
- Das Glück der Zikaden - Galiani Verlag
Für ihren Debütroman "Lichte Stoffe" wurde Larissa Boehning mit dem Mara-Cassens-Preis geehrt. Nun ist ihr zweiter Roman "Das Glück der Zikaden" im Galiani Verlag erschienen. Hier beschäftigt sich die junge Autorin mit der zentralen Frage, was passiert, wenn bestimmte Lebensumstände Menschen dazu bringen, zu verstummen. "Das Glück der Zikaden" wurde im Juli 2011 veröffentlicht.
Drei Frauen und ihre Schicksale
Der Schauplatz des Lebens der ersten Roman-Protagonistin Nadja spielt in Russland. Nadja arbeitet dort als bekannte Sängerin. Als ihr Pferd schwer erkrankt, lockt sie es mit Zuckerstückchen auf eine Eisscholle, in die sie dann Löcher schießt. Bald darauf muss Nadja mit ihrer Familie vor Beginn des Krieges aus Russland emigrieren. Sie kommt nach Deutschland, hat hier aber große Anpassungsschwierigkeiten. Nadja redet nur in ihrer Muttersprache und lebt ein Einsiedlerleben. Als Nadja stirbt, ist ihre Tochter Senta in anderen Umständen. Vater des Ungeborenen ist Gregor, ein Träumer, der in die DDR auswandert. Senta ehelicht schließlich einen anderen Mann, von dem sie noch vier Kinder bekommt. Erst als ihr Mann verstirbt, erzählt sie ihrer ältesten Tochter Katharina, das er nicht ihr Vater war. Auch Katharina hat Probleme, sich der Umwelt zu öffnen. Sie versinkt fast manisch in einer Welt aus Klavierspiel und Musik.
Das ewige Schweigen bestimmt das eigene Schicksal
Bereits die erste Protagonistin Nadja macht das Thema Einsamkeit zu ihrem persönlichen Schicksal. Sie findet keinen Zugang zu ihrem neuen Leben in Deutschland und stirbt schließlich in sich gekehrt und einsam. Nadja verlor sich in ihrer unrealistischen Traumwelt und gab dieses Gefühl an ihre älteste Tochter Senta weiter. Die schwangere Senta fällt die folgenschwere Entscheidung, dem Vater ihres ungeborenen, ersten Kindes nicht in die DDR zu folgen. Diese Fehlentscheidung bedauert sie ihr ganzes Leben lang und verpasst damit permanent die Möglichkeit, ein glückliches Leben zu führen. Ihre älteste Tochter Katharina ähnelt in fataler Weise ihrer verschlossenen Mutter. Auch sie ist unfähig, über Gefühle zu reden und versucht verzweifelt, das Leben zu verstehen.
Das Glück der Zikaden
Einst machte der griechische Dichter Xenarchos den Zikaden ein großes Kompliment. Er schrieb, dass die lauten Insekten das große Glück hätten, stumme Weibchen zu besitzen. Damit umschrieb der Dichter aber nur die Mentalität der redefreudigen Griechinnen, die ihm mit ihren ständigen Gesprächen mächtig auf die Nerven fielen. Larissa Boehning hat in ihrem Roman "Das Glück der Zikaden" den Dichter Xenarchos beim Wort genommen und ihren Roman-Figuren eine schweigende Mentalität verpasst.
Fazit
Auch das zweite Werk der jungen Autorin Larissa Boehning hat das Potenzial zu einem grandiosen Generationen-Roman. Die Autorin beschreibt in einer stilistisch ausgefeilten Sprache den inneren Kampf, der von Generation zu Generation weiter gegeben wird. Sprachlosigkeit wird zu Unnahbarkeit und Fremdbestimmtheit gehört zum Alltag. "Das Glück der Zikaden" ist ganz große Prosa.
"Das Glück der Zikaden" von Larissa Boehning, erschienen im Juli 2011 im Galiani Verlag, gebunden, 320 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3-86971-039-6
Die Autorin bedankt sich beim Galiani Verlag für das bereitgestellte Rezensionsexemplar.
Bildnachweis: copyright Galiani Verlag
