
- Das Buch Hiob - Gerd Altmann
Das Buch Hiob ist ein Werk von einzigartiger Größe. Es sind darin alle Aporien im Keim enthalten, vor denen die Menschen bis heute immer wieder standen und stehen, all die Fragen, über die sich Philosophen und Theologen späterer Generationen die Köpfe zerbrachen. Warum gibt es Schmerz und Leid? Warum ergeht es den Bösewichtern wohl, während die Gerechten Unglück erfahren?
Das Buch Hiob – ein Drama in drei Akten
Das Buch Hiob ist eigentlich ein Drama in drei Akten, dessen Mittelteil von den Heimsuchungen und Zweifeln Hiobs – „eines Mannes, so untadelig und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse“ – handelt. Die zwei anderen Teile, ein erläuternder Prolog und ein Schlusswort, wurden, wie die Bibelforscher meinen, in der Zeit nach dem Exil dem Kerntext hinzugefügt. Durch die Einführung der Figur Satan im Prolog wird das Dilemma des Titelhelden zum Thema einer Auseinandersetzung im Himmel zwischen Jahwe und Satan, und die Leiden des Hiobs bekommen dadurch eine zusätzliche Dimension: Sie stehen allegorisch für die des israelitischen Volks im Exil, und als deren Urheber wird nun nicht etwa Jahwe, sondern dessen boshafter Diener dingfest gemacht.
Der Prolog im Buch Hiob
Der Prolog erzählt davon, dass Hiob eine Reihe schrecklicher Schicksalsschläge trifft: Sein Vieh wird geraubt, seine Knechte werden erschlagen, Feuer verzehrt seine Schafe, ein Sturm aus heiterem Himmel zerstört sein Haus, seine Kinder sterben in dessen Trümmern. Aber zu Satans Enttäuschung wendet sich Hiob keineswegs von Jahwe ab. Satan vertritt im Prolog gegenüber Jahwe die Ansicht, die Menschen seien nur so lange gut, so lange sie dafür belohnt würden. Man müsse ihnen lediglich diesen Anreiz nehmen und sie ein bisschen leiden lassen, dann werde sich schnell zeigen, wie weit es mit ihrer Tugend wirklich her ist. Gottes guter und getreuer Knecht Hiob, so sagt Satan im Gespräch mit Jahwe voraus, „wird dir ins Angesicht fluchen“, wenn er unbelohnt bliebe. Gott bezweifelt das, und diese Streitfrage wird in dem dialogisch aufgebauten Werk ausführlich behandelt und von allen Seiten beleuchtet. Satan aber will keinen Frieden halten und liegt Jahwe, seinen Chef, in den Ohren, ihm freie Hand zu lassen bei dem Versuch, die These, dass kein vollkommen guter Mensch auf Erden wandle, zu erhärten. Widerwillig gibt Jahwe endlich nach: „Gut, er ist in deiner Hand. Nur schone sein Leben!“
Der Mittelteil im Buch Hiob
Die Handlung des Mittelteils spielt auf der Erde. Hiob selbst und vier Freunde namens Elifas, Bildad, Zofar und Elihu erörtern in einer Reihe von Streitreden die Leiden des Gerechten. Es gibt Momente, da Hiob als Repräsentant der Menschheit insgesamt an Jahwe verzweifelt, der so viel Düsternis und Zerstörung über ein Leben kommen lässt, das vorher überaus reich gesegnet war. Doch Hiob bleibt standhaft, obwohl es ihm in all den Prüfungen und Heimsuchungen, die über ihn kommen, immer schwerer fällt, zu verstehen, wie jener Gott, der ihn doch liebt, ihn so hart strafen kann. Hiob steht hier beispielhaft für die Menschheit, die angesichts der alltäglichen Erfahrung des Unglücks nach einer Erklärung für Leid und Übel sucht. Hiob beteuert vor seinen Freunden wiederholt seine Unschuld. Diese vertreten die althergebrachte Lehre des Alten Testaments: Jahwe hat demnach zwei Gesichter und wenn er als grausamer Gott auftritt, so ist dies als Strafe für die Sünden der Menschen zu verstehen.
Das Schlusswort im Buch Hiob
Das Schlusswort (Epilog) stellt fest, dass Hiob zum Lohn für seine standhafte Treue von Jahwe doppelt so viel Besitz erhält, wie er verloren hatte. Satan muss nach seinem Auftritt im Prolog stillschweigen, seine These muss als unglaubwürdig gelten.
Das Buch Hiob und seine Botschaft
Das Buch Hiob vermittelt keine bestimmte, fest umrissene Botschaft. Die Tatsache, dass der Kerntext durch spätere Zusätze am Anfang und am Ende erweitert wurde, hat Skeptiker auf den Plan gerufen, welche die Meinung vertraten, die Schrift sei eigentlich gar nicht unter die kanonischen Bücher des Alten Testamentes zu zählen. Hiob gewinnt am Ende ganz offensichtlich die Gunst des Herrn zurück. Der Epilog stellt fest, dass Hiob zum Lohn für seine standhafte Treue von Jahwe doppelt so viel Besitz erhält, wie er verloren hatte. Aus der ganzen Diskussion geht die herrschende Ansicht, Gott sei allmächtig, das Böse gehe auf ihn zurück und sei irgendwie Teil seines Weltenplans, unbeschädigt hervor, und dies trotz aller Bemühungen Hiobs, die Mängel einer solchen Theorie deutlich zu machen. Insofern ist das Buch Hiob ein Lamento über die Schwächen dieser Theorie, das jedoch keinen Ausweg aus dieser Misere aufzeigt.
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Quellen:
Zitiert wird nach: Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten Testaments nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers. Textfassung 1912, Stuttgart 1982 [ Zitate: 1,1.11.12 ].
Gray, John: The Book of Job. The Text of the Hebrew Bible, 1. Series Editor: David J. A. Clines, University of Sheffield 2010.
