Vittorio De Sica, Roberto Rossellini, Luchino Visconti – große Namen, die nicht nur Filmenthusiasten geläufig sind. Sie haben beeindruckende Klassiker geschaffen, weit entfernt vom Popcorn-Kino à la Hollywood, und begründeten in nur wenigen Jahren den Ruf des italienischen Films über Europa hinaus.
Das Kino zur Zeit des Faschismus
Nach dem zweiten Weltkrieg standen die Regisseure des Neorealismus für einen Neuanfang, für Filme, die mit der Vorkriegstradition nichts mehr gemeinsam hatten. Die Produktion der bewegten Bilder war unter dem faschistischen Regime stark gefördert worden; die Gründung der Cinecittà-Studios in Rom fällt ebenso in diese Zeit wie das erste Filmfestival in Venedig, das die erste derartige Veranstaltung weltweit war. Das Kino diente damals hauptsächlich als Mittel, die Modernität, den Reichtum und die militärische und wirtschaftliche Stärke Italiens herauszustellen. Infolgedessen entstanden große Produktionen, für die alle zur Verfügung stehenden Mittel ausgeschöpft wurden. Die Ausstattung war üppig, das technische Niveau hoch. Historiendramen, die die glorreiche Geschichte der Nation beleuchteten, waren ebenso beliebt wie in der gehobenen Gesellschaft angesiedelte Stories, das sogenannte “cinema dei telefoni bianchi”, benannt nach den weißen Telefonapparaten, in die mondäne Damen in reich ausgestatteten Salons mit rauchiger Stimme ein paar Worte hineinzuhauchen pflegten. Anders als unter dem Naziregime in Deutschland wurden jedoch keine reinen Propagandafilme gedreht.
Ausgangsbedingungen für die Entstehung des Neorealismus im Italien der Nachkriegszeit
Der Krieg markierte das Ende dieser Epoche. Nicht nur hatten sich die politischen Umstände geändert, es standen auch schlicht keine großen Mittel für die Produktion mehr zur Verfügung. Ohne Studios, Kulissen und Ausstattung mussten die Regisseure sich mit dem behelfen, was sie auf den Straßen vorfanden. Die reale Welt des alltäglichen, armen und heruntergekommenen Italien bildete die Grundlage für die Filme des Neorealismus.
Charakteristische Eigenschaften des Neorealismo
Der Terminus selbst stammt von dem Kritiker Umberto Barbaro, der ihn 1943 in Zusammenhang mit Viscontis Film “Ossessione” verwendete. Die theoretischen Grundlagen wurden in den Zeitschriften “Cinema” und “Bianco e Nero” diskutiert. Es handelte sich beim Neorealismus jedoch nicht um eine organisierte Bewegung mit ideellen Vorgaben, nach denen man sich gerichtet hätte. Die Filme dieser Zeit weisen allerdings einige gemeinsame Charakteristika auf, die die Zuordnung zu der Strömung ermöglichten. Wie bereits erwähnt, wurde auf der Straße gedreht, das alltägliche Leben der Italiener mit allen gesellschaftlichen Problemen wie Armut und Arbeitslosigkeit wurde dargestellt. Durch Laiendarsteller wirkten die Filme noch authentischer. Dahinter stand nicht nur ein ästhetisches Konzept, sondern auch politisches Engagement der Filmemacher. Die Bilder waren transparent, durchschaubar, erlaubten eine direkte Kommunikation auch mit dem weniger gebildeten Publikum. In vielen Fällen, wie in Rossellinis “Roma, città aperta” (Rom, offene Stadt) von 1946, lag der inhaltliche Schwerpunkt nicht auf einer einzelnen Hauptperson, sondern auf einer Gemeinschaft. Kritik an den Machthabern wurde offen geübt. So entstanden aussagekräftige, sozialkritische Werke, die ein düsteres Bild des alltäglichen Italien malten.
Wichtige Filme und Regisseure
Der Drehbuchautor Zavattini, der mit Vittorio De Sica zusammenarbeitete, drückte das Konzept ihrer Filme einfach aus: “Es gibt nichts Banales.” Filme wie De Sicas “Ladri di biciclette” (Fahrraddiebe), Rossellinis “Roma, città aperta” oder Viscontis “La terra trema” (Die Erde bebt) sind eindringliche Nahaufnahmen einer Lebenswirklichkeit weit entfernt war von der glattgebügelten Welt der Studios.
Ende und Erben des Neorealismus
Bei Giuseppe DeSantis, berühmt geworden für seinen Film “Riso amaro” (bitterer Reis) von 1949, bemerkt man dagegen schon eine gesteigerte Sensibilität für die Präferenzen des Publikums. Er wollte Filme für seine Zuschauer machen, dem politischen Engagement wurde weniger Bedeutung beigemessen. Deshalb markiert sein Werk den Übergang vom Neorealismus zu einer neuen Phase des italienischen Kinos, die in den 50er Jahren einsetzte: Die Grundstimmung im Land wurde optimistischer, der Einfluss Hollywoods nahm zu und der Unterhaltungsfaktor trat wieder stärker in den Vordergrund. Trotzdem blieb der Einfluss der Neorealisten spürbar. Nicht minder berühmte Regisseure wie Fellini und Antonioni dürfen unter anderem als Erben dieser Strömung angesehen werden.
Mehr dazu unter:
Bertetto, Paolo. Introduzione alla Storia del Cinema. Torino: UTET, 2002
Kulturseite von Rai Internazionale: www.italica.rai.it
