Das Buch der verbrannten Bücher

Volker Weidermann und ein Buch gegen das Vergessen

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher - amazon.de
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133 Schriftsteller standen auf der ersten schwarzen Liste, nach der in ganz Deutschland Bücher verbrannt wurden. Volker Weidermann macht sich auf die Suche.

Die Lebensgeschichten der Autoren und Schriftsteller, deren Bücher am 10.Mai 1933 in fast jeder Universitätsstadt Deutschlands brannten, “lückenlos“ zu untersuchen, war die Herausforderung. Herausgekommen ist ein wichtiges Buch gegen das Vergessen.

Die Herausforderung

Im Gegensatz zu “Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Serke aus dem Jahre 1977, der sich einigen Autoren intensiv widmete, verfolgt Volker Weidermann die Spuren ausnahmslos aller Autoren, die damals auf der ersten “schwarzen Liste“ standen. Es waren dies 94 deutschsprachige und 37 fremdsprachige Autoren, also insgesamt 131 Schriftsteller und Menschen, deren Leben sich in einer Nacht änderte.

Die Recherche

Volker Weidermann muss sich durch unzählige (teils schwer zu findende) Bücher gearbeitet haben, Autobiographien gesucht und teilweise gefunden haben, hat vergessene Lebensläufe rekonstruiert, manchmal nur so gut es eben ging. Nicht jedes Buch, sagt er, war qualitativ hochwertig, es genügte oft der Ansatz einer Kritik oder eine Andeutung um auf die Liste zu kommen.

So wird also von Asch (Nathan und Schalom) bis Zweig (Arnold und Stefan) recherchiert, geforscht und ermittelt.

Was dabei herauskommt, ist in erster Linie die Art, wie die verschiedenen Autoren und Menschen mit den faschistischen und diktatorischen Gegebenheiten umgehen. Das geht vom Einspruch und Protest in fast selbstmörderischer Form über die innere und äußere Emigration, bis zum Arrangement mit den Nazis. Mancher Schriftsteller kämpft im Widerstand, manche bleiben in den folgenden Jahren stumm, einige werden es für immer bleiben und zu viele sind bis heute vergessen.

Auswandern ist wie sterben

sagte Armin T. Wegener und nicht wenige starben. Exil, das bedeutet im ersten Moment ein Verstreuen der Intelligenz Deutschlands in alle Himmelsrichtungen: Russland, Schweiz, England, (vorerst) Paris, Skandinavien, Argentinien, Mexiko, die Autoren nehmen die Sprache mit und, wie es scheint, auch das Gewissen eines ganzen Landes. Die Stunde der Opportunisten schlägt. So mancher Schriftsteller, welcher sich auf der Liste befand, arrangiert sich und wird zum schreibenden Kämpfer des Unrechtssystems.

Weidermann versucht in seiner Arbeit den inneren und äußeren Kampf der Literaten zumindest anzudenken, zitiert aus den Briefen, welche die Emigranten den in Deutschland verbliebenen Autoren schreiben. “Man muss sich entscheiden“, heißt es oft, “es gibt in dieser Zeit kein Entweder/Oder.“

“Emigration kennt keine Kompromisse“ betitelt er dann auch eines der Kapitel, aber Emigration kennt vielfältige Arten, mit ihr fertig zu werden. So mancher Autor schreibt im Exil verzweifelt gegen das Regime an, versucht bereits früh die Weltöffentlichkeit aufzurütteln, ein schier aussichtsloses Unterfangen wie die Geschichte zeigt. Andere bleiben stumm, Erich Maria Remarque engagiert sich in der Schweiz für Emigranten, wird oft nach seiner politischen Meinung gefragt und sagt: “Steht alles in meinen Büchern!“ Wie kann man etwas verhindern. Viele haben es versucht, so mancher verzweifelt. Es sind dies über hundert Geschichten von Menschen in der Weltgeschichte. Nach dem Krieg kehren viele Autoren zurück, manche bleiben für immer vertrieben.

Systematisches Auslöschen

Mit den Werken selbst verhält es sich ähnlich. Bei etlichen Büchern dürfte tatsächlich ein erheblicher Teil der Ausgaben in den Flammen gelandet, beziehungsweise auch später noch vernichtet worden sein. Ein systematisches Auslöschen bestimmter Werke, ein kollektives aus dem Gedächtnis entfernen, Zensur in seiner perfidesten und leider auch perfektesten Form. Es ist vielen Archivaren und nun auch Volker Weidermann zu danken, dass die Nazis hier ihr Ziel nicht erreicht haben.

