
- Weißenburg - Wirkungsort Otfrieds von Weißenburg - H. Müller / pixelio.de
Das Evangelienbuch Otfrieds von Weißenburg stellt die erste Endreimdichtung in deutscher Sprache dar. Otfried wollte das Leben Christis moralisch auslegen und theologisch deuten und schuf zudem das erste literarische Werk in dem überhaupt das Wort theodisce, deutsch, vorkommt.
Die Schreibsprache zur Zeit Otfrieds von Weißenburg
Zur Zeit Otfrieds von Weißenburg gab es keinen geschlossenen deutschen Sprachraum. Die Schrift des Mittelalters war lateinisch, um ihrem Bildungsauftrag gerecht werden zu können, musste die Kirche Laien jedoch in der Volkssprache ansprechen. So entstanden in den Klöstern erste Übersetzungen vom Lateinischen in das Althochdeutsche in Form von Glossen und Wörterbüchern (Weddige 2010, S. 6). Dennoch blieben volkssprachliche Werke, wie der althochdeutsche Tatian, der altsächsische Heliand oder das Ludwigslied, Einzelunternehmungen, die an isolierten Schreiborten auftauchten. Bei diesen Schreiborten handelte es sich meist um Klöster.
Die Abtei Weißenburg
Im Benediktinerkloster Weißenburg, das zur Kirchenprovinz Mainz gehörte, wirkte der Priestermönch Otrfried als Klosterlehrer, Bibliothekar und als Verfasser von lateinischen Bibelkommentaren. Unter Abt Grimald war die Weißenburger Bibliothek erweitert worden und es wurde ein systematisches Güter- und Abgabenverzeichnis für Wirtschaftsführung und Verwaltung erstellt. In die Blütezeit des elsässischen Klosters fällt das Evangelienbuch Otfrieds (Hartmann 2005, S. 59 f.)
Otfried von Weißenburg
Über Otfrieds Lebenslauf ist für mittelalterliche Verhältnisse relativ viel bekannt. Geboren um 800, wurde er als etwa Siebenjähriger in das Kloster Weißenburg gegeben. In Fulda erhielt er unter dem berühmten Abt und Theologen Hrabanus Maurus, der von 804 bis 842 in Fulda lehrte, eine mehrjährige Ausbildung, bevor er zu seinem Wirkungsort Weißenburg zurückkehrte. So finden sich in dem elsässischen Kloster viele Korrekturen, Manuskripte und gar althochdeutsche Glossen, die seiner Hand entstammen. Ab etwa 845 wirkte Otfried an den Kodizes und dem Ausbau der Weißenburger Bibliothek mit. Um 870 etwa entstand dann sein Evangelienbuch.
Das Evangelienbuch Otfrieds von Weißenburg
Die Evangelienharmonie Otfrieds umfasst circa fünfzehntausend Halbverse. Die binnengereimte, 7106 Langzeilen umfassende Erzählung, dient vorwiegend dem Lob Gottes. In ihr stellt Otfried das Leben und Wirken Christis dar und legt die biblischen Szenen mit geistig-mythischer Bedeutung aus. Er wendet sich mit seinem Werk an die Geistlichkeit, aber auch an den Adel mit dem Ziel, ihnen die Religion bekannt zu machen und ihre Kenntnisse zu vertiefen.
Überliefert ist das Evangelienbuch in vier Handschriften, dem Wiener Codex, dem Heidelberger Codex, dem Münchner Codex und dem Codex Discissus. Es besteht insgesamt aus fünf Büchern und enthält Widmungen an König Ludwig den Deutschen, den Mainzer Erzbischof Liutbert, den Konstanzer Bischof Salomo und die St. Galler Mönche Hartmut und Werinbert. Otfried begründet mit seinem Werk, das wichtige Szenen des Neuen Testaments lyrisch ausmalt und die Figuren mit Gefühlen und Motivationen versieht, die Gattung der Evangelienharmonie.
Quellen:
Hilmar Grundmann: Deutsche Literaturgeschichte für Lehrer. Heinz 2001.
Heiko Hartmann: Otfried von Weißenburg. Evangelienbuch. Band 1. Widmungsbriefe, Liber primus. Verlag für Wissenschaft und Kunst 2005.
Bengt Algot Sørensen (Hg.): Geschichte der deutschen Literatur. Band I. Vom Mittelalter zur Romantik. C. H. Beck 2003.
Hilkert Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. C. H. Beck 2010.
