Das Dilemma einer Generation aus Sicht junger Autoren

Buchcover - Siilvia Baumann
Buchcover - Siilvia Baumann
Die heute 20-30jährigen hadern mit sich selbst und ihrem Ruf. Mehrere junge Autoren haben sich 2011 mit ihrer Generation literarisch auseinandergesetzt.

Die Kinder der 1980er Jahre wuchsen in einer konsumorientierten Gesellschaft auf. Mit Eltern, die tolerant, antiautoritär und selbstbestimmt leben wollten. Noch keine Jugend zuvor hatte so viele Möglichkeiten, sowohl in materieller als auch beruflicher Hinsicht. Dennoch ist dies eine Generation, die unter ihren eigenen Möglichkeiten zu ersticken scheint. Patchwork-Familien, Scheidungskinder, Einzelkinder, Multikulti, Internet und Soziale Netzwerke – mit all dem wurde diese Generation zuerst und mit voller Wucht konfrontiert. Die Autorinnen Meredith Haaf, Nina Pauer, Antonia Baum sowie der Autor Leif Randt sind Vertreter dieser Generation und setzen sich in analytischen und selbstkritischen Büchern und Romanen mit dem eigenen kollektiven Dilemma auseinander. Hier ein Kurzportrait der Werke „heult doch“ von Meredith Haaf und „Wir haben keine Angst“ von Nina Pauer.

„heult doch“ von Meredith Haaf

Unverblümt, selbstironisch und direkt bringt die 28jährige Journalistin Meredith Haaf die Problematik ihrer Generation auf den Punkt. Das ansprechend gestaltete Cover zeigt ein blaues piependes Küken. Darüber leuchtet in himmelblauer Schrift der Titel: heult doch. Kleingeschrieben. Das Küken steht für das Twittern (dt.= Zwitschern), ein Symbol für die Kommunikationslust der Social Networker. „Über eine Generation und ihre Luxusprobleme“ heißt der Untertitel und gibt schon einen Hinweis auf das eigentliche Paradox. Zitat Klappentext: „Wir sind alle so mobil, dass wir uns mit Mitte zwanzig wieder nach dem warmen Nest sehnen. Wir sind so informiert, dass wir uns für nichts wirklich interessieren. Wir sind so frei, dass wir uns vor allem Sicherheit wünschen. Die Demos überlassen wir den Wutbürgern. Wir hadern mit Luxusproblemen, anstatt Verantwortung zu übernehmen“. Ganz schön hart geht Haaf mit sich und ihren Altersgenossen ins Gericht. Auf diese „Luxusprobleme“ geht sie in ihrem Buch ausführlich und kurzweilig ein. Angst ist ein weiteres Thema des Buches. Zwei Seiten füllt die Angstliste der jungen Menschen von heute. Auszug aus den Seiten 84 – 86: „Angst, im falschen Job zu landen, Angst, gar keinen Job zu finden.“ „Angst, vor instabilen Verhältnissen, Angst vor der Mühle“. „ Angst vor dem Burn-Out“, Angst vor dem Bore-Out“… usw. Es ist erschreckend, so viel Verunsicherung und Ängstlichkeit bei jungen Menschen zu finden, die eigentlich ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Oder liegt es einfach daran, dass diese Generation sich eher öffnet und ihre Probleme ausdrückt ? Meredith Haaf geht auch auf die Politikverdrossenheit, die Kommunikationswut, den stetigen Karrieredruck, das fehlende Solidaritätsverständnis und das ausgeprägte Harmoniebedürfnis ihrer Altersgenossen ein. Doch sie beendet das Buch nicht pessimistisch, sie schlägt vor, endlich die Eigeninitiative zu ergreifen. Sie meint, es sei nun an der Zeit, Verantwortung zu übernehmen. Letztendlich habe jeder selbst die Wahl.

