Steigt man als Fremder am Erlangener Hauptbahnhof aus dem Zug, so nimmt einen die Hektik einer Großstadtcity sofort in Beschlag. Menschen rennen zu Bussen, die sich in enge Straßen quetschen, durch die Fußgängerzone drängeln sich die Fußgänger und Einkäufer: Erlangen lebt – das ist offensichtlich. Den Grund dafür erfährt man bei der Wohnungssuche. Die Nachfrage ist hoch, die Mieten astronomisch und wenn man einen Termin beim Makler ergattert hat, so gilt die erste Frage, ob man denn bei Siemens anfange. Bei einer Verneinung folgt sofort die Universität als zweite Möglichkeit. In kaum einer anderen Stadt in Deutschland wird das Leben so stark von zwei Polen bestimmt. Auf der einen Seite der uralte und vor allem urdeutsche und zum Glück auch sesshafte Industriekonzern und auf der anderen Seite die für ihre Medizinische Fakultät berühmte Friedrich-Alexander-Universität. Letztere trägt auch die Stadt Nürnberg im Namen, das studentische Leben allerdings läuft bis auf Ausnahmen in Erlangen ab. Nicht nur aus diesem Grund ist Erlangen zwar Bestandteil der Metropolregion Nürnberg, aber auf keinen Fall eine Satellitenstadt. Hier ist alles kleiner, viel familiärer als in der nahen Großstadt und dennoch besitzt Erlangen ein eigenes Profil.
Buntes Treiben in und um die Stadt
In der Stadt der Hugenotten gibt es viel zu entdecken. Die französischen Einwanderer gaben der Innenstadt im 18. Jahrhundert ihr eigenwilliges schachbrettartiges Muster und tief versteckt in den zahlreichen Gassen finden sich Theater, Programmkino, Kulturbühnen und vieles mehr. Der gesellschaftliche Höhepunkt freilich findet in jedem Jahr um Pfingsten am und auf dem nördlichen Berghang statt. Die „Bergkirchweih“ besitzt einen ähnlich hohen Bekanntheitsgrad wie das Münchner Oktoberfest und zieht Schaulustige aus nah und fern an. Entstanden ist diese Tradition, weil die Bierbrauer der Stadt im Mittelalter ihr Bier auf dem Burgberg in eigens dafür erstellten Höhlen, den Kellern, lagerten und einmal im Jahr eine „Lagerräumung“ veranstalteten. Heute dreht sich nicht mehr alles nur um den begehrten Gerstensaft. Im Trubel „auf dem Berg“ nutzen die Besucher das Riesenrad für eine grandiose Aussicht über die Stadt und abends geht es vor den Kellern musikalisch zur Sache. Vor allem regionale Bands heizen den Gästen mächtig ein.
Stadtväter mit wenig Sorgen
Richtig warm ums Herz wird den Stadtvätern auch bei den regelmäßig erscheinenden Statistiken zur Kaufkraft und Arbeitslosigkeit. Dank der dicht angesiedelten Industrie verfügt Erlangen und damit auch das Umland über eine dichtes Netz von Zulieferfirmen und Dienstleistern. Benötigte Waren werden über die drei Autobahnen, die die Stadt einrahmen, oder auch den Main-Donau-Kanal angeliefert. Ein Fremder wundert sich womöglich über den „Erlanger Hafen“, aber das Gebiet rund um die Schiffsanlegestelle hat die Größe eines Stadtteils und verschafft hunderten Menschen eine Arbeitsstelle. Auf Grund der überdurchschnittlich guten wirtschaftlichen Lage, bleibt dem Stadtrat genügend Spielraum zur lebensnahen Gestaltung der Stadt. Neben Sport, Kunst und Kultur wird so auch hoher Wert auf die Integration von Migranten gelegt.
Ruhiges Leben abseits des Zentrums
Auf der Suche nach Entspannung stößt man im Umland von Erlangen auf ein breites Netz von Rad- und Wanderwegen, welches die nahen Wälder durchzieht. Auf Grund der dichten Besiedlung der nordöstlichen Region findet sich auch recht schnell ein geeigneter Platz zur Einkehr. Vor allem Radfahrer nutzen die Wochenenden für Ausflüge in die Fränkische Schweiz. Wer ganz abgeschieden sein möchte, der entdeckt den nahen und relativ großen Reichswald, indem noch die Spuren der amerikanischen Besatzer zu sehen sind. Vorbei an Bunkern und ehemaligen Truppenübungsplätzen führen die Wege zu einem einmaligen Gehege von Wildpferden, die vor allem für Familien mit Kindern ein beliebtes Ausflugsziel darstellen. Aber auch im Zentrum Erlangens ist alles für den autofreien Verkehr vorbereitet. Radwege zieren einen Großteil der Straßen und führen entlang der Naherholungsgebiete. Passionierte Sportler nutzen den Main-Donau-Kanal in Nord-Süd-Richtung für größere Touren Richtung Bamberg oder Nürnberg.
Sinnvoll gewählte Partnerstadt
Diese eigenartige Erlangener Kombination aus Industrie, Wissenschaft und Lebensfreude scheint einmalig zu sein und doch findet sich in der Liste der Partnerstädte mit Jena eine Stadt, die Erlangen in vielen Dingen gleicht. Auch Jena ist geprägt von einem Industriezweig, der Optik, und durch eine ebenfalls sehr traditionsbehaftete Universität. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die beiden Städte entschlossen, eine Partnerschaft zu begründen. Das geschah bereits vor dem Mauerfall, so dass der Austausch mittlerweile ein Vierteljahrhundert währt. Der hohe Wert dieser Städtefreundschaft für beide Seiten wird in den regelmäßigen Treffen und gemeinsamen Aktionen deutlich, so zum Beispiel am Jahrestag der Maueröffnung, an dem Bürger beider Städte und vor allem Kinder und Jugendliche in die Grenzstadt Probstzella eingeladen wurden.
Derweil geht das hektische Treiben in Erlangens Innenstadt weiter. Dem Besucher öffnet sich die Stadt nur langsam. Nimmt man sich aber genügend Zeit, so entdeckt man überraschende Ansichten, interessante Kultur und ein spannendes Leben zwischen Industrie und Wissenschaft. Auch wenn das nahe Nürnberg mit seinem Großstadtflair lockt, Erlangen hat genügend zu bieten um als selbständige Metropole wahrgenommen zu werden.
