Der intensive schriftliche Austausch des österreichischen "Übertreibungskünstlers" Thomas Bernhard (1931-1989) mit dem langjährigen Frankfurter Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) beginnt am 22. Oktober 1961 mit einem Brief des damals noch unbekannten Schriftstellers an den Suhrkamp-Leiter. "Ich kenne Sie nicht, nur ein paar Leute, die Sie kennen. Aber ich gehe den Alleingang", schreibt Bernhard darin, und bietet dem Verlag ein erstes Prosamanuskript an: "Der Wald auf der Straße". Es wird in dieser Form nie bei Suhrkamp veröffentlicht.
Unseld am Schluss: "Ich kann nicht mehr"
Spannungsreich ist das Verhältnis der beiden sehr eigensinnigen Köpfe von Anfang bis Ende. Bernhard agiert in dem Briefwechsel als der erfolgshungrige Autor, der auch finanziell hoch hinaus will. Schon frühzeitig schwer lungenkrank, flieht er vor seinem eigenen, einsamen Leben in das Schreiben. Unseld dagegen, als Verleger genial und außerordentlich geschäftstüchtig, dazu ein ausgesprochener Lebemann, will den Verlag mit seinem Widerpart schmücken, ohne sich ihm zu beugen. Zum Schluss kommen beide Männer an ihr Ziel, auch wenn Unseld in einem Telegramm vom 24. November 1988, dem abschließenden Dokument seines schriftlichen Austauschs mit Bernhard, resigniert feststellt: "Ich kann nicht mehr."
Zuvor hat Bernhard sein Buch "In der Höhe, Rettungsversuch, Unsinn" im Salzburger Residenz-Verlag veröffentlicht und damit Unseld in dessen jahrelanger Großzügigkeit und Geduld bewusst desavouiert. Es ist ein stark umgearbeiteter Auszug jenes ersten Prosatextes, mit dem sich Bernhard bei der Kontaktaufnahme zu Unseld nicht hat durchsetzen können. "Wenn Sie ... nicht mehr können, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis", schreibt er ihm gut zehn Wochen vor seinem Tod. "Das höchste Glück ist das Glück im Unglück", so mitfühlend vermag sich der Österreicher zum schweren Autounfall Unselds im Sommer 1972 aber auch zu äußern.
Gut 500 Briefe in mehr als 20 Jahren
Das Buch ist von den Suhrkamp-Lektoren Raimund Fellinger und Julia Ketterer sowie dem Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs Gmunden, Martin Huber, herausgegeben worden. Es legt ein bemerkenswertes Zeugnis vom Zustand der deutschsprachigen Hochliteratur am Ende des 20. Jahrhunderts ab. Heute steht bei Betrachtung dieses Buches die Frage, ob Matadoren des geschriebenen Wortes wie Bernhard und Unseld, die gemeinsam Weltliteratur hervorgebracht haben, in dieser Intensität eines im Kern mehr als 20 Jahre andauernden Briefwechsels überhaupt noch zu finden sind.
Großen Raum neben den gut 500 Briefen beider Männer nimmt die Chronik Siegfried Unselds ein, teils private, teils geschäftliche Aufzeichnungen des Verlegers. Hier erhellen sich Hintergründe des Literaturbetriebes ebenso wie Einschätzungen zu den zahlreichen persönlichen Treffen der Briefeschreiber. Beispielsweise berichtet der Suhrkamp-Chef in Einzelheiten über die vor Gericht ausgetragenen Auseinandersetzungen um Bernhards drastischste und bekannteste Bücher "Holzfällen" und "Heldenplatz".
"Das Ganze und Vollkommene ist nicht auszuhalten"
In dieser Chronik, die den Briefwechsel im Kleingedruckten erläutert und ergänzt, notiert Unseld über das Vermächtnis Bernhards: "Das Leben dieses liebenswürdigen Menschen war eine Gratwanderung, es zielte auf das Ganze und Vollkommene, wissend, dass das Ganze und Vollkommene nicht auszuhalten ist."
Thomas Bernhard - Siegfried Unseld. Der Briefwechsel, Suhrkamp 2009, 869 Seiten, Preis 39,80 €, ISBN 978-3-518-41970-0
