
- Blick über den Wörlitzer See zum Schloss - Horst Krumpholz
Die Maßnahmen der Landesverschönerung im kleinen Fürstentum Anhalt-Dessau umfassten die Neu- und Umgestaltung der natürlichen und bereits kultivierten Landschaft. Die landwirtschaftlichen Nutzflächen und barocken Wallanlagen wurden erweitert und ausgebaut, Einzelobjekte und vorhandene Bauten ästhetisch in die Landschaft integriert. Gestalterisch orientierte man sich am Stil der englischen Landschaftsgärten sowie am Klassizismus und der Neogotik bei Gebäuden.
Die Verschönerung des Fürstentums dauerte von 1764 bis 1817 und erfolgte in vier Abschnitten. Es existierten weder Entwurfszeichnungen noch ein Gesamtplan; das Gartenreich wurde Detail für Detail, Schritt für Schritt vor Ort zu einer Einheit zusammenwachsend gestaltet.
Das Vorbild: die "Ornamental Farm"
Die Äcker und Felder, die bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts nach den ersten Entwässerungsmaßnahmen entstanden waren, kaufte Fürst Franz auf und gestaltete sie wie eine Ornamental Farm, die er auf seinen Englandreisen kennengelernt hatte. Zusammen mit den Wiesenflächen, den Auwaldarealen und Grünländereien bildeten die Acker- und Weideflächen den unsichtbaren Übergang von der gestalteten zur natürlichen Landschaft.
Zwischen 1783 und 1787 errichtete man die Wörlitzer Domäne, die zu einem weithin bekannten Musterbeispiel eines landwirtschaftlichen Betriebes avancierte. Besonderen Status erlangte Dessau-Wörlitz mit der Kultivierung von Hopfen und Klee sowie der Abschaffung der Dreifelderwirtschaft: Sie wurde durch den jährlichen wechselnden Anbau von Tabak, Raps oder Mohn ersetzt. Deren kräftige Farben verschönten das Gartenreich im Frühjahr und Sommer – gemäß dem Motto „das Schöne mit dem Nützlichen“.
Der Waldbestand, der durch Wildbiss und Waldweide weniger wurde und zur Ausdünnung der Landschaft führte, wurde durch einzelne Eichen aufgelockert, die einerseits einen wichtigen Akzent im Garten setzten und andererseits als Orientierungshilfe und Wegweiser für Besucher dienten.
Der Wasser- und Deichbau im Gartenreich Dessau-Wörlitz
Nach der Hochwasserkatastrophe 1770/71 wurden die alten Deiche um einen Meter erhöht, befestigt und durch weitere Deiche erweitert. An Schwachstellen wie Strömungsbereichen oder Wallknicken wurden sie verstärkt und zur Flussseite hin mit Eichen oder Obstbäumen bepflanzt, die den Druck des Winterhochwassers bzw. Schmelzwassers reduzieren sollten.
Die Teile des Gartens, die durch das Hochwasser voneinander getrennt worden waren, wurden durch Kanalbauten und Brücken miteinander verbunden. Durch die Kanäle konnten Besucher das Gartenreich per Kahn und Boot kennen lernen und erleben.
Ab 1772 wurden an den wichtigsten Deichabschnitten, in vier bis fünf Kilometer Entfernung, Wallwachhäuser errichtet, die als Lager für Werkzeug und als Notunterkunft für Reisende bei Schlechtwetter dienen sollten. Zusammen mit mehrreihigen, teilweise rhythmisch gepflanzten, Obstalleen werteten die Wallwachhäuser die Deiche optisch auf.
Obstpflanzungen als Verschönerungselement der Hauptstraßen
Die Alleen spendeten den Besuchern und Reisenden auf ihrer Wanderung durch das Gartenreich Schatten und boten den Jahreszeiten entsprechend auch Anlass zur Erfrischung: Das Obst durfte gepflückt werden. Obstpflanzungen fand man nicht nur an den Deichen, sondern auch an den Hauptstraßen des Gartenreiches und flächig angelegt um Dörfer und Städte herum. Diese Obstpflanzungen fungierten als Mittel der Einbindung in die umliegende Landschaft und waren gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.
