. Jeder einzelne von ihnen hat einen vollen, reichen Klang. Zusammen entwickeln sie eine warme, vibrierende Sonorität, die jedoch an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Ein solides Verständnis dessen, was sie spielen, geht einher mit gepflegter Disziplin, die jedoch trotzdem einem jeden der Musiker Raum zur individuellen Entfaltung übrig lässt. Die technische Perfektion steht dennoch niemals im Vordergrund. Stattdessen ist es die Leidenschaft, die Expressivität und die Seele der jeweiligen Musik, die die Hauptrolle spielen. Denn das aron-quartett ist intim, „per Du“ mit der Musik, die sie interpretieren, und das in ausreichendem Maße, um es sich leisten zu können, gelegentlich die Perfektion zugunsten der Natürlichkeit beiseite zu schieben. Das Ergebnis ist unweigerlich von großer Anziehungskraft.
Das gilt nicht allein für die Gesamtaufnahme der Schönberg-Streichquartette, die zu Recht mit dem Pasticcio-Preis ausgezeichnet wurde. Es lässt sich ebenso eindrucksvoll wiederfinden in der Einspielung sämtlicher Korngold-Quartette wie auch auf den CDs mit den viel bekannteren, eingängigen Werken des großen Streichquartett-Repertoires wie Franz Schuberts „Rosamunde“ und „Tod und das Mädchen“ oder Maurice Ravels Streichquartett in F-Dur.
Wer sich einmal davon selbst live überzeugen möchte, dem sei das Kammermusikfestival auf Schloss Laudon bei Wien ans Herz gelegt, das vom aron-quartett alljährlich im August veranstaltet wird.
Quelle: http://www.aronquartett.at/
