Das kalte Herz – ein Märchenfilm und seine Geschichte(n)

DVD von Das kalte Herz (1950) - Icestorm Entertainment GmbH
DVD von Das kalte Herz (1950) - Icestorm Entertainment GmbH
Der DEFA-Klassiker "Das kalte Herz" wurde vor 60 Jahren - am 8. Dezember 1950 - uraufgeführt. Auch die Ufa plante 1944 eine Neuverfilmung des Märchens.

Obwohl das Leben des schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff nur 25 Jahre dauert – von 1802 bis 1827 – und seine aktive Schaffensphase gerade einmal drei Jahre zählt, gelten seine Kunstmärchen als die populärsten der Romantik: "Zwerg Nase", "Die Geschichte von dem kleinen Muck“, "Das Wirtshaus im Spessart“ oder "Die Geschichte vom falschen Prinzen“ wetteifern schon bei ihrer Veröffentlichung zwischen 1826 und 1828 mit den Grimmschen Volksmärchen um die Gunst des Lesepublikums – mit Erfolg. Diese Popularität ist bis heute ungebrochen.

Hauffs Erzählstil, "individuelle Charaktere in einmaligen, typischen Handlungen und Umständen sich entwickeln zu lassen“ (Träger) und seine Beschreibungen und Präzisierungen, die "zum Teil konkreten Regieanweisungen (entsprechen, d. A.)“ (Schmitt), haben Drehbuchautoren bereits in den Anfangsjahren der Kinematografie fasziniert. Auch deshalb wird beispielsweise sein Kunstmärchen "Das kalte Herz“ mehrmals als Stummfilm für das Kino adaptiert. Die Geschichte um den Köhler Peter Munk, der sein Herz hingibt für den Reichtum, den ihm der Holländer-Michel anbietet, beschäftigt Mitte der 1940er-Jahre auch die Universum-Film AG (Ufa).

Ufa plant 1944 eine Neuverfilmung von "Das kalte Herz"

Als die Ufa im Winter 1942/43 ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, wird am 3. März 1943 der märchenhaft-fantastische Film "Münchhausen“ (R: Josef von Baky) uraufgeführt. Die Adaption gilt bis heute nicht nur wegen den aufwändigen Trickaufnahmen, sondern auch wegen ihrer Schwindel erregenden Ausstattung – allein für mehr als 800 Statisten werden historische Kostüme geschneidert – zu einem Klassiker des Genres. Doch die filmische Märchenwelt steht im harten Kontrast zur Wirklichkeit: Zur gleichen Zeit kapituliert in Stalingrad die eingeschlossene 6. Armee unter General Paulus. Das Menetekel für den Untergang.

Als sich im Sommer 1944 die Lage an den Fronten zuspitzt, plant die sogenannte Ufa-Filmkunst GmbH – Rechtsnachfolger der verstaatlichten Ufa – eine Neuverfilmung des Hauffschen Märchens "Das kalte Herz“. Hans Neumann soll das Drehbuch schreiben. Eine gute Wahl, denn Neumann ist das fantastische Fach nicht fremd: In den 1910er-Jahren führt er in dem Stummfilm "Aladdins Wunderlampe“ (1918) Regie. 1925 schreibt er das Drehbuch für die deutsche Shakespeare-Adaption "Ein Sommernachtstraum“, die er gleichzeitig in Szene setzt. Und: Ende der 1930er-Jahre verfasst er das Manuskript für "Madame Bovary“ (1937, R: Gerhard Lamprecht).

Drehbuch soll am Handlungsort im Schwarzwald entstehen

Ende August 1944 will Neumann mit dem Manuskript von "Das kalte Herz“ beginnen. Er befindet sich zu diesem Zeitpunkt genau dort, wo ein Großteil des Märchens spielt: im Schwarzwald. Zusammen mit dem bekannten Schauspieler und Regisseur Wolfgang Liebeneiner hat er vereinbart, "Das kalte Herz“ am besten vor Ort zu schreiben, "da Lokalkolorit, Volkslieder usw. hier eine große Rolle spielen“ (Neumann). Liebeneiner ist seit 1942 Produktionschef der Ufa und unterstützt das Filmvorhaben. Mit dem Ufa-Chefdramaturgen Heinz Pauck vereinbart Neumann, dass er das fertige Drehbuch innerhalb von zwei Monaten abliefern soll.