Die Einzelobjekte und Kleinmonumente
Vasen, Skulpturen, Urnen, Sarkophage, Gedenksteine und Altäre wurden vor allem am Ende von Sichtschneisen und -fächern aufgestellt. Weithin leuchteten sie in strahlendem Weiß in der „grünmalerischen“ Landschaft. Die dadurch entstehenden räumlichen Bilder und Sichten konnten von den rund 20 Brücken und rund 150 aufgestellten Feldsteinsitzen und Bänken aus genossen werden. Der Wechsel von langen, schmalen Sichten und weiten Gartenräumen sowie den Nutz- und Wiesenflächen steigerte zusammen mit den überraschend auftauchenden Veduten die Erlebnisvielfalt für Besucher, wie es in der zeitgenössischen Gartentheorie postuliert wurde.
Die Baumschulen des Gartenreichs Dessau-Wörlitz
Eine wichtige Rolle für die Pflanzenauswahl im Gartenreich spielten die eigenen Baumschulen, in denen die ausländischen Pflanzen- und Baumarten gezüchtet wurden. Unter Gärtner Johann Schoch dem Älteren (1728-1793) angelegt, wurden sie von seinem Sohn Johann Schoch dem Jüngeren (1758-1826) weitergeführt. Dieser hatte während seiner Ausbildung in England Kontakte aufgebaut, die es ihm ermöglichten, die gewünschten Gehölze und Sträucher aus Nordamerika in Form von Saatgut und Stecklingen über England, Hamburg und per Schiff über die Elbe zu beziehen.
Die Integration der vorhandenen Gebäude
Die vorhandenen Schloss-, Garten-, Dorf- und Stadtanlagen wurden ebenfalls im Zuge der franzschen Reformen ästhetisch integriert. In den Dörfern wurden einzelnen Häusern prunkvolle Fassaden vorgesetzt und sie damit in die Landschaft eingebunden. Ganze Haus- und Dorfansichten am Rande von Dörfern wurden hinter neu angelegten großflächigen Obstpflanzungen versteckt. Wo eine Verschönerung nicht möglich war, wurden die Gebäude abgerissen und gegebenenfalls durch einen Neubau im neuen Stil des Klassizismus bzw. der Neogotik ersetzt.
Die barocke Gartenanlage in Oranienbaum wurde im Sinne der aufkommenden anglochinoisen Gartenkunst nach den Theorien von William Chambers erweitert. Schloss und Park Mosigkau blieben im Rokoko-Stil erhalten, lediglich der Kirchturm in der Stadt wurde 1780 um zwei neogotische Türme erweitert. In Wörlitz hingegen wurde 1768 das alte barocke Schloss, der barocke Garten am Ufer des Wörlitzer Sees, die alte Probstei und eine ganze Häuserreihe vor dem Schloss vollständig abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der alte Baumbestand – die alleenartige Lindenpflanzung – wurde in die Neugestaltung einbezogen.
Von größeren Umbauten waren vor allem die Kirchen in Wörlitz, Pötnitz (heute Mildensee) und Jonitz betroffen. In Wörlitz wurde die Kirche zwischen 1800 und 1810 umgebaut. Von der einstigen Burgwardpfarre aus der Sorbenzeit sind heute noch die Umfassungsmauern des Langhauses, der westliche Vierungspfeiler mit dem Triumphbogen sowie ein fünf Meter hoher Turmstumpf erhalten. Am Außenbau ist der romanische Ursprung nicht mehr zu erkennen. Die spätromanische Konventskirche in Pötnitz wurde zwischen 1804 und 1806 neogotisch restauriert bzw. umgebaut. In Jonitz wurde 1816 an die alte Dorfkirche ein neogotischer Mausoleumsturm als Grabstätte des Fürsten und seiner Frau angefügt.
Offensichtlich verfolgte Fürst Franz eine Art Gesamtkonzept, dass sich während der einzelnen Gestaltungsphasen und Arbeiten entwickelte. Die Arbeiten in den 1790er Jahren – die dritte Phase – und die Kirchen- und Turmbauten des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts sollten die 40 Jahre lang gestaltete Landschaft durch hohe herausragende Türme abschließend zu einer Einheit verbinden – und sowohl Merkzeichen in der Gartenlandschaft als auch eine Orientierungshilfe für Reisende und Besucher sein.
