Obwohl das Staatsexamen als Studienabschluss beibehalten wird, wurde an den meisten baden-württembergischen Universitäten das Lehramtsstudium zum Wintersemester 2010/2011 grundlegend neu strukturiert. Anders als in anderen Bundesländern gibt es (vorerst) keinen "Master of education", um den Vertretern der Kultusbehörde weiterhin den Prüfungsvorsitz zu erlauben. Wie sich die Inhalte verändert und Schwerpunkte verschoben haben, soll im Folgenden kurz dargelegt werden.
Mängel des alten Lehramtsstudiengangs
Das Hauptaugenmerk des bisherigen Studiengangs lag eindeutig auf der fachlichen Kompetenz - Konflikte in der Klasse zu lösen oder zum Elterngespräch zu bitten wurde eher am Rande vermittelt. Die positiven Erfahrungen des Schulpraxissemesters reichen allerdings noch nicht aus, um eine qualifizierte Lehrkraft zu werden. Zudem wurde oftmals erst viel zu spät entdeckt, dass der Lehrberuf "doch nichts für einen ist". Ein weiteres Manko der alten Prüfungsordnung ist die Gewichtung des Studiums und der Abschlussklausuren – die im Studium erbrachten Leistungen schlagen sich in der Endnote praktisch nicht nieder.
Gegenmaßnahmen gemäß der neuen Prüfungsordnung
Der neugestaltete Studiengang versucht schon im Vorfeld die Abbrecherquote möglichst gering zu halten, indem ein verpflichtender Onlinetest von allen Studierenden vor der Immatrikulation durchlaufen werden muss. Zudem ermöglicht ein zweiwöchiges Pflichtpraktikum (muss bis spätestens zu Beginn des dritten Fachsemesters absolviert worden sein) einen ersten Einblick in das spätere Berufsleben und einen frühen Perspektivwechsel hin zur Rolle des Lehrers. Die eigene Berufswahl soll durch ein so frühes Praktikum reflektiert und verifiziert werden. Zum schon in der alten Prüfungsordnung verankerten ethisch-philosophischen Grundlagenstudium tritt das neue Modul "personale Kompetenzen". Es besteht aus dem dreizehnwöchigen Schulpraktikum, das ab sofort allerdings nur noch in Blockform durchgeführt wird, um den Studierenden eine kontinuierliche Teilnahme am Schulleben zu ermöglichen. Als Neuerung hinzugekommen ist, dass es nur als bestanden gilt, wenn die Schulleitung dem Praktikanten bescheinigt, im Praktikum Fortschritte gemacht zu haben. Sollte der Studierende gescheitert sein, kann das Praktikum ein Jahr später (allerdings an einer anderen Schule) wiederholt werden – sollte er wieder scheitern, bedeutet dies das Aus für ein baden-württembergisches Lehramtsstudium.
Das neue Modul legt erstmals schon im Studium ein Augenmerk auf die Körpersprache, Arbeits- und Zeitmanagement, Gesprächsstrategien und den Umgang mit Konflikten in der Klasse. Des Weiteren müssen doppelt so viele Fachdidaktikseminare (also zwei pro Fach) wie im alten System besucht werden. Der Praxisbezug mutet wie eine Angleichung der universitären Ausbildung an das Studium an einer Pädagogischen Hochschule an – allerdings soll der starke Schwerpunkt der Fachwissenschaftlichkeit trotz der neuen Ausrichtung beibehalten werden.
Auch hinsichtlich der Abschlussprüfungen hat sich viel getan: Die schriftlichen Abschlussklausuren wurden zugunsten des studienbegleitenden Systems eingestellt, das heißt die Prüfung erfolgt nicht gesondert. Diese Leistung machen in etwa zwei Drittel der Endnote aus, der Rest der Note ergibt sich aus dem Staatsexamen. Wie bisher auch muss hierfür eine einstündige, mündliche Prüfung in jedem Fach abgelegt und eine wissenschaftliche Arbeit (auch Zulassungsarbeit genannt) verfasst werden.
Kritik
Wie auch in anderen Bachelor-/Masterstudiengängen kann der Verlust von Freiräumen und persönlichen Tendenzen sowie eine Verschulung des Systems beklagt werden. Von vielen Studierenden wird auch befürchtet, dass die Neuerungen mehr ein Weg zum "Aussieben" seien als ein Weg zur Überprüfung der Berufswahl.
Quelle: eigene Recherche
Selbsttest für die Eignung zum Studium
