Vorweg sei gesagt, dass es nicht darum geht, der Bibel den Rang streitig machen zu wollen. Die Bibel ist das Fundament der abendländischen Kultur. Daran soll nicht gerüttelt werden. Dennoch geht es um nichts weniger, als dem Fundament der Literatur des 20. Jh., das mit seiner Wirkung bis in die heutige Zeit hineinwirkt. Das wird zu begründen sein.
Facts
Erschienen ist das Buch in seiner ersten Fassung am 2. Februar 1922 bei Sylvia Beach (Shakespeare & Company) in Paris in den griechischen Farben blau und weiß. Auszüge erschienen als Vorabdruck ab 1918 in der Literaturzeitschrift „Little Review“. Als Entstehungszeit ist der Zeitraum von 1914 – 1921 angegeben. Die derzeit bei The Bodley Head London im Handel befindliche Ausgabe hat 644 Seiten in der gebundenen Ausgabe. Die deutsche Übersetzung vonHans Wollschläger (Team) erscheint bei Suhrkamp und hat im Taschenbuchformat 1015 Seiten. Die erste Übersetzung stammt von Georg Goyert, von der es eine revidierte Fassung von 1977 im Handel gibt. Zur Übersetzungsgeschichte wird ein separater Artikel erscheinen.
Zwischenruf
Über das Buch der Bücher könnte man leicht mehrere Seminare abhalten. Deshalb sei schon an dieser Stelle auf weitere Artikel in diesem Zusammenhang hingewiesen.
Was man wissen sollte - Dubliners
1914 erschien der Kurzgeschichtenband Dubliners (bei Grant Richards, London). Der Band besteht aus 15 Kurzgeschichten. Als sechzehnte war Ulysses geplant. Schnell bemerkte Joyce jedoch, dass der Text auswucherte. Zum besseren Verständnis des Buches ist es aber hilfreich, den Kurzgeschichtenband vorher zu lesen.
Lesbarkeit
Das Buch gilt als sehr schwer lesbar. Das ist durchaus nicht richtig. Es besteht nur aus vielen verschiedenen Leseebenen, die man bei der ersten Lektüre vernachlässigen kann. Man findet dann einen humorvollen, ja witzigen Text vor, der sowohl das pralle Leben, als auch die Stadt Dublin darstellt. Zunächst kann man sich also auf den Roman einlassen, ohne an irgendwelche Leseebenen zu denken.
Der Plot – Dublin
Ulysses ist auch der erste Großstadtroman der Literaturgeschichte. Selbstverständlich gab es vorher schon Bücher, deren Handlung in Städten stattfand, aber in diesen Büchern war die Stadt lediglich Kulisse. (beispielsweise bei Dickens oder Hugo). Joyce sagt dazu: „ ich möchte ein Abbild schaffen, so vollständig, dass, wenn die Stadt eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, sie aus meinem Buch heraus vollständig wieder aufgebaut werden könnte“.
Die literaturgeschichtlichen Folgen reihen sich in einer langen Kette: Dos Passos- Manhattan Transfer, Döblin – Berlin Alexanderplatz, Dorothy Parker – New Yorker Geschichten bis hin zu Uwe Johnson – Jahrestage.
Der Plot – Die Handlung
Wir erleben vierundzwanzig Stunden am 16. Juni 1904. Die Protagonisten: Leopold und Molly Bloom, die mehr schlecht als recht ihre Ehe ausleben. Sie ist eine abgetakelte Sängerin, die ein Verhältnis mit ihrem Agenten hat. Er ist auch kein Kostverächter und hatte verschiedene Techtelmechtel. Er schwadroniert viel und arbeitet als Anzeigenaquisiteur für eine Dubliner Zeitung. Der Leser begleitet Bloom durch Dublin unter anderem zu einer Beerdigung, einem Saufgelage, einem Bordellbesuch und einer Geburt. Wir erleben ihn beim Braten von Nieren und begleiten ihn in eine Bibliothek. Molly erleben wir beim Ehebruch. Das Buch endet mit einem inneren Monolog der Molly Bloom, einem Gedankenstrom in Form eines Textes ohne Punkt und Komma über mehr als 70 Seiten. So findet der Leser die ersten zwei Odysseen, über die dieses Buch auch berichtet. Die Odyssee der Stadt und die der menschlichen Seele. Es gibt in dem Buch eine Odyssee der Sprache, eine Spiegelung der Odyssee des Homer, um schon einmal weitere Ansätze der Interpretation anzubieten.
Darüber wird zu reden sein!
