"Sie ist ein Faultier. Name: Frieda. / Von morgens früh bis abends spät / hängt sie kopfüber in den Ästen, / und sieht die Welt nur umgedreht." Ein Faultier namens Frieda? Ja! Frieda gehört zu den zahnarmen Säugetieren und ist mit Ameisenbär und Gürteltier verwandt. Kurzum: Sie ist ein Faultier. Genauer: ein Dreifinger-Faultier. Denn es gibt auch Zweifinger-Faultiere. Beide Arten leben in Südamerika. Frieda mag es ruhig. Die Hektik, die andere Tiere verbreiten, ist ihr ein Graus. Sie hängt kopfüber am Ast, sieht die Welt also umgedreht und bewegt sich nur, um hier und dort Blätter zu fressen, oder, nur einmal pro Woche, zu ebener Erde ihr Geschäft zu verrichten. Mehr braucht sie nicht zum Wohlfühlen. Faultier Frieda hat stets ein Lächeln auf den Lippen und ist mit ihrem Dasein im Regenwald sichtlich zufrieden.
Faul, aber sicher vor dem Jaguar
Von der Affenbande, die hier ungeniert kreischt und keckert, wird sie geneckt, weil sie bei allem, was sie tut, so langsam ist und nicht durch die Wipfel springt. Doch Frieda lässt sich von solch hyperaktiver Affenartistik nicht beeindrucken. Sie lädt einen Affen ein, sich zu ihr zu hängen. Derart konzentriert kann man das ganze tierische Leben im Urwald beobachten: Ein junger Tukan versucht sich bei seinen ersten Landungen. Ameisenbär und Gürteltier, die nächsten Verwandten von Frieda, fliehen vor dem übel riechenden Angriff eines Stinktiers. Und wer ruhig im Geäst hängt, ist auch vor Ozelot und Jaguar sicher, die am Abend auf Beutezug sind. Das alles wird auf den doppelseitigen Illustrationen in geradezu tropisch leuchtenden Farben ins Bild gesetzt.
Verfasst ist die Geschichte als großes Gedicht mit einem unregelmäßigen Metrum, in dem der vierhebige Jambus dominiert. Es sind 12 vierzeilige Strophen, bei denen sich nur die zweite und vierte Verszeile reimen. Es könnte also auch gesungen werden, wenn sich jemand finden würde, die Geschichte von de faulen Frieda zu vertonen.
In der Ruhe liegt die Kraft
Die Kernaussage wird in den letzten vier Versen formuliert: „Spannend, so eine Hängepause! / Sie bleiben lang noch beieinand’. / Wer öfter mal die Richtung ändert, / hat es doppelt int’ressant.“ Das heißt, es kann oft hilfreich sein, bisweilen die Perspektive zu wechseln, um den eigenen Blick auf die Welt zu überprüfen und den Anderen zu verstehen. Auch wenn die jungen Leser, die zu diesem Buch greifen weder Faultiere noch Affen sind. Und vielleicht will uns die Faule-Frieda-Fabel ja auch mitteilen, dass - natürlich - in der Ruhe die Kraft liegt.
Irene Gunnesch/Heide Stöllinger: Faule Frieda. Jungbrunnen-Verlag, Wien 2011. 13,90 €.