„Wir haben keine Angst“ von Nina Pauer

Die heute 29jährige Nina Pauer studierte Geschichte, Soziologie und Journalistik. Sie nähert sich der Problematik auf andere Art und Weise. Am Anfang schildert sie ihre eigene Kindheit, geprägt von den Angstneurosen der Eltern in Zeiten von Tschernobyl, BSE, Jahrtausendkollaps, Terrorismus, Dioxinskandal, Klimakatastrophe, Schweinegrippe etc. Horrorszenarien, die ihre Altersgenossen an sich vorbeiziehen sahen und nicht mehr so richtig ernst nahmen. Ihr Buch sticht in leuchtendem Textmarker-Orange ins Auge. Der Titel „Wir haben keine Angst“ sieht aus wie selbst gemalt, das „keine“ ist als Zusatz auf einem silbernen Klebeband hinzugefügt. Zitat Klappentext: „Die Chance meiner Generation war schon immer gleichzeitig auch ihr Fluch: ALLES IST MÖGLICH.“ Auch bei dieser Autorin geht es vorwiegend um die Ängste der 1980er Generation. Sie macht dies an zwei Protagonisten fest, die stellvertretend für ihre Altersgenossen stehen. Der chaotische aber liebenswerte Bastian, der mit 30 noch mal ein Aufbaustudium dranhängt und genauso schnell das Interesse an allem verliert wie er sich zunächst begeistert. Er macht nichts fertig und bringt einfach nichts auf die Reihe, obwohl er eigentlich hochqualifiziert und intelligent ist. Dagegen ist die superehrgeizige Anna ein Karrieredurchstarter, immer perfekt, immer erfolgreich, immer erreichbar. Und doch fühlt sie sich leer und ausgepowert. Sie spielt eine Rolle, der sie selbst nach und nach nicht mehr gerecht wird. Dazu bemüht die Autorin das Bild der skurrilen Castingshows von heutzutage. Bastian und Anna konsultieren einen Therapeuten, eine symbolische Anspielung auf die Notwendigkeit der „Gruppentherapie einer ganzen Generation“, wie sie Nina Pauer als ultimative Lösung vorschlägt. Wenn heute Mitte-Zwanzigjährige meinen, die beste Zeit ihres Lebens, sprich ihre Kindheit, sei bereits vorbei , dann sollte dies Eltern und auch der Politik zu denken geben. Überbehütet, geliebt und gehätschelt hat es eine ganze Elterngeneration verpasst, ihre Kinder auf die Realität und das Leben vorzubereiten. Sicherlich in besten Absichten, doch mit verheerenden Resultaten. Karrieredruck, Finanzkrise, Klimawandel, die Angst, die Eltern und damit ewigen Beschützer zu verlieren, schlicht die Angst vorm Erwachsen- und Älterwerden wiegt schwer auf den Schultern dieser Altersgruppe, die es nie lernte, Probleme selbst zu bewältigen. Nina Pauer beendet ihr Buch deshalb auch mit dem Vorschlag der „Thematisierung“. Die Probleme zu benennen, sei der erste Schritt zur Heilung.

Ländervergleich: Generation Y in Deutschland und anderen Ländern

Während die Jugend in Spanien (Generacion Perdida), Portugal (Geracão Arrasca), Irland oder in den USA (Boomerang Generation) auf die Straßen geht und für bessere Zukunfts- und Arbeitsmöglichkeiten demonstriert, drehen sich die deutschen Altersgenossen um ihre eigene Problemachse. Überfluss und Überdruss scheint ihnen mächtig zuzusetzen. Nicht umsonst steigen die Zahlen der psychosomatischen Erkrankungen gerade in dieser Altersgruppe und nehmen therapeutische Behandlungen zu. Bei einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent in Spanien und über 11 Prozent in Portugal, hier vor allem bei jungen gut ausgebildeten Menschen mag manch einer denken, die deutsche Jugend leide an selbstgemachten Pseudoproblemen. Doch so einfach ist es wohl nicht, wie diese beiden Bücher anschaulich belegen. Bei aller Sorge um den Seelenzustand dieser Generation, geben diese Bücher auch Anlass zur Hoffnung. Vielleicht sollte man den 20-30jährigen von heute einfach mehr zutrauen, anstatt stets das Auffangnetz auszubreiten.

Quellen:

Heult doch, Meredith Haaf, Piper Verlag, 2011, ISBN 978-3-492-25951-4

Wir haben keine Angst, Fischer Verlag, 2011, ISBN 978-3-10-060614-3

„Schimmernder Dunst über Coby County“ von Leif Randt und „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ von Antonia Baum sind weitere lesenswerte Titel zu diesem Thema.

Silvia E. Baumann, Lou Avers

Silvia Baumann - Herzlich Willkommen auf meiner Profil-Seite! Seit 18 Jahren nimmt mich meine Leidenschaft - das Reisen - voll und ganz in Anspruch. Als ...

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