Das Great Barrier Reef

Vor Cairns liegt das weltweitgrößte Korallensystem. Es ist in Gefahr

Beim Versuch, Vermarktung und Schutz des Great Barrier Reefs unter einen Hut zu kriegen, stellen sich die Australier auf den Kopf

Ganz vorne, am Rand der Lagune, ist das Wasser so klar wie Vodka. Gestochen scharf liegen Seegurken und Tigermuscheln im flachen Meer. Daneben zeichnen sich Korallenblöcke ab, drei, vier, fünf dunkle Flecken, dahinter werden es immer mehr. Mehrere Kilometer breitet sich die Lagune von Heron Island unter dem hitzeblauen Himmel aus, in flachem Winkel betrachtet, eine spiegelglatte Fläche wie aus weißem Blei unter die gleißende Sonne gegossen. In diesem Meer liegt das größte zusammenhängende Riffsystem der Erde. 2.300 Kilometer nach Norden dehnt es sich aus, von Bundaberg im Süden bis hoch in die Torres-Straße bei Papua Neuguinea: 345.000 Quadratkilometer, ein Weltwunder, ein Areal so groß wie Deutschland, gespickt mit Korallen, die knapp unter der Oberfläche und in bis zu 20 Metern Tiefe gedeihen. Hirnkorallen, Gorgonien, Schwämme. Dazwischen Myriaden bunter Fische, Kopffüßler, Rochen, Zackenbarsche und Makohaie, die mit bis zu 48 Stundenkilometern durch das Nass jagen.

Gefahrlos Baden

Australiens Great Barrier Reef. Ein nicht endenes Muster aus Riffformen, eine Schatzkiste der Meeresbiologie und eine natürliche Barriere, die sich vor der Küste von Queensland durch den Westpazifik zieht, über eine Länge, die der Hälfte Europas entspricht. Gleich geht es wieder los, gleich kommen die großen Busse mit den Tagesbuchungen, das ist jetzt jeden Morgen so, es ist Hauptsaison. Spätestens gegen acht Uhr herrscht Hochbetrieb an den Gateways zum Riff. Gladstone, Mackay, Townsville, Cairns, Port Douglas. Tausende Menschen begeben sich von hier aus jeden Tag an Bord der Schiffe. Die „Gateways" sind Queenslands Drehkreuze, die Portale, durch die man Touristen hinaus zum Riff schleust. Schnorchel- und Tauchsafaris versprechen einmalige Erlebnisse. Tages-Trips hinaus aufs Meer, dahin, wo die Fische und die Korallen sind. Dahin, wo man gefahrlos in das warme, blaue Wasser springen kann.

Jährlich 1,9 Millionen Gäste

Punkt acht Uhr dreißig läuft das 25 Meter lange Motorschiff „Compass" aus dem Hafen von Cairns aus. Es ist voll im Hafen, es liegen dort professionelle Boote zum Hochseefischen, doppelrümpfige Speed-Schiffe mit „Reef Cinema Audiovisual Systems" an Bord, daneben vollklimatisierte Stahlkatamarane, die 200 Menschen an Bord nehmen können und das Meer mit 40 Stundenkilometern durchpflügen.

Der Kapitän der „Compass" ist sehr blond, er trägt Surfshorts und T-Shirt, er sagt ins Mikro: „Willkommen an Bord, Guys, willkommen zu einem unvergesslichen Tag am Great Barrier Reef, und jetzt lehnt euch zurück und genießt die Sonne." Dann schickt er Punkrock und Reggae durch die Lautsprecher, es ist Ferienzeit, Kurs 90 Grad liegen an, Vollgas raus ans Riff. Die australische Korallensee ist nicht nur Unesco-Weltnaturerbe, sie ist auch eine gewaltige Dollarmaschine. Jedes Jahr fahren im Schnitt 1,9 Millionen Gäste hinaus, um die bunten Korallengärten einmal selbst zu erleben. Der australischen Wirtschaft greift dieser Boom jährlich mit fünf Millarden Dollar Umsatz unter die Arme und hat 63.000 Jobs allein im Tourismussektor geschaffen. Gegen halb elf macht auch die „Compass" an einer Boje fest, über 40 Kilometer weit draußen am Michaelmas Reef, und dann kommt das Kommando durch die Lautsprecher, dass die Badesession eröffnet ist. Kurz darauf hopsen quiekende Australier, Japaner, Koreaner, Europäer von den hydraulisch absenkbaren Badeplattformen ins Wasser, und bald wackeln Dutzende gelber Plastikröhren durchs Meer. 90 Minuten Schnorcheln sind eingeplant, danach stehen Lunch und Weiterfahrt ans nächste Riff auf dem Programm.

