Das deutsche Kolonialreich

zeitgenössische Karte der deutschen Kolonien - gemeinfrei
zeitgenössische Karte der deutschen Kolonien - gemeinfrei
Auch Deutschland war von 1884 bis 1918 im Besitz von zahlreichen Kolonien.

Die wesentlichen Grundzüge der Kolonialgeschichte sind weitestgehend bekannt. Die großen Kolonialreiche Spaniens, Portugals und später vor allem Englands und auch Frankreichs sind schon lange Objekt der historischen Forschung. Es hat jedoch bis in die 60er Jahre hinein gedauert, bis sich in Deutschland wissenschaftlich mit der eigenen Kolonialgeschichte auseinandergesetzt wurde. Die ersten wichtigen Forschungen wurden allerdings von DDR-Historikern vorgelegt. Erst in den späten 90er Jahren, unter dem Einfluss der „post-colonial studies“ und Globalisierungsgeschichte, entwickelte sich die deutsche Kolonialgeschichte zu einem Boomthema und erlangte auch begrenzte mediale Aufmerksamkeit.

Beginn der deutschen Kolonialpolitik

Als das deutsche Kaiserreich 1871 gegründet wurde, waren die anderen europäischen Großmächte, allen voran England bereits seit längerem im Besitz von Kolonien. Und obwohl es schon damals eine einflussreiche Koloniallobby in Deutschland gab, verweigerte sich Bismarck einer aktiven Kolonialpolitik. Erst 1884 als mehrere Gebiete in Afrika unter deutsche Schutzhoheit gestellt wurden, trat Deutschland in die Reihe der Kolonialmächte ein.

Über die Gründe für Bismarcks Sinneswandel wurde viel spekuliert. Der deutsche Historiker Hans-Ulrich Wehler entwickelte in diesem Zusammenhang die These des Sozialimperialismus. Seiner Meinung nach sei der Grund für diese außenpolitische Wende nicht in der Außenpolitik selber, sondern in der Innenpolitik zu suchen. Kolonialismus sollte die kritische Situation im Inneren stabilisieren und einen nationalen Bezugspunkt für die verschiedenen divergierenden Gruppen im Kaiserreich schaffen. Vor allem das Erstarken der sozialdemokratischen Partei war für viele Symbol und Ursache einer nationalen Krise. Aber auch wirtschaftliche Gründe waren ausschlaggebend. Die ökonomische Entwicklung des Kaiserreichs verlief äußerst unstet. Es galt als erwiesen, dass überseeische Kolonien als sichere Absatzmärkte und Rohstofflieferanten dienen konnten und somit die heimische Konjunktur stabilisieren würden. Nicht zuletzt sollten die Kolonien auch als Siedlungsraum dienen, um den Exodus deutscher Auswanderer, vor allem nach den USA in ein, dem deutschen Reich unterstellten Gebiet lenken zu können.

Kolonialismus während der wilhelminischen Epoche

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm der deutsche Kolonialismus eine andere Richtung ein. Verantwortlich hierfür war neben Kaiser Wilhelm II vor allem auch der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Bülow und der Leiter des Reichsmarineamtes Tirpitz. Der Kolonialismus folgte der aggressiver werdenden Außenpolitik. Die neuen Kolonien in China und im Pazifik sollten nicht mehr als Siedlungsgebiete sonder eher als maritime Stützpunkte und Symbolen deutschen Einflusses fungieren. Die sozialimperialistischen Überlegungen behielten ihre Gültigkeit, hinzutraten jedoch immer stärker Momente eines deutschen Sendungsbewußtseins, einer speziellen deutschen Zivilisierungsmission. Besonders das Bildungsbürgertum war von diesen Vorstellungen erfüllt.

Neben diese Art von direkter Herrschaft in Form von Kolonien traten jetzt auch immer mehr informelle Formen der Durchdringung, wenn zum Beispiel mit deutschem Kapital Eisenbahnen in China und dem Osmanischen Reich gebaut wurden. Doch nicht militärische Machtaneignung war nur ein Aspekt des deutschen Imperialismus. Die ersten Kriege, die Deutschland seit den Einigungskriegen führte waren die Kolonialkriege in Süd-West und Ostafrika sowie der Boxerkrieg in China.

Nicht nur in der Kolonialpropaganda der damaligen Zeit, auch in der Forschung werden oft Zusammenhänge zwischen dem Kolonialismus und der Flottenpolitik gezogen. Unter Admiral Tirpitz begann Deutschland eine beispiellose Flottenrüstung mit dem Ziel England als größter Seemacht die Stirn bieten zu können. Kolonien wurden hierbei sowohl als Grund, als auch als Ergebnis einer erfolgreichen Flottenpolitik dargestellt. Letztlich war die Flottenrüstung ein wesentlicher Schritt in Richtung des 1. Weltkrieges, in welchem Deutschland alle Kolonien verlor.

Im Versailler Vertrag wurde Deutschland seitens der Ententemächte eine gescheiterte Kolonialpolitik attestiert. Daraufhin setzte in der Weimarer Republik eine breite publizistische Bewegung ein, welche als Kolonialrevisionismus bezeichnet wird. Ziel war es die deutsche Kolonialgeschichte verschönernd darzustellen und neuerlichen Kolonialerwerb vorzubereiten.

Auch heute noch wird über die Interpretation dieses Teils der deutschen Geschichte gestritten; imperialistische Ausbeutung und Modernisierungsbemühungen bilden die beiden Pole dieser Diskussion. Vor allem im Kontext von Entschädigungsvorderungen seitens Nachkommen der afrikanischen Herrero hat diese Frage auch eine politische Dimension bekommen.

Liste der deutschen Kolonien

  • Deutsch-Süd-West-Afrika, heutiges Namibi und Teile von Botswana, 1884 durch den Kaufmann Adolf Lüderitz erworben.
  • Togoland, heutiges Togo und Teile von Ghana, 1884 durch den Afrikaforscher Gustav Nachtigall erworben.
  • Kamerun, heutiges Kamerun und Teile von Nigeria und des Tschad, ebenfalls 1884 von Gustav Nachtigall erworben.
  • Deutsch-Ostafrika, heutiges Tansania, Burundi und Uganda, 1885 durch den Kolonialpolitiker Carl Peters erworben.
  • Deutsch-Somaliküste, heutiges Somalia, 1885 unter anderem vom Afrikaforscher Franz Jühlke erworben.
  • Deutsch-Neuguinea, Teile des heutigen Papua-Neuguinea, Salomoninseln, Marshallinseln, Marianneninseln, Karolineninseln und Palau, im Zeitraum von 1885-1888 durch den Kaufmann Otto Finsch erworben.
  • Kiautschou (Jiaozhou), Küstengebiet in der heutigen chinesischen Provinz Shandong, 1898 vom chinesischen Staat zwangsweise verpachtet.
  • Samoa, heutiges Samoa, seit 1889 unter deutscher Verwaltung.