
- Vergänglichkeitssymbolik in - Stefanie Fies
Eine existentielle Auseinandersetzung mit Tod, Verdrängung, Ohnmacht und innerer Freiheit: 1995 hat Filmemacher Jim Jarmusch mit seinem Antiwestern „Dead Man“ einen empfindlichen Nerv an der Wurzel westlicher Kultur getroffen. Eine handverlesene Darstellerriege ließ sich für den Stoff verpflichten: Johnny Depp, Robert Mitchum, Gary Farmer, Gabriel Byrne...
„Dead Man“ – ein Film wie ein Gedicht
Robby Müllers atmosphärische, kontrastreiche Bilder entfalten einen langsamen Sog: Allein durch Kleidung, Mimik, wechselnde Passagiere im Zugabteil, spärliche Eindrücke der Landschaft wird die Persönlichkeit des William Blake und die Art seiner Reise beschrieben. Man bekommt ein unbehagliches Gefühl beim Anblick des bebrillten, in einen großkarierten Anzug gekleideten, recht scheuen jungen Mannes, dessen Umgebung immer feindseliger zu werden scheint – und dem der Maschinist prophezeit, dass er hier genauso wahrscheinlich sein eigenes Grab wie die zugesicherte Anstellung als Buchhalter finden wird.
Charakterisierung westlicher Zivilisation als Todbringer
Mit der Stadt am Ende der Bahnlinie, die treffenderweise „Machine“ heißt, hat Jarmusch einen Abgesang auf die weiße Zivilisation geschaffen: einen dreckigen, vulgären Außenposten, regiert von der Gier nach Ausbeutung natürlicher Ressourcen, wo Blake der Tod auf Schritt und Tritt in Form von Särgen, Tierschädeln und Geweihen begegnet. Der exzentrische Besitzer von "Dickinson’s Metalworks", das Gewehr im Anschlag vor seinem überlebensgroßen Selbstporträt, wirkt wie das selbsternannte Alphatier im rechtsfreien Raum der Stadt, und der höfliche Blake schafft es trotz seiner verzweifelten Situation nicht, die schon besetzte Stellung einzufordern.
Vergänglichkeitssymbolik durchzieht den gesamten Film, selbst die Bar, in der Blake sein letztes Geld für einen Flachmann ausgibt – und Thel begegnet. Ehemals Hure, jetzt Blumenmädchen, blüht sie unter der Glasglocke ungewohnter Höflichkeit sichtbar auf.
Absurder Realismus statt klassischer Dramaturgie in „Dead Man“
Als Dickinsons Sohn, Thels ehemaliger Geliebter, die beiden im Zimmer des Mädchens überrascht und letztere versehentlich erschießt, als sie versucht, Blake zu schützen, erleben wir ein Exempel Jarmusch’scher Montage. Nicht einmal bei einem Schusswechsel wird durch schnelle Schnitte künstlich Tempo erzeugt, so dass man in gefühlter Echtzeit sieht, wie Blake umständlich nach Thels Waffe greift und zweimal daneben schießt, den wie gelähmten Charlie Dickinson schließlich in den Hals trifft und sich mit zwei Leichen im Zimmer und einer Kugel in der Brust wiederfindet. Diese quälende Langsamkeit tragikomischer Zufälle verleiht dem Handlungsverlauf eine ungeheure Glaubwürdigkeit.
Zusammenprall der Kulturen
Nach Blakes überstürzter Flucht aus Machine wird er von einem Indianer namens Nobody aufgelesen, der während seiner Kindheit als Kuriosität nach England verschifft worden war, dort zur Schule ging und ihn nun für den verehrten Poeten William Blake hält. Von seinem Stamm als Lügner verachtet, findet Nobody seine Aufgabe in der ehrfurchtsvollen Fürsorge für Blake, der ihm notgedrungen in die Wälder folgt.
Gleichzeitig heuert Dickinson die drei berüchtigtsten Killer der Gegend an und setzt ein Kopfgeld auf Blake aus.
Jarmuschs Verkehrung des Dialogs
Eine durch drastische Darstellungen von Gewalt inmitten wunderschöner Landschaften erzeugte, surreale Atmosphäre von Isolation wird durch die ungewöhnliche Verwendung von Sprache noch verstärkt: Wo Dialoge normalerweise auf möglichst handlungsrelevante Informationen zurechtgestutzt sind, nutzt Jarmusch sie schlicht zur Beschreibung der Unzulänglichkeit menschlicher Kommunikation.
Als Blake mit Thel auf ihr Zimmer geht, entsteht der ganze Zauber der Szene durch Nah- und Großaufnahmen kombiniert mit einem Dialog über ihre Papierblumen, während ihre Blicke ganz andere Dinge sagen. Der Indiander Nobody ist für Blake der Inbegriff der Unverständlichkeit, und dennoch spürt man hinter dessen blumiger Metaphorik eine seltsam klare Sicht der Dinge. Durch die Verwendung von Sprache karrikiert Jarmusch auch die zur universellen Rechtfertigung verkommene „christliche“ Lebensweise, wenn die übelsten Gestalten über „Pharisäer“ fluchen und aus der Bibel zitieren, wobei sie keinen Schimmer von der Bedeutung ihrer Worte haben.
Jenseits der Rollenklischees
„Dead Man“ offenbart sich immer deutlicher als Antiwestern, indem der Regisseur alle Regeln dieses Genres konsequent bricht. Unser Held ist weder der Dichter, für den Nobody ihn hält, noch der Killer, den der Rest der Welt in ihm sieht, er wird von einem Rattenschwanz aus Missverständnissen verfolgt und versucht erfolglos, jeder Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Der dicke Indianer Nobody ist weder grausam und dumm, noch edel und schön, und trotz seines Lebens als Ausgestoßener mit der Welt im Reinen. Der Realismus der Gesamtdarstellung speist sich nicht zuletzt aus den kleinen, giftigen Details: so scheint es Dickinson mehr um sein gestohlenes Pferd als um den getöteten Sohn zu gehen und hat der gewissenloseste Kopfgeldjäger ständig mit Zahnschmerzen zu kämpfen.
„Dead Man“: Demontage Hollywoods
Um seine Kernaussage noch wirkungsvoller entfalten zu können, spielt Jarmusch mit der Kinoerfahrung seiner Zuschauer: Von dem Moment an, in dem Blake eine Kugel neben sein Herz erhält, wartet man auf die obligatorische Auflösung des Plots – ein Held wird entweder gerettet oder stirbt dramatisch und ehrenvoll. Aber es wurde noch nie verfilmt, dass der Protagonist den ganzen Verlauf der Geschichte über langsam sein Leben aushaucht.
Man will die Entwicklung der Dinge ebenso wenig akzeptieren wie Blake und wird durch diesen Kunstgriff des Regisseurs auf seine eigene unrealistische, traditionell von Verdrängung geprägte Haltung dem Tod gegenüber aufmerksam gemacht – wohingegen für den Indianer stets klar ist, wo die Reise für William Blake hinführt. Das kommt schon in ihrem ersten Gespräch zum Ausdruck, als Nobody fragt: „Did you kill the white man who killed you?“ und Blake verständnislos antwortet: „I’m not dead.“.
Eine Spur von Zen in „Dead Man“
An seinem Tiefpunkt, allein gelassen, ohne Brille und zu perspektivlos für sinnlose Ängste, wird Blake zu der Persönlichkeit, die Nobody in ihm gesehen hat. Er gibt seinen Widerstand auf, handelt ohne Umschweife, ist imstande, zwei seiner Verfolger zu erschießen, ohne sie klar erkennen zu können.
Nobody bringt den völlig entkräfteten Blake in ein Indianerdorf, um ihn und ein traditionelles Kanu für die letzte Reise zu schmücken. Der Lauf der Dinge wird selbstverständlich, ohne enträtselt zu sein.
Die Musik von Neil Young hat großen Anteil daran, den schwankenden, immer öfter in Ohnmacht abdriftenden Bewusstseinszustand des sterbenden William Blake zu verdeutlichen. Auch die Kamera nimmt zunehmend seinen Blickwinkel ein, bewirkt eine starke Identifikation des Zuschauers mit Blake, lässt uns in der Schlussszene hilflos mitbeobachten, wie der letzte Kopfgeldjäger und Nobody sich gegenseitig erschießen und gestattet uns, am letzten, langen Blick des Sterbenden in die treibenden Wolken teilzuhaben.
