
- Haus des Terrors in Budapest - Wolfgang Weitzdörfer
Das „Haus des Terrors“ ist im Grunde genommen kein Museum, obwohl es natürlich wie eines konzipiert ist. Vielmehr ist es ein Mahnmal, eine Gedenkstätte. Denn quasi in situ unterdrückten zuerst die ungarischen Faschisten, die Pfeilkreuzler, und nach deren Niederschlagung die ungarischen Kommunisten jene unliebsamen Bürger, die sich oftmals schneller in den Folterkellern der „Andrássy Ùt 60“ wiederfanden, als es ihnen lieb sein konnte...
Ein Mahnmal wider das Vergessen – das „Haus des Terrors“ in Budapest
„Je tiefer wir in die Geschichte eintauchen, desto weniger Zeugen bleiben, die Erinnerungen verlieren sich im Nebel...“ Dieser Satz des russischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Alexander Solschenizyn ist dem Ausstellungskatalog über das „Haus des Terrors“ vorangestellt – und in ihm findet sich vielleicht die Grundmotivation für dieses Museum wieder: die Verbrechen, über die ansonsten das Gras der Zeit wachsen würde, dürfen einfach nicht vergessen werden – von welcher Seite auch immer sie ursprünglich ausgingen.
Hollywood in Budapest – das „Haus des Terrors“ in Budapest
Ist man von so mancher Gedenkstätte im negativen Sinne überrascht, da sie doch arg, nun, „rustikal“ daherkommen, im Sinne von kaum gepflegt, weil kaum gefördert, wird man im „Haus des Terrors“ auf der Budapester Prachtallee, der Andrássy Straße, diesbezüglich durchaus vom Gegenteil überzeugt. Die drei Etagen, zuzüglich des wirklich Bedrückung auslösenden Kellers mit zahlreichen Einzelzellen, Verhörräumen und Folterzellen, sind durchaus Hollywood-kompatibel aufgemacht. Video- und Toneinspielungen, dazu eine wirklich fantasiereiche Einrichtung, manchmal ist man sich nicht mehr sicher, ob man nun einer Inszenierung beiwohnt – oder ob das lediglich die durch Übertreibung veranschaulichende grausame Abbildung einer Realität ist.
Seltsames Ungleichgewicht zwischen Faschismus und Kommunismus
Man mag dem deutschen Betrachter die praktisch immanente innerliche Selbstgeißelung ob der Verbrechen des Dritten Reiches zugute halten – doch auch aus einer völlig nüchternen, rationalen Sichtweise heraus scheint das „Haus des Terrors“ ein deutliches Schwergewicht auf die Verbrechen der kommunistischen Diktatur zu legen. In Historikerkreisen wurde diese Tatsache durchaus in einen Zusammenhang mit der politischen Richtung gebracht, die zu Zeiten der Entstehung des Museums 2003 – und tatsächlich auch heute noch – in Ungarn an der Macht war. Fakt ist indes, dass dem Kommunismus wesentlich mehr Raum eingeräumt wird, als den Verbrechen und Gräueltaten der Pfeilkreuzler während des Zweiten Weltkriegs.
Der Folterkeller zum Angucken – das „Haus des Terrors“ in Budapest
Begibt man sich in den Keller des „Haus des Terrors“, findet man sich in einer ähnlich beklemmenden und den-Hals-zuschnürenden Atmosphäre wieder, wie wenn man zum ersten Mal beispielsweise das Konzentrationslager Dachau besucht. Gott sei Dank, mag man fast sagen, haben die Kuratoren auf den „Effekt“ des Einspielens von Schmerzensschreien verzichtet, aber die – leider nur auf Ungarisch – abgespielten O-Töne aus Nachrichten und anderen Quellen reichen durchaus aus, um sich in den dunklen, U-Bahn-Schächten ähnlichen Kellerräumen mehr als nur unwohl zu fühlen. Die Folterzellen, die so schmal sind, dass ein Mensch gerade darin stehen kann, ohne sich bewegen oder setzen zu können, die nüchternen Telefone, über die wohl über Erfolg oder Misserfolg eines „Verhörs“ Bescheid gegeben wurde, und nicht zuletzt der furchtbare, weil zu Tränen rührende „Raum der Tränen“, in dem an den Wänden die Namen all jener zu lesen sind, die zwischen 1945 und 1967 aus politischen Gründen hingerichtet wurden – und es waren viele – machen das Grauen eines jeden Unrechtsregimes nur zu deutlich. Auch wenn man durchaus fragen darf, warum nicht die Toten aus der faschistischen Zeit mit aufgeführt werden.
Auf jeden Fall einen Besuch wert – das „Haus des Terrors“ in Budapest
Wie man die Ausstellung letztlich bewertet, muss jeder Besucher für sich selber entscheiden. Einen Besuch jedenfalls ist das Museum auf jeden Fall wert. Nur sollte man seine geistige Mündigkeit nicht am Eingang abgeben. Denn: „Die Vergangenheit muss eingestanden werden...“ (Attila József).
Informationen über das „Haus des Terrors“ in Budapest
- Anschrift: Andrássy Straße 60, Budapest, 1062
- Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen
- Eintrittspreise: regulärer Preis 1800 HUF (ungarischer Forint), Schüler- und Studentenermäßigung 900 HUF (zwischen 6 und 26 Jahren), freier Eintritt für EU-Bürger über 70 Jahren, Audio-Guide (Englisch, Deutsch) 1300 HUF
- Anfahrt: Metro-Linie 1 bis zur Haltestelle Vörösmarty utca oder mit den S-Bahn-Linien 4 und 6 zur Haltestelle Oktogon
- Telefon: (061) 3742600
- Internet-Auftritt: www.houseofterror.hu
Quelle:
Ausstellungskatgalog „Haus des Terrors“, herausgegeben vom Ungarischen Ministerium für Nationales Kulturerbe und des Ungarischen Nationalen Kultur Grundprogramms. Budapest 2003.
