
- Entgrenzter Mensch in der Informationsgesellschaft - Verlag/Autor
Niemand wird bestreiten, dass das Ende des Eisernen Vorhangs, der Fall der Berliner und die durchlässigen Grenzen ein Gewinn und Fortschritt für Europäer, ja für die Menschheit sind. Rainer Funk beginnt sein Buch über die Entgrenzung mit Beispielen aus dem Alltag: der sich entgrenzende Popstar Michael Jackson, dessen Inszenierung megalomane Züge trägt bis zum tragischen Ende. Ein scheinbar rücksichtloser Gitarrenspieler, der auf einem südfranzösischen Campingplatz Schlaf suchende Zeltbewohner mit seinen Klängen beglückt.
Hat man das Buch durchgelesen, fallen einem weitere Beispiele von Janice Joplins und Amy Winehouses ein, die wenigstens den Vorzug haben, als Künstler in die Geschichte einzugehen. Aber auch von selbstgefälligen Guidos mit konstruierten Persönlichkeiten oder adelsgecoachten guten Bergen, die ach so prominent die Gazetten füllen. Zuvor muss sich der Leser auf die Reise durch die zehn Kapitel des Buches machen.
Zehn Buchkapitel über Entgrenzung
Der Autor Rainer Funk, Jahrgang 1943, promovierte über die sozialpsychologische und ethische Arbeit von Erich Fromm. Als sein letzter Assistent und Nachlassverwalter steht sein Buch in der psychoanalytischen Tradition seines Lehrers. In zehn Buchkapiteln entwickelt Rainer Funk die Analyse, warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht. Im Vorwort erläutert er die Gliederung seiner Arbeit.
Entgrenzung, Grenzüberschreitung, Grenzverletzung
Das erste und einleitende Kapitel schildert anhand exemplarischer Fälle das personifizierte Entgrenzungsstreben und die gegenteilige Verleugnung grenzenloser Abhängigkeit. Damit der Leser den Begriff Entgrenzung von Grenzüberschreitung und Grenzverletzung, Grenzüberschreitung und Grenzenlosigkeit abzugrenzen weiß, ist das zweite Kapitel ein sprachlich-ideengeschichtliches. Es definiert die für die folgende Analyse notwendigen Begriffe. Definition kommt schließlich aus dem Lateinischen de-finire, ab-grenzen.
In weiten Grenzen werden in den anschließenden beiden Kapiteln Phänomene der Entgrenzung in Wirtschaft und Arbeitswelt bis zu Erscheinungen von Entgrenzung im digitalisierten Informationszeitalter in Netzwerken und Medien vorgestellt. Das geht so weit, dass die Entgrenzung in virtuelle Welten von Second Life bis zu Facebook und der fehlenden Realitätsprüfung ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Im sechsten Kapitel erfährt der Leser – vielleicht sich auch schon als entgrenzter Mensch erkannt sehend – von der Entgrenzung als Leidenschaft. Fast erschreckend die vom Autor analysierte Konstruktion von Persönlichkeiten, entbundenen Beziehungen und inszenierten Gefühlen. Das siebtente Kapitel trägt den Titel "Doping der Seele" und entlarvt persönlichkeitsverändernde Methoden vom Coaching bis zum Missbrauch von bewusstseinsverändernden Substanzen.
Entgrenzung und Überforderung, Notwendigkeit von Grenzen oder Abhängigkeit
Fast zwangsläufig muss das achte Kapitel die Grenzen des entgrenzten Menschen aufzeigen. Denn das, was über sich hinaus wächst – bildlich oder faktisch – kippt eines Tages um. Das neunte Kapitel zeigt auf, das ein ausbalancierter Umgang mit Grenzen besser als Entgrenzung um jeden Preis ist. Entgrenzung in allen Lebensbereichen führt letztlich in Abhängigkeit, die vom entgrenzten Menschen nicht mehr selbst erkannt wird.
Der Leser und seine Grenzen
Es ist kein Buch, welches sich leicht und locker dahin liest. Der steigt Autor mit praktischen Beispielen ein. Dann verlangt er dem Leser in der ausführlichen Mitte Einiges ab. Zum Schluss redet er in den Schlusskapiteln verständlich Tacheles über Pamper-Pädagogik und grenzenloser Kinderliebe fanatischer Eltern.
Ein Literaturverzeichnis führt die Quellennachweise und regt zu weiterer Lektüre an. Späteren Auflagen sollte aufgrund der Detail- und Begriffsfülle unbedingt ein Stichwortverzeichnis hinzugefügt werden.
Insgesamt ist die Analyse von Rainer Funk über Entgrenzung und den entgrenzten Menschen nicht populistisch platt, sondern wert gelesen und weiter diskutiert zu werden.
Funk Rainer: Der entgrenzte Mensch. Warum ein Leben ohne Grenzen nicht frei, sondern abhängig macht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh. 2011. ISBN 978-3-579-06756-8. 238 Seiten.Gebunden. 19,99 €
