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Das Fahrradtaxi - Zen und ökologisch

Velotaxi in Bordeaux - A. Kirschnick
Velotaxi in Bordeaux - A. Kirschnick
Velotaxis bieten in immer mehr Großstädten eine entspannte und umweltfreundliche Alternative zum herkömmlichen Transportsystem.

Phillippe gönnt sich jetzt erstmal einen Kaffee. Nach vier Stunden kreuz und quer durch die Innenstadt von Bordeaux auf dem Bock seines Fahrradtaxis hat er sich eine Pause und einen Energieschub verdient. "Heute lief es gut," berichtet der Psychologiestudent. "Ich hatte drei Touristenführungen von einer halben Stunde, ein Ehepaar aus Paris, zwei junge Engländerinnen und eine australische Familie. Die waren zu viert, so dass wir sogar zwei Fahrradtaxis brauchten. Zwischendurch habe ich noch einige kleine Touren mit Stammkunden gemacht, Arztbesuche, Einkaufstouren und so weiter." Ein typischer Nachmittag also.

Entspannung und Transport in einem

Die Nutzung der Velotaxis wird immer beliebter. Ältere Personen, die nicht mehr gut zu Fuß sind und deshalb mitunter nicht einmal die nächste Bushaltestelle erreichen können, lassen sich gerne in der offenen Kabine auf drei Rädern zu den täglichen Besorgungen kutschieren. Sie nutzen ihre Fahrzeit für ein kleines Schwätzchen mit dem Chauffeur und sind gleichzeitig froh, ein wenig an der frischen Luft zu sein. "Im Fahrradtaxi fühlt man sich ein wenig dichter dran am Leben in der Stadt als in einem herkömmlichen Autotaxi", bringt es Madame Monard auf den Punkt, die den Service von Cycloville in Bordeaux seit einem halben Jahr mindestens zweimal in der Woche in Anspruch nimmt.

Die Preise sind moderat. Die Bereitsstellungsgebühr beträgt zwischen einem und drei Euro, jeder weitere Kilometer kostet zwischen einem und 2,50 Euro pro Person. Für längere Fahrten, wie zum Beispiel Sightseeing-Touren liegen die Tarife um die 15 Euro für eine halbe und 18 bis 25 Euro für eine ganze Stunde. Was gefällt den Passagieren besonders an den Rikschataxis, die zugegebenermaßen nicht besonders schnell sind? Ein Ehepaar, das der Anzahl und der Größe der Tüten nach zu urteilen, einen ausgiebigen Stadtbummel hinter sich hat, meint hierzu: "Wir sind seit Stunden durch die Stadt gelaufen. Jetzt können wir uns bereits auf dem Weg ins Café entspannen und den Blick auf den Hafen genießen." Damit bringen sie genau das auf den Punkt, womit das Bordelaiser Velotaxi-Unternehmen "Cycloville" mit seinem Slogan "zen und ökologisch" wirbt.

Viele Touristen, die bereits die Standardtouren im Doppeldeckerbus oder im kleinen Zug im Retrodesign mit Kopfhörer in ihrer aus 36 ausgewählten Sprache hinter sich haben, gönnen sich trotzdem noch eine Führung im Velotaxi. Denn obwohl die Gefährte fast drei Meter lang sind, sind sie doch wendig genug, um durch viele kleine Gassen und an interessante Plätze besonders im Altstadtbereich zu gelangen, die für die großen Touribusse nicht erreichbar sind. Eine Gestaltung der Rundfahrt gemäß der persönlichen Interessen ist ebenso möglich wie persönliche Fragen an den Fahrer. "Wir haben noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Stadt bekommen. Unser Fahrer hat uns viele Anekdoten erzählt und während der gesamten Tour waren wir einfach mitten im Geschehen. Wir konnten so richtig in das Flair der Stadt eintauchen," berichtet ein irisches Ehepaar nach der Fahrt.

Velotaxi - eine Berliner Erfolgsgeschichte

Das Konzept eines alternativen Nahverkerssytems mit dem Namen Velotaxi entstand 1997 in Berlin. Mittlerweile handelt es sich hierbei um eine geschütze Marke, die ihr Konzept und ihre Fahrzeuge international an 120 Standorten in 45 Ländern vermarktet. 2010 fand im Berliner Olympiastadion die erste Fahrradtaxi WM mit Teilnehmern aus 40 statt, die sich in den Diszipinen Ausdauer, Geschicklichkeit und Sprint maßen.

Durchschnittlich 20 bis 60 Kilometer pro Tag legt ein Fahrradtaxi nach den Berechnungen von Rikschataxi in Dresden zurück, vier Velos, die jeden Tag fahren schaffen also innerhalb eines Jahres eine Weltumrundung. Die Fahrer sind meist als eigenständige Unternehmer angemeldet, die die Gefährte mieten oder kostenfrei nutzen. Die Fahrradtaxi-Unternehmen finanzieren sich aus den Werbung, mit der die Rikschas beklebt sind.

Und ist das denn gar nicht anstrengend für die Chauffeure? Fahrradpilotin und Übersetzerin Heloise erklärt: "Ich werde oft gefragt, ob es denn nicht zu schwer für mich sei, das Fahrzeug mit den Passagieren zu ziehen. Insbesondere Männer haben manchmal wirklich Bedenken einzusteigen. Doch ich kann sie beruhigen. Unsere Velotaxis sind mit einem elektrischen Hilfsmotor ausgestattet. Der wird in unserer Garage vor der Schicht ungefähr eineinhalb Stunden lang mit Strom aus der Steckdose aufgeladen und hat dann Energie für vier bis sechs Stunden. Natürlich muss man trotzdem tüchtig in die Pedale treten, doch es ist wirklich gut machbar."

Die meisten Velotaxifahrer genießen den sportlichen Aspekt ihres Jobs und schätzen den Kontakt mit den Kunden. "Die meisten Passagiere sind richtig begeistert von ihrer Tour, viele sind nicht kleinlich mit dem Trinkgeld," erzählt Valentin, der hauptberuflich Beleuchter im Theater ist. "Man erlebt so viele lustige und interessante Situationen, dass die Arbeit wirklich nie langweilig wird. Wir haben zum Beispiel eine Stammkundin, die ihrer Fahrer immer mit bisweilen sehr originellen kleinen Geschenken belohnt. Manchmal ist es ein Eis oder ein Kaffee. Doch eine Kollegin hat auch schon einen knallgelben Plastikstring bekommen. Der hängt jetzt zur Erinnerung im Fahrraddepot."

Fahrradtaxis gelten mittlerweile auch als gefragtes Transportmittel für besondere Ereignisse. So setzte Fiat eine ganze Staffel von Rikschas als Shuttle auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt ein. Und manchmal hat man sogar das Glück, ein Brautpaar zur Trauung zu bringen.

Die Autorin hat im Sommer 2011 zwei Monate lang als Velotaxi-Chauffeurin in Bordeaux gearbeitet. Die Informationen und Kommentare des Artikels resultieren aus eigenen Beobachtungen und dem regen Austausch mit Kollegen und Kunden.

Lesen Sie zum gleichen Thema auch das das Interview mit der Berliner Rikscha-Fahrerin Stephanie Bart "Alle Fahrer haben einen an der Waffel" und den Bericht "Neu - Velotaxi jetzt auch in Regensburg".

Anuschka Kirschnick, Dainora Usaite

Anuschka Kirschnick - Nach einem Studium der deutschen und russischen Literaturen habe ich in verschiedenen bodenständigen Berufen wie Köchin, ...

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