Georg P. Salzmann, Archivar gegen das Vergessen

Der letzte Teil des Buches ist Georg P. Salzmann gewidmet, der über viele Jahre 12.500 Ausgaben der “verbrannten Bücher“ gesammelt hat. “Zu jedem Buch gibt es eine Geschichte“, sagt er, “die Werke, die verbrannt wurden, um vergessen zu werden, an jenem Tag im Mai. Und die schon deshalb nicht vergessen werden dürfen. Niemals.“

Man kann Volker Weidermann vorwerfen, dass er manchmal urteil, sowohl menschlich als auch literarisch, Tatsache ist jedenfalls, dass der Autor mit dem “Buch der verbrannten Bücher“ einen Teil zu diesem “Niemals“ beigetragen hat.

Der Autor Volker Weidermann

Geboren 1969 studierte Politikwissenschaften und Germanistik. Er ist Literaturredakteur und Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lebt in Berlin.

Die Autoren, deren Bücher brannten:

Nathan Asch, Schalom Asch, Isaak Babel, Henri Barbusse, Max Barthel, Johannes R. Becher, Richard Beer-Hofmann, Günther Birkenfeld, Franz Blei, Fritz Bley, Helena Bobinska, Nikolai Bogdanow, Waldemar Bonsels, Rudolf Braune, Bertold Brecht, Joseph Breitbach, Max Brod, Christa Anita Brück, Robert Carr, Alfred Döblin, John Dos Passos, Erich Ebermayer, Kasimir Edschmid, Ilja Ehrenburg, Hermann Essig, Hanns Heinz Ewers, Emil Felden, Lion Feuchtwanger, Georg Fink, Leonhard Frank, Alexander Moritz Frey, Rudolf Geist, Fjodor Gladkow, Ernst Glaeser, Yvan Goll, Maxim Gorki, Oskar Maria Graf, Karl Grünberg, Jaroslav Hašek, Walter Hasenclever, Ernest Hemingway, Georg Hermann, Jakob Karl Hirsch, Leo Hirsch, Josef Hofbauer, Richard Hoffmann, Arthur Holitscher, Albert Hotopp, Ilja Ilf, Béla Illés, Heinrich Eduard Jacob, Ernst Johannsen, Erich Kästner, Josef Kallinikow, Valentin Katejew, Gina Kaus, Bernhard Kellermann, Alfred Kerr, Hermann Kesten, Irmgard Keun, Egon Erwin Kisch, Kurt Kläber, Edlef Köppen, Alexandra Kollontai, Heinrich Kurtzig, Michail Kuzmin, Peter Martin Lampel, Andreas Latzko, Eva Leidmann, Maria Leitner, Alexander Lernet-Holenia, Ludwig Lewisohn, Heinz Liepman, Otto Linck, Jack London, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Klaus Mann, Viktor Meyer-Eckhardt, Gustav Meyrink, Friedrich Michael, Robert Neumann, Alexander Newerow, Nikolai Ognjew, Ivan Olbracht, Ernst Ottwalt, Fjodor Panferow, Leonid Pantelejew, Jewgeni Petrow, Kurt Pinthus, Theodor Plievier, Gustav Regler, Erich Maria Remarque, Ludwig Renn, Joachim Ringelnatz, Joseph Roth, Ludwig Rubiner, Arthur Rümann, Rahel Sanzara, Albrecht Schaeffer, Alfred Schirokauer, Schlump, Arthur Schnitzler, Karl Schröder, Anna Seghers, Lidija Sejfullina, Alexander Serafimowitsch, Upton Sinclair, Hans Sochaczewer, Michail Soschtschenko, Fjodor Sologub, Bertha von Suttner, Lisa Tetzner, Adrienne Thomas, Sunao Tokunaga, Ernst Toller, B. Raven, Kurt Tucholsky, Werner Türk, Arnold Ulitz, Fritz von Unruh, Karel Vanek, Jakob Wassermann, Alex Wedding, Armin T. Wegner, F.C. Weiskopf, Oskar Wöhrle, Arnold Zweig, Stefan Zweig

Volker Weidermann: Das Buch der verbrannten Bücher; btb; Taschenbuch 2009; 9,00 Euro

A.P.Schlöglmeier, Michael Stoifl

A.P. Schlöglmeier - A.P. (Andreas Pankraz) Schlöglmeier wurde 1970 unter anderem Namen geboren, ist Gastronom, Maler und Schriftsteller. Lebhaft zur ...

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