Gestresste Korallen

Doch es ist „ziemlich gestresst", wie die Meeresbiologin Dr. Kirsten Michalek-Wagner vom der Great Barrier Reef Marine Park Authority (GBRMPA) sagt. Durch die globale Erwärmung fanden 1998 und 2002 die bisher stärksten Korallenbleichen statt. An einigen Riffen fielen 50 bis 90 Prozent des sensiblen Korallenbewuchses den zu hohen Wassertemperaturen von 31 Grad und mehr zum Opfer. Hinzu kämen andere Faktoren wie Überfischung, verschlechterte Wasserqualität durch Einspülungen aus der Landwirtschaft sowie die Auswirkungen des Tourismus und natürlicher Phänomene wie Epidemien des Dornenkronen-Seesterns. Insgesamt, so die Meeresbiologin, müsse man sich ernsthaft Sorgen machen. Zwar könne ein Problem allein das Riff nicht dahinraffen, aber alle zusammen würden es schaffen. „Death by a thousand cuts" nennen es die Biologen. Tod durch tausend kleine Schnitte. Ein zerschundenes Riff aber nützt niemandem, und inzwischen haben die Autsralier einzigartige Anstregungen unternommen, um ihr großes Naturwunder zu schützen. Seit 2004 ist das gesamte Riff in neue Zonen eingeteilt worden, wobei über 33 Prozent der Gesamtfläche streng geschützt und als sogenannte „No Take Areas" eingestuft sind.

Touristen helfen auch

Heute können sich immer mehr auch Touristen aktiv am Schutz beteiligen. Bei Aktionen wie „Coral Watch" bekommen Riffbesucher Korallen-Charts in die Hände, anhand derer sie die exakte Färbung und somit den Gesundheitszustand der Korallen bestimmen können. Die tauchenden Gäste helfen beim Zählen, Vermessen und Markieren bestimmter Haiarten, wandern nachts auf Beobachtungstouren zu den Brutstätten der Karettschildkröten oder gehen an der Seite von Wissenschaftlern zur Bestandsaufnahme der Korallen am Riff unter Wasser. „Der ,Erfahrungstourismus' ist die am schnellsten wachsende Nische am Markt", sagt Stephen Pahl von Ecotourism Australia. Nun jagt ein „Coral Health Program" das nächste, auf Inseln wie Heron Island starten tägliche Lehr-Ausflüge ans Riff, wo Gäste mit Spazierstöcken und Meeresguckern in der wadenflachen Lagune waten und über das wundersame Dasein von Seegurken und Akroporiden unterrichtet werden.

Mit anderen Augen

Einige sehen das Spektakel derweil mit anderen Augen. Kapitän Gerry Meeks steht oben neben der Brücke seines Schiffs und blickt unter seinem ausgewaschenen Cappy auf das weite Meer. Er kennt die Gewässer wie seine Westentasche und steuert heute eines der Tauchboote zu weit vorgelagerten Riffen wie Hastings, Saxon und Norman Reef. Er sagt, dass heute keiner mehr einen Überblick über all die Vorschriften und Erlasse hätte und die schutzbeauftragten Institutionen sich teilweise gegenseitig bekämpfen würden. „Die Kommunikation zwischen all den Instanzen ist schwierig geworden."

Ausfahrten zum Barrier Reef:

Am schönsten sind sogenannte „Overnight Reef"-Trips, auf denen die Gäste zwei Tage und eine Nacht (auf Wunsch auch mehr) auf einem Tauchboot draußen am Riff verbringen. Fernab der Inseln und des Tagestourismus laufen diese Boote die entlegenen Riffe an, wo man nach Belieben schnorcheln, tauchen und baden kann. Hier können Novizen auch Schnupperkurse im Tauchen absolvieren. 2 Tage und 1 Nacht auf einem 35-Meter-Luxuskatamaran ab Cairns kosten 290 australische Dollar (Stand 2008)

Michael Witt, Michael Witt

Michael Witt - Freier Journalist, Fotoreporter

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