Das Jahrhundert des Schlagers

Bonner Haus der Geschichte präsentiert: "Melodien für Millionen"

Das kommt nicht wieder - Telefunken
Das kommt nicht wieder - Telefunken
Eine Bonner Ausstellung zeichnet behutsam die Geschichte des Schlagers im Wandel der Zeiten nach - von den "Capri-Fischern" bis zu "Ein bißchen Frieden"

Da schlagen aber Wellen der Erinnerung hoch! Und die Synonyme heißen Nierentisch und Partysessel, Pettycoats und Ballerina-Schuhe, Pferdeschwanz und Wespentaille, Old Spice und Schercks Gesichtswasser. Es geht um Haus-, Klassen- und Schulball – und um die Musiktruhe. Diese Welle der Erinnerungen wird ausgelöst vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Sie trägt Schuld daran, dass mancher derzeit auf der Bonner Museumsmeile Ohrwürmer vor sich hin trällert, von „Man müsste noch mal 20 sein“ bis „Mit 17 hat man noch Träume“. Das Haus der Geschichte nämlich präsentiert noch bis zum 5. Oktober 2008 die Ausstellung „Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers“.

Schlager spiegelten den Zeitgeist wider

Diese Ausstellung vermittelt aber nicht allein platte Nostalgie, sie versucht, den Schlager und dessen Wandel im Laufe der Zeit einzuordnen in gesellschaftliche Entwicklungen. „Davon geht die Welt nicht unter“, „Capri-Fischer“, „Ein bisschen Frieden“ – wie auch immer die Titel hießen, zu jeder Zeit spiegelten erfolgreiche Schlager den Zeitgeist wider, den Wandel von Geschichte und Mentalität. Geliebt oder gehasst – gleichgültig ließ und lässt der Schlager fast niemanden. Millionen von Fans verehrten ihre Schlager-Stars, kauften deren Schallplatten, dann die CDs. Als kommerzielles Massenprodukt ist er eng mit der modernen Industriegesellschaft, ihren gesellschaftlichen und technologischen Neuerungen verbunden.

Caterina Valentes Gitarre ist auch dabei

Unter diesen Vorzeichen geht das Haus der Geschichte mit dieser Ausstellung dem komplexen Phänomen Schlager nach, von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Der gläserne Flügel von Udo Jürgens, Caterina Valentes Gitarre, Bühnenbekleidung unter anderem von Zarah Leander und der Motorroller von Cornelia Froboes sind einige Attraktionen unter den 1500 Exponaten. Über 1000 Titel sind zu hören, Ausschnitte ausgewählter Schlagerfilme werden in einem Kino gezeigt.

Jeder kann seinen Lieblingsschlager hören

Besonders lebendig wird die Bonner Ausstellung durch ihre Gestaltung: Die Themen werden auf Bühnen präsentiert. Diese Bühnen stehen für bestimmte Zeitabschnitte und führen chronologisch vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Die inneren Bühnenräume präsentieren dabei die musikalische und emotionale Seite des Schlagers, wichtige Stars und Themen wie Heim- und Fernweh, Liebe, Frieden oder Sozialkritik. An Plattentischen mit virtuellen Covern haben die Besucher Gelegenheit, ihre Lieblingsschlager auszuwählen und anzuhören.

Die Sehnsucht nach der heilen Welt

Die Außenseiten dieser Bühnen beleuchten korrespondierend politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der einzelnen Zeitabschnitte. Hier geht es um die Höhepunkte des Schlagers und des Schlagerfilms in der Weimarer Republik– mit Lilian Harvey als ein Beispiel, um die „artgemäße“ Musik zur Zeit des Nationalsozialismus unter Ausschluss allen jüdischen Einflusses, den „sozialistischen Schlager“ zur Zeit der DDR, schließlich um den Schlager in der Bundesrepublik: Von der Sehnsucht nach der „heilen Welt“ nach Kriegsende bis zur „Weichen Welle“ als Gegengewicht zu den politischen Umwälzungen der Zeit.

Auch die Krise wird dokumentiert

Die Ausstellung beleuchtet natürlich auch die 70er Jahre und die Zeit von Dieter Thomas Heck und der ZDF-Hitparade, die Zeit von Udo Jürgens mit seinen sozialkritischen Schlagertexten. „Blödelschlager“ und „Neue Deutsche Welle“ – die 80er Jahre werden in der Ausstellung dargestellt als die Zeit der Krise des Schlagers, der sich neu orientieren musste. Dabei stehen Dieter Thomas Kuhn und Guildo Horn für ein Revival des Schlagers.

Kurzum, die Ausstellung ist voller Emotionen, ohne daß sozialkritische Blickrichtungen verloren gingen. Mit dem Fazit der Besucher: „So schön war die Zeit“, oder klammheimlich auch: „Tränen lügen nicht“.

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

rss