
- Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Das Ende einer Geschichte ist zwar im Vergleich mit dem Anfang und der Mitte der kürzeste Abschnitt einer Geschichte, doch er trägt ein enormes Gewicht, denn wenn dieser letzte Eindruck, den die Leser vom Text haben, unbefriedigend ist, verdirbt das die vorangegangenen Leseerfahrungen komplett. Seine Aufgabe besteht darin, die während der Geschichte aufgeworfenen Fragen zu beantworten.
Krise, Höhepunkt und Konsequenz
Wie kurz das Ende genau zu sein hat, lässt sich unmöglich festlegen. In einer Kurzgeschichte reichen manchmal drei Zeilen, ein enormer Romanwälzer braucht eventuell zehn Seiten oder mehr. Was der Schluss beinhaltet, lässt sich hingegen genauer sagen, es sind die drei literarischen Zutaten Krise, Höhepunkt und Konsequenz. Damit ist Folgendes gemeint:
Die Krise ist der Punkt der Geschichte, an dem die Spannung am allergrößten ist. Würde dieser Punkt deutlich vor dem Ende stattfinden, hieße das, die Spannungskurve würde abebben, um nicht zu sagen durchhängen und die Geschichte würde langweiliger werden.
Der Höhepunkt schließt sich an diese Krise an. Es ist der Moment, an dem der Knoten der Spannung gelöst wird. Rettung oder Untergang – jetzt ist es entschieden.
Die Konsequenzen sind das, was durch die Entscheidung, die während des Höhepunktes gefallen ist, ausgelöst wird. Was wird aus den Figuren? Die Antwort auf diese Frage wird in modernen Geschichten häufig eher angedeutet denn ausgebreitet. Es reicht, wenn die Leser eine Empfindung erhalten, wohin es mit den Figuren zukünftig gehen wird.
Unerwartet und unvermeidlich
Zwei Ansprüche werden an das Ende der Geschichte gestellt, egal ob es happy oder unhappy ist: Es soll unerwartet, aber auch unvermeidlich sein. Diese Balance zu halten, kann ziemlich schwierig sein. Die Leser sollen natürlich nicht schon die ganze Geschichte hindurch fest mit dem Ausgang der Geschichte rechnen können, der dann auch tatsächlich eintritt. Vielmehr soll so lange wie möglich offen sein, wie der Schluss aussehen wird, gerne darf eine raffinierte Wendung, mit der niemand gerechnet hat, die Dinge in einem anderen Licht erscheinen lassen, eine Pointe oder ein neuer Lösungsweg dürfen auftauchen. Jedoch muss sich das Ende logisch aus den Komponenten der Geschichte ergeben. Ein Retter, der aus dem Nichts auftaucht, oder auch die Wendung „Und dann wachte ich auf …“ sind nicht angemessen und enttäuschen die Leser. Viel besser ist es, wenn ein Autor im Laufe der Handlung vielfältige Spuren, Fährten und Andeutungen unterbringt und die Leser im Rückblick denken müssen „Auf dieses Ende hätte ich doch schon beim Lesen kommen können.“ – sie sind es aber nicht.
Keine Deutung oder Moralpredigt
Zu vermeiden ist es, am Ende den Lesern noch mal die Deutung der Geschichte zu erläutern. Das begreifen sie auch sehr gut alleine. Ebenso verpönt ist jedes Moralisieren, es reicht aus, etwas darzustellen, die Wertungen sind den Lesern zu überlassen.
Lineares Ende
Ein lineares Ende beantwortet eindeutig die zu Beginn der Geschichte aufgeworfene zentrale dramatische Frage: Das Ziel wird entweder erreicht oder nicht, es gibt ein Happy end oder eine Katastrophe, nichts bleibt offen oder vage.
Kreisförmiges Ende
Bei einem kreisförmigen Ende ist der Endpunkt gleich dem Ausgangspunkt. Das ist beispielsweise bei einer Heimkehr oder Rückkehr der Figur der Fall. In einer Geschichte mit dieser Schlussvariante könnte es als zu erreichendes Ziel darum gehen, den Anfangszustand wieder herzustellen.
Offenes Ende
Bei einem offenen Ende muss der Leser selbst herausfinden, wie die Geschichte für die Figur endet, er muss im Erzählten Hinweise finden und deuten. Ein Beispiel dafür ist der Roman „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath. In der letzten Szene wartet die Protagonistin auf die Entscheidung der tagenden Ärzte, ob sie die Klinik verlassen darf. Die Tür geht auf, sie wird hineingerufen, um die Entscheidung zu vernehmen – der Roman ist aus. Ganz am Anfang, wenn man noch nicht damit rechnet, findet man jedoch einen – im Nachhinein – deutlichen Hinweis, um mit etwas Nachdenken zu wissen, wie die Ärzte entschieden haben und was dann mit der Figur geschah.
Ambivalentes Ende
Eine Geschichte muss nicht dezidiert glücklich oder unglücklich enden, sie kann auch, wenn es eben zum Inhalt passt, als ein „sowohl als auch“ enden. Das ist nicht gleichbedeutend damit, dass der Schluss vage ist, es heißt vielmehr, dass der Ausgang für die Figuren gute und schlechte Komponenten enthält.
