Ein ebenso bedeutender wie umstrittener Politiker der Weimarer Republik, der im Ersten Weltkrieg einen persönlichen Denkprozess vom Befürworter zum Skeptiker durchlaufen hatte, wird nach der Unterzeichnung eines Vertrages – eher aus Einsicht denn aus Neigung – von den rechten Terroristen der „Organisation Consul“ (OC) ermordet. Klingt wie eine Wiederholung des Erzberger-Schicksals und ist es in seinen groben Zügen auch – nur ist das Opfer diesmal der Außenminister des Deutschen Reiches: Walther Rathenau.

Der Industriellensohn und Schriftsteller Walther Rathenau

Rathenau, Sohn des AEG-Gründers Emil Rathenau, leitete dies Konzern später selbst, wenn er auch nur die zweite Wahl für diesen Posten war. Für Walther, 1867, war dies nicht schlimm, auch für ihn war eine Karriere bei der AEG nur zweite Wahl, er bevorzugte literarische Betätigungsfelder, doch nach dem Tod seines Bruders 1903 übernahm er die Leitung des Konzerns und dies durchaus zu dessen Vorteil. Nebenbei verspürte er politische Ambitionen, die jedoch weniger von Erfolg gekrönt waren – bis der Krieg ausbrach.

Walther Rathenau und der Erste Weltkrieg

Die Militärs hatten mit einem kurzen Feldzug gerechnet, doch Weihnachten 1914 war der Krieg längst nicht zu Ende. Das brachte die Wirtschaft in Bedrängnis, doch der eilig herbeigerufene und mit reichlich Kompetenzen ausgestattete Rathenau setzte ein radikales Versorgungsprogramm durch – unter Einschluss der Ausbeutung von eroberten Gebieten – der den Zusammenbruch verhinderte. Dank erntete er dafür kaum, 1915 räumte er den Posten und zieht sich komplett zurück. Trotzdem fürchtet er bis zum Schluss die Auswirkungen einer deutschen Niederlage, die er bereits heraufdämmern sieht.

Die Anfänge der Weimarer Republik und Rathenau

Auch in der neuen Weimarer Republik drängt es ihn vorerst nicht zurück in die Republik, die Parteien an der Macht scheinen ihm wenig attraktiv, trotzdem tritt er später der liberalen DDP bei und fungiert dann als Berater für wirtschaftliche Fragen. Seine vermittelnde Position in der Debatte um die Reparationszahlungen an die Alliierten macht ihn schließlich zu einer Zielscheibe der rechten Kreise, denen dabei eines besonders zupass kommt: Rathenau ist Jude. Und so gibt er fortan eine ideale Hassfigur für die Nationalen ab.

Außenminister und "Erfüllungspolitiker"

Denen muss es als vollendeter Affront erscheinen, dass Reichskanzler Wirth Rathenau 1922 zum deutschen Außenminister ernennt. Wie Erzbergers Unterschrift unter den Waffenstillstand, so wird für ihn die Unterzeichnung des Rapallo-Vertrages, ein Freundschaftsabkommen mit der jungen Sowjetunion, zum Todesurteil. Und wie diesem war dies auch Rathenau bewusst, schließlich war der ehemalige Finanzminister erst vor Monaten umgebracht worden und Anfang Juni war nur knapp ein Anschlag auf den früheren Reichskanzler Scheidemann in Kassel fehlgeschlagen. Waren diese „nur“ so genannte Erfüllungspolitiker, so war Rathenau zusätzlich – auch im Parlament – einem unverhohlenem Antisemitismus ausgesetzt.

Das Attentat auf den Außenminister in Berlin

Aus einem gewissen Fatalismus heraus verweigerte Rathenau umfassenden Polizeischutz und so kam es letztlich so, wie er selbst es wohl für unvermeidbar hielt. Auf der Fahrt ins Auswärtige Amt wird sein Wagen am 24. Juni 1922 in der Berliner Königsallee überholt und mit einem Maschinengewehr beschossen. Die Attentäter werfen noch eine Handgranate hinterher und fahren davon. Rathenau hatte keine Chance, er war tödlich getroffen. Noch mehr als der Tod Erzbergers führt sein Tod zu echtem Entsetzen und nun auch verstärkter Empörung unter den Demokraten, Reichskanzler Wirth äußerte im Parlament die berühmten – und prophetischen Worte: Der Feind steht rechts.

Verfolgung und Tod der Attentäter

Auch die Verfolgung der Täter war diesmal erfolgreicher: die beiden direkten Attentäter und OC-Mitglieder Erwin Kern und Hermann Fischer wurden nach Wochen auf der Flucht gestellt und unter nicht ganz geklärten Umständen bei einem Schusswechsel an ihrem Rückzugsort, der Burg Saaleck, getötet, ihre Helfershelfer, darunter der spätere Schriftsteller Ernst von Salomon, bekamen Haftstrafen. Doch auch hier blieben die Ermittlungen über die Hintermänner stecken, der „Consul“, der ehemalige Freikorpsführer Kapitän Ehrhardt, blieb unbehelligt.

Literatur:

Peter Berglar: Walther Rathenau. Berlin: 1970.

Alexander Demandt: Das Attentat in der Geschichte. Suhrkamp: 1999.

Harry Wilde: Walther Rathenau. Reinbek bei Hamburg: 1990.

Bild: Arno Bachert - pixelio.de