Als sich Hans Neumann im August 1944 im Hotel "Haus Roseneck“ in Badenweiler/Schwarzwald einquartiert, um das Drehbuch zu beginnen, erhält er schlechte Nachrichten aus Berlin. Neumanns postalische Bitte, die Ufa solle ihm für zwei Monate eine Sekretärin nach Badenweiler schicken, die das Manuskript für ihn abtippt, wird abgelehnt. Ufa-Direktor Max Stüdemann kann in den Babelsberger Filmstudios zu diesem Zeitpunkt nur noch Mitarbeiter für die Rüstung oder – wenn es sich um wehrfähige Männer handelt – für die Wehrmacht freistellen. Neumann ist verärgert, will trotzdem mit dem Schreiben beginnen. Danach verliert sich die Spur vom "Kalten Herzen“.

Offene Fragen zur künstlerischen Richtung einer NS-Adaption

Obwohl der Märchenfilm bis zum Ende des "Dritten Reichs“ nicht mehr produziert wird, stellt sich die Frage, welche ästhetische und dramaturgische Richtung "Das kalte Herz“ genommen hätte. Wilhelm Hauff rückt in der Geschichte um den Köhler Peter Munk zweifellos "die Gefährdung des Menschen unter dem Einfluss frühkapitalistischer Entwicklungen“ (Freund) in den Mittelpunkt. Folgerichtig wäre in einer NS-Adaption – in Anlehnung an ähnliche Märchenfilmprojekte, wie "Hans im Glück“ (1935/36, R: Robert Herlth, Walter Röhrig) – die bloße Zurschaustellung einer positiv gezeichneten vorindustriellen und offenbar märchenhaften bäuerlichen Lebenswelt.

Hans Neumann spricht treffend von "Lokalkolorit“ und "Volksliedern“. Das hätte wohl auch in "Das kalte Herz“ funktioniert – lässt dabei aber die eigentliche Botschaft des Märchens vom "irregeleiteten Wünschen“ (Freund) außer Acht. Die intellektuelle Kraft des Kunstmärchens als Gegenentwurf zur Naivität des Volksmärchens wäre ungenutzt geblieben. Dass das geistige Potenzial, welches im "Kalten Herzen“ steckt, gekonnt filmisch adaptiert werden kann, beweist hingegen eine Verfilmung, die nur wenige Jahre später in der neu gegründeten DDR entsteht.

DEFA-Verfilmung wird am 8. Dezember 1950 uraufgeführt

Im November 1948 richtet sich der Dramaturg Wolf von Gordon an die 1946 in der sowjetischen Besatzungszone gegründete Deutsche Filmkunst AG (DEFA). Er schlägt die Verfilmung des Märchens "Das kalte Herz“ vor, um "den Versuch (zu, d. A.) machen, (…) dieses Märchen für unsere Zeit in eine Film-Erzählung zu bringen“ (Giera). Der Vorschlag trifft auf Zustimmung. Von Gordon beginnt wenig später mit dem Drehbuch zum ersten DEFA-Märchenfilm. Regie führt Paul Verhoeven. Am 8. Dezember 1950 hat "Das kalte Herz“ im Ost-Berliner Kino "Babylon“ Premiere.

Wolf von Gordon adaptiert das Hauffsche Märchen "für unsere Zeit“ – das Nachkriegs-Deutschland Ende der 1940er-Jahre. Wenn er in der Figur des Peter Munk die Frage nach "Verstrickung und Schuld“ (Giera) aufwirft, deckt sich diese mit der im Märchen bereits enthaltenen Kernaussage vom "irregeleiteten Wünschen“ (Freund). Die Adaption bleibt damit nah an der Vorlage, bietet darüber hinaus aber Assoziationen zur (deutschen) Vergangenheit und Gegenwart. Und: Als Peter am Ende verzweifelt das Glasmännlein fragt: "Was muss ich tun, damit sie mich wieder lieben?“ lautet die überraschende Antwort des Schatzhausers: "Steh auf! Beginne!“ – fast schon ein Leitsatz für den ehemals "irregeleiteten“ und jetzt nach vorn schauenden Deutschen.

Film: "Das kalte Herz“ (1950, Regie: Paul Verhoven, DDR). Auf VHS/DVD erschienen. Neu ab 13.9.2010 in digital überarbeiteter Fassung.

Literatur: