Der Platz wird zum Ort des kollektiven Gedächtnisses durch die Skulpturen, die ihn mit der Zeit bevölkern und an denen Geschichte und Selbstverständnis ablesbar wird. Das Denkmal stellt ein integrierendes Element inmitten der Öffentlichkeit, des öffentlichen Raumes, dar. Die öffentliche Plastik gibt den Plätzen in einer Stadt oder in einem Ort Bedeutung und übernimmt urbane Funktionen. Die Skulptur steht im öffentlichen Raum und ist somit für jeden sichtbar. Das Verhältnis Kunst und öffentlicher Raum drückt sich in einer gegenseitigen Bezugnahme von Öffentlichkeit und Räumlichkeit aus. Die Skulptur wird mit ihrer Umgebung, dem Platz, wahrgenommen und die Wahrnehmung des Platzes erfolgt mit dem Denkmal, das oft als Mittelpunkt oder „Rufezeichen“ bewertet wird.
Denkmäler auf freistehenden Feldern werden anders rezipiert als an städtischen, stärker frequentierten, belebten Plätzen. Sie erhalten im Bewusstsein einen anderen Stellenwert – alleine durch das „Mehr“ an Vorübergehenden. Denkmäler werden dadurch stärker zu Elementen des Stadt- bzw. Ortsbildes. Kein Standort für ein Denkmal ist neutral. Je mehr Bedeutung diesem zugewiesen wird oder je öfter der potentielle Standort thematisiert wird, desto zentraler wird der Ort. Die Orte sind auch deshalb nicht neutral, da sie immer aktuell besetz- und benutzbar sind.
Der Wegfall der Denkmalsockel
Durch den Wegfall der hohen Denkmalsockel, wie sie im 19. Jahrhundert vor allem Reiterstandbilder zierten, verloren die Denkmäler ihren musealen, distanz-gebietenden Charakter. Der Sockel machte sie zu Kunstwerken, zu denen man Abstand halten soll und gleichzeitig wurde durch die Höhe des Sockels dem Betrachter suggeriert, wie weit der Abstand zu der „bedeutenden Denkmalsperson“ noch ist. Die Skulptur wurde aufgrund ihres Sockels relativ unabhängig von ihrem Aufstellungsort, da sie nicht mit dem Ort in einem wechselseitigen Verhältnis stehen musste.
Rodins „Bürger von Calais“
So sollten Rodins „Bürger von Calais“ auf dem Marktplatz des französischen Calais ohne Sockel bzw. nur auf einer niederen Stufe[1] ihre Aufstellung finden, also in direktem Kontakt zu den Bürgern. Die Skulptur stellt die Übergabe der Stadt an die Engländer dar. Sechs Bürger überreichen dem englischen König Eduard III den Schlüssel der Stadt, damit die englischen Truppen nach elfjähriger Belagerung abziehen. Ohne Sockel wird die Geschichte immer wieder aktualisierbar, da die Hierarchie zwischen Betrachter und Denkmal – die „Achtungszone“ – aufgehoben wurde. Die niedrige Platzierung reagiert sowohl auf die Betrachter, durch den Einblick in das Drama als auch auf den historischen Raum. Ein hoher Sockel rückte dieses Ereignis von den Betrachtern formal und inhaltlich weg. Im Fall der „Bürger von Calais“ bestand jedoch die Stadt auf einem Sockel. 1895 kam es zur Aufstellung mit Sockel und Gitter. 1924 wechselte die Gruppe ihren Standort und wurde nun von ihrem Sockel befreit.[2] Im Gegensatz zu der Aufstellung in Calais sollten Rodins „Bürger“ in London auf einem hohen Sockel (ähnlich dem Gattamelata-Denkmal in Padua/ Höhe: rund 5 Meter) aufgestellt werden. Wie sehr Rodin auf die Wirkung des Sockels einging, zeigt sich auch daran, dass er in seinem Garten ein Holzgerüst baute, um die Wirkung der Gruppe („Bürger von Calais“) zu testen.[3] Neben Calais und London finden sich auch noch Kopien der „Bürger von Calais“ in Kopenhagen und in Mariemont (Belgien).
Eine fortschreitende Tendenz der Relativierung und der Absorption des Sockels setzte ein. Das Sockelthema rund um die Aufstellung der „Bürger von Calais“ führte zur intensiven künstlerischen Diskussion und zur direkten Aufstellung von Skulpturen im öffentlichen Raum. Rodin erschloss somit neue Möglichkeiten in der Denkmalkunst, indem er einerseits eine Gruppe gleichberechtigter Menschen zum Denkmal erklärte und andererseits den Sockel zur variablen und somit auch zur inhaltlichen Größe machte.
Der Stellenwert der Memorierenden und der Standort
Der Stellenwert der Person oder Gruppe, derer gedacht wird, wird durch den Standort ablesbar. Er bestimmt die Aussagekraft eines Denkmals entscheidend mit. Idealerweise steht der Ort mit dem zu Memorierenden in irgendeinem Bezug. Dadurch wird das Erinnernde für die Betrachter leichter nachvollziehbar. Denkmalinitiatoren sind zumeist bestrebt für „ihr“ Denkmal auch den richtigen Ort zu finden. Versucht wird hier sehr oft die Findung eines Ortes, der in einem Zusammenhang mit der Initiatoren- und/oder Widmungsgruppe steht. So werden für Mahnmale, die an die jüdische Verfolgung erinnern, häufig Orte ausgewählt, die mit dem Judentum in Verbindung stehen. Die Problematik, die sich jedoch hieraus ergeben kann, schildert Andreas Maul bei der Suche eines Platzes für ein Mahnmal für die NS-Homosexuellenverfolgung in Frankfurt. Die Plätze des Homosexuellen-Lebens waren entweder jene Plätze, wo Homosexuelle seit jeher bedroht wurden oder sie lagen einfach abseits und erschienen daher für ein Mahnmal ungeeignet.[4]
[1] Vgl. Appel Thomas: „Die Bürger von Calais. Auguste Rodins Intentionen zu Aufstellung und Sockel“ in Skulpturenmuseum Glaskasten Marl (Hrsg.): „Auguste Rodin. Die Bürger von Calais – Werk und Wirkung“, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung Marl und Mariemont 1997/1998, Ostfildern-Ruit 1997; S 72 ff.
[2] Jarrassé Dominique: „Rodin. Faszination der Bewegung“, Paris 1993; S 30
[3] Appel 1997; S 78 ff
[4] Maul Andreas: „Zur Wahl des Standorts und der Auslobung des Wettbewerbs“ in „IMH – Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung (Hrsg.): „Der Frankfurter Engel. Mahnmal Homosexuellen Verfolgung“, Frankfurt am Main 1997; S 128
