Das Guernica von Málaga

Die Nationalisten erschossen 10.000 Republikaner auf der Flucht

An der Küstenstraße zwischen Málaga und Almería verursachten die Truppen Francos eines der größten Massaker des spanischen Bürgerkriegs

Die Küstenstraße, die Málaga mit Almería verbindet, ist heute ein schöner Weg, der an noch einigermaßen unberührten Stränden und traditionellen Dörfern vorbeiführt. Doch vor gut 70 Jahren spielte sich dort eine der größten Katastrophen der spanischen Zeitgeschichte statt. Nur der Name einer Teilstrecke der alten Küstenstraße, der Paseo del Doctor Bethun, erinnert heute vor Ort an das schreckliche Ereignis.

Februar 1937. Spanien befindet sich mitten im Bürgerkrieg. Die nationalen Truppen unter General Francisco Franco sind auf dem Vormarsch. Die Republikaner verlieren immer mehr Stellungen, Málaga ist gefährdet. In den Wochen zuvor waren unzählige Flüchtlinge aus anderen andalusischen Städten in die Stadt geflohen und erzählten den Malagueños von den Gräueltaten, die spanisch-marokkanische Soldaten an den besiegten republikanischen Soldaten und auch an der Zivilgesellschaft verübten. Gleichzeitig rücken die Nationalen immer weiter vor. Als sie den Außenbezirk Puerto de la Torre einnehmen, packen die Bürger Málagas wenige Wertsachen, warme Kleidung, ihre Familie und machen sich auf den Weg nach Almeria, der letzten andalusischen Bastion der Republikaner. Einige Quellen sprechen von 40.000 Menschen, die ihre Heimat aus Angst vor den Truppen Francos zurückließen, andere von 150.000. Auf der Küstenstraße kann man kaum laufen vor lauter Menschen. Wer müde ist, legt sich zwischen die Büsche am Straßenrand. Mütter stillen ihre Kinder, Söhne nehmen ihre alten und kranken Eltern auf die Schultern.

Drei Tage dauert der Exodus an. Málaga ist mittlerweile von den Nationalen eingenommen. Dann hören die Flüchtlinge die ersten Flugzeuge. Deutsche und italienische Flieger schießen in La Cala del Moral die ersten Bomben ab. Vom Meer her nähern sich zwei nationale Schiffe. Auch sie haben die Malaguenos im Visier. Die Reihen auf der Küstenstraße lichten sich. Schreckliche Bilder graben sich in die Gedächtnisse der Überlebenden. Mit noch mehr Verzweiflung setzen sie ihren Marsch nach Almeria fort.

Mobiler Blutspendedienst

Als die ersten republikanischen Flüchtlinge in Almeria eintreffen, wird der kanadische Arzt Norbert Bethune auf das unbeschreibliche Elend aufmerksam, das sich auf der Küstenstraße abspielt. Bethune koordiniert die medizinische Versorgung, die die kanadische Regierung den Republikanern gibt. Unter anderem hat er einen mobilen Blutspendedienst ins Leben gerufen, um die Verletzen so schnell wie möglich zu versorgen. In diesen Lastwagen setzt er sich mit zwei Assistenten und fährt auf der Küstenstraße in Richtung Málaga. Als er das Elend sieht und die von den Bomben Umgekommenen, packt er Frauen und Konder in seinen Wagen und fährt sie nach Almeria. Drei Tage und Nächte lang nimmt der Doctor Bethune Menschen auf, um sie vor dem Tod zu bewahren. Dann werden die Angriffe der Nationalen immer häufiger. Er beginnt die Flüchtlinge, die sich notdürftig auf dem Paseo Marítimo von Almeria eingerichtet haben, zu verpflegen.

Am 12. Februar, als die Straßen voller Flüchtlinge sind, bombardieren deutsche Flieger die Stadt. In Almería gibt es nur noch Leichen und Verletzte. Wenige Unverletzte setzen ihren Weg nach Norden, nach Frankreich fort.

Weder die Republikaner noch die Nationalisten erinnerten an die Schrecken der Carretera Málaga- Almeria, die mehr Todesopfer forderten als die Angriffe auf Guernica. Die Republikaner wollten ihren Soldaten den Mut nicht nehmen, Franco seine Grausamkeit mindern. Erst nach seinem Tod wurde die Geschichte langsam aufgearbeitet und die Teilstrecke nach dem kanadischen Doktor benannt.

Veronica Frenzel, Veronica Frenzel

Veronica Frenzel - Seit fünf Jahren arbeitet Veronica Frenzel als freie Journalistin in Málaga, Andalusien. Für das Reisejournal der Westdeutschen ...

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