Das Heiligblut-Retabel in St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber

Das Heiligblut-Retabel von Tilman Riemenschneider  - Judith Weibrecht
Das Heiligblut-Retabel von Tilman Riemenschneider - Judith Weibrecht
Tilman Riemenschneider (1460 - 1531), bedeutendster Bildschnitzer am Übergang der Spätgotik zur Renaissance, schuf das Meisterwerk der Sankt Jakobskirche.

Ein warmer Honigton schimmert im Zwielicht. Fast scheinen die ausdrucksstarken Figuren sich zu bewegen. Bestürzt sehen sie aus und erschrocken. Ihre Bernsteinfarbe rührt vom Lindenholz her, aus dem sie geschnitzt sind. „Der Altarkasten aber ist aus Föhrenholz“, sagt Dr. Oliver Gußmann. Er ist Pfarrer in St. Jakob in Rothenburg ob der Tauber und erklärt das Heiligblut-Retabel (1501 - 1504) von Riemenschneider.

Auftrag für das Heiligblut-Retabel an Tilman Riemenschneider und Erhart Harschner

Man schrieb das Jahr 1499, als Räte der Stadt Rothenburg beschlossen, das Kunstwerk zur Aufbewahrung der Heilig-Blut-Reliquie in Auftrag zu geben. Hoch oben ist sie in einer Bergkristallkapsel des Reliquienkreuzes und soll auf ein Altartuch verschütteter Messwein sein, der durch die Wandlung zum Blut Christi wurde. „Das ist eine der drei Besonderheiten des Altars“, so Gußmann. Der Auftrag ging an den Kistler Erhart Harscher, der in seiner Rothenburger Werkstatt den Altarkasten schuf und an den Bildhauer Tilman Riemenschneider. Beide wurden nahezu gleich entlohnt. Figuren und Reliefs schuf der um 1460 geborene Riemenschneider in seiner Würzburger Werkstatt und passte sie danach in Harschers Altarkasten ein. Von Ostern 1500 bis Juli 1500 sollte das dauern. Es wurden fünf Jahre daraus.

Die drei Besonderheiten des Altars von Riemenschneider in St. Jakob zu Rothenburg

In der Mitte steht Judas und nicht Jesus. Dies ist die zweite Besonderheit und wohl weltweit einmalig. „Der Grund ist höchstwahrscheinlich, dass man hierher gewallfahrtet ist und dann auf den Priester zuging, der das Abendmahl verteilte. Ebenso wie im Altarbild Judas auf Jesus zugeht.“ Im Mittelpunkt stehe er auch deshalb, weil es hier zentral um Vergebung ging. „Im Mittelalter hat hier ja ein Riesengetriebe geherrscht, um Ablass zu erhalten“, so der 47-Jährige.

„Drittens ist die Licht- und Schattenwirkung des Altars beeindruckend“, erzählt Gußmann. „Die muss es geben, weil Riemenschneider auf Farbe verzichtet hat. Die Figuren sind monochrom, bis auf die einst schwarzen Augen und ein wenig Rot auf den Lippen und Wangen.“ Dass der begnadete Bildschnitzer weitgehend ohne Farbe und auf Holzsichtigkeit gearbeitet hat, war neu. Durch den durchbrochenen Schrein und die hinten eingelassenen Butzenscheiben fällt das Licht des Westchors. Die Wirkung der ergriffen scheinenden Jünger Jesu wird dadurch noch verstärkt. Riemenschneiders grandiose Holzschnitzerkunst ruft Emotionen hervor und berührt. Den Figuren hat er mit seinen begnadeten Händen fast Gefühle eingehaucht. Sie wirken wie ein Spiegel der Seele. Seiner Seele?

Rothenburg ob der Tauber lockt Touristen, nicht zuletzt durch Riemenschneider

Kein Wunder, dass pro Jahr 120.000 bis 150.000 Besucher kommen, um das Heilig-Blut-Retabel in der Märchenbuchstadt Rothenburg zu sehen. Dies ist auch per Fahrrad möglich. Durch das Tal der Tauber führt der eher flach verlaufender Radweg namens "Liebliches Taubertal - Der Klassiker" . Wer es gerne weiter hat: Auch der Paneuropa-Radweg von Paris nach Prag führt mitten durch Rothenburg.

Judith Weibrecht, Judith Weibrecht

Judith Weibrecht - Judith Weibrecht wurde in Fürth/Franken geboren. Schon früh sagte man ihr übertriebene Reiselust nach (angeblich von der ...

rss