Das Burgenland, ein Stück Ungarn in Österreich

Hier endet die Alpenrepublik in der pannonischen Tiefebene

Burgenland, Kellerviertel von Heiligenbrunn - Bernd Keiner
Burgenland, Kellerviertel von Heiligenbrunn - Bernd Keiner
Das Burgenland ist das kleinste Bundesland Österreichs. Dank der vielen ethnischen Minderheiten sind Kultur und Brauchtum vielfältiger als im Rest der Alpenrepublik.

Pannonien, jener schmale Zipfel des südlichen Burgenlands, verheißt nicht Ritterromantik oder Minnegesang, dennoch braucht sich beispielsweise die auf einem steilen Basaltkegel über der Stadt thronende Burg Güssing ihrer Vergangenheit nicht zu schämen. Die im 12. Jahrhundert errichtete Felsenfestung war lange im Besitz der Magyarenfürsten Batthyany, jener verwegene Kämpfer gegen die Kuruzzen. In ihrer Rüstkammer ruhen eroberte türkische Beutestücke und ein prächtiges ungarisches Magnatengewand, welches 1750 Herrscher Josef II. beim Reichstag zu Pressburg getragen hat. Ihre strategische Bedeutung verlor die unüberwindbare Burg bereits Ende des 17. Jahrhunderts und diente seitdem als Steinbruch.

Mit dem Fahrrad durchs südliche Burgenland

Ideales Fortbewegungsmittel im pannonischen Teil des Burgenlandes ist – neben den eigenen Füßen – das Fahrrad. Allein in der Region Güssing befinden sich über 200 Kilometer markierte Radwanderwege. Autos sind relativ selten auf den schmalen kurvigen Landstraßen. Das liegt wohl daran, dass die meisten männlichen Burgenländer als Pendler in Wien oder Graz leben und nur am Wochenende zurückkehren, da es für sie in dieser strukturschwachen Region keine Arbeitsplätze gibt und die veralterten Höfe zu wenig Ertrag abwerfen. Sehr fleißig sind sie, die Menschen hier, doch genauso gerne blicken sie zum Himmel empor, prüfen das perfekte Wetter und lassen Arbeit sein und hocken sich zu einer Jause, Brot- und Weinzeit zusammen.

Das Kellerviertel von Heiligenbrunn

Der wohl treffendste Ort für dererlei Vergnügen ist das historische Kellerviertel von Heiligenbrunn, etwa zwölf Kilometer von der Bezirkshauptstadt Güssing entfernt. In den sanften Hängen der Stremer Berge verstecken sich über hundert überirdisch angelegte Weinkeller inmitten alter Eichen, Ulmen und Linden, ein wahres Schlemmerparadies. Einige dieser hutzeligen Kellerhäuschen existieren seit 1750, aus groben Holzbalken gebaut, Kalk getüncht, mit Lehmbewurf und auf kunstvolle Weise mit Gerstenstroh gedeckt. Drinnen lagert bei konstanter Temperatur ein vortrefflicher Wein. Die märchenfreudigen Winzer berichten gerne von dem berühmten Uhudler, einem Wein aus den uralten Rebstöcken von Stammvater Noah. Wer’s glaubt, wird (wein-)selig. Wahr jedoch ist, dass die aromatisch-erdigen Weine der Sorte Isabella, Ripoteller, Oteller und der feurige Blaufränkische teilweise von über 50-jährigen Reben stammen, die nicht veredelt und kaum gespritzt sind.

Burgenländer Weine und redselige Winzer

Grammelpogatscherl (aus Hefeteig, gemahlenen Grieben, leicht gesalzen), slowenischer Schimmelbraten mit viel Knoblauch, bergeweise Knoblauch, geröstete Kartoffel und gefüllte Paprikaschoten sind die lukullischen Begleiter der Burgenländer Weine. Neben den Weinkellern, die verwitterten Holzgestelle, durch die das kräftige Gelb tausender, in der Sonne getrockneter Maiskolben schimmert. Auf einigen Dächern thronen die Nester von Störchen. Sepp, ein einheimischer Bilderbuch-Winzer mit gewaltigem leuchtendroten Riechorgan, erzählt vom Hagedorner Storch Alfred, der vor sieben Jahren seine Gefährtin verlor und jetzt allein und wahrscheinlich bis zu seinem Tod in dem einstigen (Liebes-)Nest klappern muss, welches er hartnäckig gegen fremde Besetzer verteidigt.

Pannonien, der Reiz des Besonderen

Zum Wein gehört natürlich auch Gesang. Musik liegt den Burgenländern ohnehin im Blut und wenn bei Banquetten und Dorffesten eine Tamburizza-Gruppe mächtig in die Saiten haut, bricht die slowenische Seele durch. Da hält es niemanden mehr auf Stühlen und Bänken. Junge Mädchen in gestärkten weißen Röcken und Blusen schreiten grazil einher, schwingen farbenprächtige bestickte Tücher, während die Burschen wie Derwische um sie herumwirbeln. In der allgemeinen Fröhlichkeit fällt es auch niemandem auf, dass zu später Stunde die Wein besessenen Musiker wunderschön falsch spielen. Das pannonische Aktiv-Programm ist begrenzt und eng mit der Natur verbunden. Es besteht im wesentlichen aus: Baden in Tümpeln, Teichen und sauberen Flüssen, Herumstöbern in Wald und Flur, Angeln von Aal, Forelle, Hecht und Karpfen, sowie dem Sammeln von Kaiserlingen, Parasolen, Pfifferlingen und Herrenpilzen, mit der Hoffnung einmal im Leben zum Schwammerlkönig proklamiert zu werden.

Das Burgenland aus der Vogelperspektive

Wer lieber einmal in Luft gehen möchte, kann vom Flugfeld Punitz, mit dem Fahrrad nur eine halbe Stunde von Güssing entfernt, bei guten thermischen Aufwinden in einem Segelflugzeug starten, zum Großglockner gleiten und abends wieder zurückfliegen. Für diese Meisterleistung wird dem Ikarus-Jünger dann auch das diamantene Segelflugabzeichen verliehen. Luftakrobaten, und solche, die es werden wollen, können in einem der zur Flugschule gehörenden Doppeldecker bei Looping, Kopfstand und Sturzflug – bei abgestelltem Motor – das Fürchten lernen. Aus der Luft entdeckt hierbei auch der letzte Zweifler: Dieses Pannonien hat wirklich keine Attraktionen (im herkömmlichen Sinne) – nur verschlafene Dörfer, romantische Burgen und Schlösser, den Heuduft der Wiesen, samtige Weine, gastfreundliche Menschen, fröhliche Schlemmer und Prasser, klare Seen, Flüsse und grüne Hügel.

Quellen: Südburgenland Tourismus, eigene Recherche im Burgenland

Bernd Keiner, Reisejournalist; Fotograf und Filmem, Reiner Pohl

Bernd Keiner - Bernd Keiner, geboren in Wuppertal, Sternzeichen Schütze, ist Abenteurer und Globetrotter aus Leidenschaft. Nach abgeschlossenem ...

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