
- Cover Das Kartengeheimnis - Carl Hanser Verlag
Das Kartengeheimnis ist nach Gaarders eigener Auskunft nicht nur Vorgänger, sondern auch Auslöser, des Gaarder Welterfolgs Sofies Welt. Denn nach Abschluss der Arbeit am Kartengeheimnis überlegte Gaarder, was er dem jugendlichen Helden Hans-Thomas für ein Buch empfehlen würde, sollte ihn der nach einer für Jugendliche tauglichen Einführung in die Philosophie fragen. Es fiel ihm kein geeignetes Werk ein, also machte er sich selbst ans Werk und schrieb Sofies Welt.
Mit Jostein Gaarder Philosophie erleben
Warum aber braucht Hans Thomas nach seinen Erlebnissen im Kartengeheimnis eine Einführung in die Philosophie? Das Kartengeheimnis ist erlebte Philosophie. Das geht los mit Hans-Thomas´ Vater, der eine philosophische Ader hat und bei den Gesprächen im Auto, vor allem aber bei den vielen Zigarettenpausen auf ihrer Fahrt von Norwegen nach Griechenland, jede Gelegenheit nutzt, seinen Sohn mit seiner philosophischen Gedankenwelt vertraut zu machen. Das geht weiter mit dem winzigen Buch, das Hans-Thomas bei einem Stopp in einem abgelegenen Schweizer Bergdorf bekommt und das er mit wachsender Spannung während der Fahrt liest. Es erzählt die überaus seltsame Geschichte des Schiffbrüchigen Bäcker Hans, der auf einer Insel strandet, die von lebendigen Spielkartenfiguren bewohnt wird. Ein Seemann, der ebenfalls viele Jahre zuvor dort gestrandet war, hatte sie Kraft seiner Gedanken als Mittel gegen seine Einsamkeit lebendig werden lassen.
Die Geschichte in der Geschichte
Hans-Thomas und sein Vater sind von Norwegen nach Griechenland unterwegs, um die vor Jahren plötzlich verschwundene Mutter, respektive Ehefrau nach Hause zu holen. Sie soll im sonnigen Süden als Model arbeiten und sowohl Vater wie auch Sohn verstehen nicht, weshalb sie die Familie ohne Erklärung verlassen hat. Je weiter die Fahrt fortschreitet und je weiter Hans-Thomas in seinem winzigen Buch liest, desto deutlicher wird ihm, dass ein Zusammenhang besteht zwischen ihrer Reise und der im Buch erzählten Geschichte. Darüber hinaus entsteht innerhalb der Erzählung von der magischen Insel noch eine dritte Geschichte, die sich in prophetischer Weise mit Hans-Thomas´ Reise auseinandersetzt.
Das Bewusstsein seiner selbst
Gaarder spielt im Kartengeheimnis mit der Frage nach der Realität des Bewusstseins. Die Spielkartenfiguren auf der Magischen Insel verfügen nur über die sehr speziellen und hierarchisch nach ihrer Spielfunktion geordneten intellektuellen Fähigkeiten, die ihnen der alte Seemann als ihr „Schöpfer“ zubilligte. Nach und nach erkennt der Bäcker Hans, dass sie nicht wirklich über eigene Individualität und Bewusstsein verfügen.
Doch der Joker tanzt aus der Reihe. Er, der Freie, der keine feste Position im Spiel hat, entwickelt ein Bewusstsein und bringt damit das Gedankengebilde des alten Seemanns ins Wanken. Er schafft den Übergang ins „wirkliche“ Leben und stellt damit die Frage: Wo endet die Wirklichkeit, wo beginnt das Bewusstsein und welche Sicherheit gibt es, dass ein Bewusstsein zu einer Realität und nicht zu einer Fiktion gehört? Gaarder spielt mit den verschiedenen Realitäten in seiner Geschichte, lässt Übergänge zu und bricht so Gewissheiten auf. Woher nehmen wir die Sicherheit, dass die von uns erlebte Realität die einzige Realität ist? Hat nicht jedermann seine eigene?
Im Kartengeheimnis Philosophie erlesen
Hans- Thomas schreibt die Geschichte dieser mehrfachen Reise auf, „solange noch etwas von dem Kind in mir übrig ist.“ Bekanntlich sind Philosophen Erwachsene, die noch nicht verlernt haben, Fragen wie Kinder zu stellen. Gaarder hat diesen grandiosen philosophischen Exkurs mit Kinderaugen gesehen und lässt ihn durch Hans-Thomas´ Kinderaugen erzählen. Herausgekommen ist ein Werk, das zutiefst philosophische Fragestellungen, nach der Beschaffenheit menschlichen Bewusstseins, in ein für jugendliche, wie erwachsene Leser spannendes, kurzweiliges und erkenntnisreiches Buch gegossen hat.
Jostein Gaarder: Das Kartengeheimnis. Carl Hanser Verlag 1995. Gebunden, 352 Seiten, Euro 19,90
