
- Anthony Hopkins als Serienmörder Hannibal Lecter - © Phil Bray/MGM Pictures/Universal Pictures/Dino D
1991 betritt ein Monster die Filmwelt, wie es die Menschheit bis dato so noch nicht kannte: Psychiater Hannibal Lecter tötet und verspeist seine Opfer. Nichts Neues, könnte man meinen, doch die Kälte, die Lecter umgibt, seine vollkommene Unnahbarkeit, sie ist neu. Ganz zu Recht hat Sir Anthony Hopkins für die Darstellung des Monsters den Oscar erhalten – einen von insgesamt fünf, mit denen „Das Schweigen der Lämmer“ ausgezeichnet wurde:
- für den besten Film
- die beste Regie (Jonathan Demme)
- die beste Hauptdarstellerin (Jodie Foster)
- den besten Hauptdarsteller (Sir Anthony Hopkins)
- das beste Drehbuch nach einer Vorlage (Ted Tally).
Der Film Sieben von David Fincher
Vier Jahre später, 1995, wieder ein Schocker im Kino. Und wieder ist es ein einzelner Mensch, der die Zuschauer verstört. In „Sieben“, dem Film, bei dem David Fincher Regie führte, will der Mörder John Doe (gespielt von Kevin Spacey) durch seine Taten ein Fanal setzen: Seine Opfer sind allesamt einem der sieben Laster erlegen. Die sieben Laster heißen:
- Stolz (manchmal auch als Hochmut bezeichnet)
- Neid
- Völlerei
- Geiz (auch Habgier genannt)
- Faulheit (auch Trägheit genannt)
- Zorn
- Wollust.
Laster sind schlechte Charaktereigenschaften und nach kirchlichem (katholischem) Verständnis Vorstufen der Sünde; aus ihnen erwächst erst die Sünde, weswegen sie oft auch als die sieben Todsünden bezeichnet werden. Diese Gleichsetzung ist falsch – was für John Doe keine Rolle spielt: Er will die Menschheit mit seinen Taten aufrütteln, die Gesellschaft soll erkennen, wie sündig sie ist, und John Doe will, ja er muss sie dafür strafen.
Die Opfer von John Doe in der Reihenfolge ihres Auftretens
Does erstes Opfer steht für die Völlerei; Doe hat den schwer übergewichtigen Mann zu Tode gefüttert. Einen Promi-Anwalt foltert er zu Tode und schreibt mit dessen Blut Habgier auf den Teppich (die deutsche Synchronisation wählt das Wort Habsucht). Einen Kinderschänder hält Doe ein Jahr lang gefangen. Als die beiden Detectives William Somerset (gespielt von Morgan Freeman) und David Mills (Brad Pitt) den beinahe schon mumifizierten Mann aufstöbern, lebt er noch gerade so. An der Wand steht das Wort Faulheit, in der deutschen Synchronisation Trägheit genannt. Den Mord an einer Prostituierten benennt Doe Wollust, einem Fotomodell lässt er die Wahl zwischen Selbstmord und Tod durch Erschießen, ihre Leiche begleitet das Wort Hochmut. Bleiben noch zwei Laster übrig, in Does Verständnis zwei Todsünden.
Doe verfolgt eine perfide Absicht: Er stellt sich und bietet den Detectives an, ihnen den Ort der beiden letzten Opfer zu zeigen. Er lotst Mills und Somerset auf eine einsame Landstraße, ein Lieferwagen nähert sich. Der Paketbote übergibt Somerset ein Paket, das für Mills gedacht ist. In dem Paket liegt der Kopf von Mills’ Ehefrau Tracy (Gwyneth Paltrow); weil Doe sich nichts sehnlicher wünschte, als ein so normales Leben zu führen wie das Ehepaar Mills, betrachtet er sich als Repräsentant des Lasters Neid. Mills richtet den vor ihm knienden Doe mit seiner Dienstwaffe hin und wird so selbst zum Opfer: zum Opfer des Lasters Zorn. (Dass die Konsequenz in Does Handeln an dieser Stelle kippt, weil Tracy vollkommen unschuldig ist, wird dem Zuschauer beim Betrachten des Films kaum klar. Ob es auch dem Drehbuchautor Andrew Kevin Walker bewusst war, bleibt offen.)
Kalte Faszination: Was unterscheidet Hannibal Lecter und John Doe?
Lecter ist klug, gebildet und weltgewandt. Seine Interessen umfassen alles, Kunst, Musik, Wein und Kochen, Psychologie und Medizin, Kriminologie. Er legt ein geschliffenes Benehmen an den Tag, besitzt tadellose Manieren – er ist ein Renaissancemensch (weswegen er auch wie geschaffen scheint für Florenz, seinem Versteck im zweiten Teil).
In unfassbarem Kontrast dazu stehen seine Taten! Lecter mordet Patienten, wenn sie ihn langweilen. Weil der Flötist des Baltimorer Sinfonieorchesters falsch spielt, lässt Lecter ihn kurzerhand verschwinden und setzt Teile seiner Leiche dem Stiftungsbeirat auf seiner jährlichen Soiree als amuse bouche vor. So bewundernswert seine umfassende Kultiviertheit, so abgrundtief ist seine Bosheit. Lecter fasziniert durch seine Widersprüche. Seine Taten spotten jeder Kultur und Menschlichkeit, Lecter mahnt uns, an das Böse zu glauben. Selbst der Teufel scheint zivilisierter als Lecter. Lecters Hülle ist Charisma, sein Wesen ist Gottähnlichkeit, ein Narziss erster Güte: Er schafft sich sein Universum, sein Reichtum des Geistes hält ihn im Gefängnis bei Laune – Lecter steht oberhalb und außerhalb und unterhalb jeglicher Norm und jeglichen Maßstabs. Emotion scheint ihm fremd, es fehlt ihm jede nur erdenkliche Empathie – eine ungewöhnliche Eigenschaft für einen Psychiater. Und das ist es wohl, was den Zuschauer erschreckt, verstört und fasziniert: dass für Lecter eigene, neue Normen geschaffen werden müssten.
Wo Lecter in gewissem Sinne selbstgenügsam ist, also seinen eigenen Trieben, Wünschen und Vorstellungen folgt, besitzt John Doe einen Auftrag: Er will die Gesellschaft von ihrer Sündhaftigkeit überzeugen durch drastische, religiös verbrämte und mittelalterlich anmutende Strafen. Doe ist ein Moralist, ein furchtbarer zwar, aber er hat ein Mitgefühl. Lecter ist bloß Egoist. Does Morde gleichen Predigten, sind Gemälde für eine in ihrer Saturiertheit erstarrte Gesellschaft, an denen sie entlang gehen und ihre Sünden betrachten kann. Doe handelt planvoll – Lecter aleatorisch, Pläne setzt er höchstens dann in Gang, wenn es um seine eigene Haut geht. Einem Doe kann der Zuschauer bis ins zutiefst verstörende Finale hinein folgen, kann Verständnis aufbringen für seine Motive, ohne seine Taten zu akzeptieren – bei Lecter undenkbar, auch wenn man sich als Zuschauer in „Hannibal“, dem Film, der unter der Regie von Ridley Scott entstanden ist, unmerklich auf seine Seite schmuggelt und Verachtung empfindet für Lecters Opfer Mason Verger (gespielt von Gary Oldman) und den Regierungsbeamten Paul Krendler (Ray Liotta).
Nachweise und weiterführende Hinweise
- Homepage zum Film Roter Drache
- Psychologie. Philip G. Zimbardo und Richard J. Gerrig. Pearson Studium, 18. Auflage, 2008. Gebunden, 864 Seiten. ISBN: 978-382-7372-758
- Gespräch mit Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber
