Wer ernsthaft schreiben möchte, und besonders wer vom Schreiben lebt, sollte unbedingt ein Ideenheft – manchmal auch als Ideenjournal bezeichnet – führen. Auf diese Weise stellt der Autor nicht nur sicher, dass er sich später an jede gute Idee erinnert. Richtig genutzt, ist das Ideenheft auch eine hervorragende Möglichkeit, schriftstellerische Disziplin und Kreativität zu trainieren und so die eigene Produktivität enorm zu steigern.
Ideen, das flüchtige Handwerkszeug des Schriftstellers
Jeder kennt das: Man hat plötzlich eine tolle Idee, aber dann holt einen die Hektik des Alltags ein. Man muss schnell noch etwas einkaufen, der Straßenverkehr erfordert die ganze Aufmerksamkeit, ein Freund ruft an und bittet um Rat – und ehe man es merkt, hat man die großartige Idee ganz vergessen. Später, vielleicht am nächsten Tag, fällt einem wieder ein, dass da etwas war. Man hatte doch so eine Idee. Aber was war das noch gleich? Alles Grübeln bringt nichts, der Geistesblitz ist verloren. Wenn es ein wirklich außergewöhnlicher, fantastischer Gedanke war, dann kommt er möglicherweise wieder. Verlassen kann man sich darauf aber nicht. Viel schlimmer ist es jedoch meistens bei den nicht ganz so originellen Ideen – die sind oft für immer verschwunden. Doch gerade von den vielen kleinen Einfällen lebt jedes Buch, jedes regelmäßige Schreiben. Mit anderen Worten: Sie sind das notwendige Handwerkszeug des Schriftstellers.
Das Ideenjournal oder den Notizzettel immer griffbereit
Deshalb sollte man als Autor eine Ideensammlung führen, in der man jede möglicherweise verwertbare Idee aufschreibt, die nicht sofort in die Arbeit einfließt. Man kann dafür lose Zettel benutzen, die man in einer Schublade seines Schreibtisches aufbewahrt. Auch eine eigene Word-Datei auf dem Computer erfüllt grundsätzlich diesen Zweck. Allerdings hat beides seine Nachteile: Die Zettelsammlung wird schnell sehr unübersichtlich. Den Computer muss man unter Umständen erst starten, was bei manchen Geräten schon eine Weile dauert. Da kann es passieren, dass man das Aufschreiben auf später verschiebt. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben? Von wegen! Bewährt hat sich dagegen ein einfaches Schulheft, ruhig auch ein etwas dickeres Notizbuch. Natürlich sollte es immer am selben Platz liegen, damit man es nicht suchen muss, wenn es drauf ankommt. Und für unterwegs sollte man doch auf die kleinen Notizzettel zurückgreifen, von denen man – genau wie einen Stift – immer mindestens einen dabei haben sollte.
Eine verblüffende Fülle an Einfällen
Wieder zuhause, sollte man die Notizen von unterwegs sofort in das Ideenheft übertragen, denn Notizzettel sind erfahrungsgemäß ähnlich flüchtig wie Ideen. Von Zeit zu Zeit, etwa nachdem man neue Gedanken eingetragen hat, blättert man das Heft am besten einmal durch. Oft führen nämlich die älteren Notizen dazu, dass einem gleich etwas Neues einfällt. Vor allem aber wird man so immer wieder daran erinnert, was man noch alles verarbeiten wollte. Auf gar keinen Fall streicht man etwas aus dem Heft, wenn die Idee später doch nicht mehr so toll erscheint. Das kann einen Monat später, in einem anderen Zusammenhang, nämlich wieder ganz anders aussehen. Auf jeden Fall aber wird man schon nach kurzer Zeit beim Stöbern im Heft verblüfft sein, was für eine Fülle an Einfällen man bereits hervorgebracht hat.
Der Schriftsteller kann seine Kreativität trainieren
Diese Fülle sollte der Schriftsteller aber nicht dem Zufall oder seiner Muse überlassen. Vielmehr sollte er es sich zur festen Angewohnheit machen, jeden Tag mindestens eine Idee in seine Sammlung einzutragen. Das ist viel mehr als nur eine Übung in Selbstdisziplin, obwohl auch die für jeden Autor von immenser Bedeutung ist. Tatsächlich lässt sich Kreativität trainieren, und das Gehirn wird sich schnell daran gewöhnen, Ergebnisse zu produzieren.
Um den Ideengenerator im eigenen Kopf in Gang zu bringen, ist es durchaus in Ordnung, zunächst einmal ganz banale, abstrakte Dinge einzutragen. Im Laufe der Zeit werden die Ideen ganz von alleine konkreter und origineller. Die ersten Einträge eines Anfängers lauten vielleicht: „Einen Roman über eine Klassenreise nach Rom schreiben.“ Oder: „Eine satirische Kurzgeschichte über die Erlebnisse eines Autobesitzers bei der TÜV-Prüfung verfassen.“ Vermutlich wird der Stil der Eintragungen bald knapper, womöglich so: „Figur: ein pensionierter Beamter, pedantisch, spießig, Frau abgehauen. Durch irgendein Ereignis verändert, jetzt cool, ausgeflippt, erlebnishungrig.“ Schon besitzen Sie eine erste Vorstellung von einer Figur, auch wenn sie noch keine Ahnung haben, in was für eine Geschichte sie passt. Irgendwann verwenden Sie sie bestimmt.
Alles beginnt mit dem Sammeln von Einfällen
Aber auch Einfälle rund um die Texte herum sollten Sie notieren, etwa: „Im Internet nach Zeitschriften suchen, die am Nachdruck meines Berichtes über Artikelverzeichnisse interessiert sein könnten.“ Oder: „Verlag Emons anmailen, ob sie mir Hintergrundinformationen über James N. Frey schicken können.“ Möglicherweise notieren Sie auch gelegentlich ein oder zwei Themen, über die Sie kurze Artikel schreiben könnten.
Wenn Sie noch ganz am Anfang Ihrer Karriere stehen, können der Kauf eines Ideenheftes und der erste Eintrag tatsächlich der Beginn Ihrer literarischen Arbeit sein. Selbst dann, wenn es nur ein einziger, sehr allgemein gehaltener, wenig origineller Satz ist. Sogar wenn Sie diese spezielle Idee später niemals verwenden. Es spielt keine Rolle. Wichtig sind nur zwei Dinge: Trainieren Sie Ihr Gehirn darauf, regelmäßig Ideen zu produzieren. Und sorgen Sie dafür, dass die Ideen bereit liegen, wenn Sie sie gebrauchen können.
