Paris des Ostens: Die goldenen Jahre Bukarests

Pasajul Macca-Villacrosse: Duft der 30er Jahre - Joe Mabel
Pasajul Macca-Villacrosse: Duft der 30er Jahre - Joe Mabel
Bukarest zwischen den Weltkriegen: Das kulturelle Leben blüht, Prachtbauten an allen Ecken, Tangomusik und Chansons streifen durch die Gassen der Altstadt.

In Zeiten, in denen sich die meisten Rumänen mit einem Gehalt von weniger als 420 Euro im Monat durch das Leben schlagen müssen, sind hoffnungsvolle Blicke in die Zukunft ein seltenes Ereignis. Nostalgie bestimmt das Leben. Nicht wenige denken an die Zeit unter dem Diktator Ceaucescu zurück. Doch da gibt es noch eine wesentlich größere Nostalgie, welche die Herzen der Rumänen noch heute höher schlagen lässt: Der Gedanke an eine Zeit, in der das kulturelle Leben in Bukarest pulsierte und die rumänische Hauptstadt zurecht den Spitznamen "Paris des Ostens" trug - die goldenen Jahre zwischen den Weltkriegen.

Erinnerungen an eine vergangenen Epoche

Einst war die Calea Victoriei der Nabel des kulturellen Lebens in Bukarest. Die ehemalige Prachtstraße ist längst verblüht. Gegenüber der Generaldirektion der Bukarester Polizei befindet sich jedoch jener Ort, den viele Bukarester heute verzweifelt suchen: In der Pasajul Macca-Villacrosse werden die goldenen Jahre der Stadt wieder lebendig. Diese zweistöckige, mit gelben Gläsern überdachte Passage erreicht man durch zwei Eingänge, deren Wege sich später, kurz vor dem Ausgang an der Banca Nationala vereinigen. Kleine Geschäfte, Restaurants, Bars - dem Trubel der Bukarester Altstadt kann man hier wunderbar entfliehen. Angesteckt von der im gelben Licht getränkten Atmosphäre der Passage wird man plötzlich zurückversetzt in die Zeit der Chansons und des wunderbar melancholischen Bukarester Tangos. In jene Zeit, in welcher der Orient-Express auf seinem Weg von Berlin nach Istanbul auch im Gara de Nord von Bukarest Station machte und in der die rumänische Hauptstadt nicht nur irgendeine Stadt Osteuropas war.

Bukarest: Kulturelle Hochburg Europas

In der Zeit zwischen den Weltkriegen blühte Bukarest zu einer kulturellen Hochburg auf. Viele Wohn- und Geschäftshäuser entstanden in dieser Zeit. Prachtbauten wie das Athenäum, die Universitätsbibliothek, der Cretulescu-Palast, das Nationale Kunstmuseum und der Triumphbogen prägten eine Stadt, die mit den Hauptströmungen der europäischen Kultur verbunden eng war. Es war die goldene Zeit der rumänischen Künste. Bildhauer, Dichter, Komponisten, Philosophen - die rumänische Gesellschaft brachte in dieser Zeit zahlreiche international bekannte Künstler hervor. Weltruhm erreichten unter anderem der Bildhauer Constantin Brâncusi, der Philosoph Lucian Blaga, der Pianist Dinu Lipatti sowie die Komponisten George Enescu und Constantin Dimitrescu.

Musik des Volkes: Der Bukarester Tango

Wie überall auf der Welt wurde auch in Bukarest Tango gespielt, gesungen und natürlich getanzt. Der Tango war die Musik des Volkes - nicht nur wegen der emotionalen Geschichten um Liebe und Verrat, sondern auch, weil sie in Rumänisch gesungen wurden. In den Gartenlokalen an der Calea Victoriei und rings um den Cismigiu-Park waren Tangosänger wie Jean Moscopol, Cristian Vasile und Zavaidoc ein Publikumsmagnet. Selbst in den Nobel-Restaurants Berbec und Lafayette sowie den Hotels Lido und Astoria wurde Tango gespielt. Die Geschichten des Tangos sind leidenschaftlich und melancholisch - Eigenschaften, die bei der Bukarester Variante auf ihren Höhepunkt getrieben werden. Bis heute haben die Lieder dieser Zeit nichts von ihrer Popularität eingebüßt, auch wenn nach dem Zweiten Weltkrieg viele Künstler das Land verließen und die Tangomusik in den Straßen verstummte.

Maria Tanase: Die Edith Piaf Rumäniens

Neben dem Tango waren es vor allem die Chansons, die das Volk zum Tanzen und Träumen brachte. Maria Tanase, 1913 in einem Vorort der rumänischen Hauptstadt geboren, wurde kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges der Star des Bukarester Nachtlebens. Ihre Interpretationen von bekannten Volks- und Tanzliedern hatten eine wunderbar dramatische Komponente, die einen optimalen Kontrast zum eher melancholischen Tango bot. Auch während und nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich ihre Karriere fort. 1963 starb sie an Krebs - bis heute wird sie als Ikone der rumänischen Musik verehrt.

Kulturelle Hochphase vs. politische und wirtschaftliche Probleme

Noch heute wird diese goldene Zeit als Referenz genannt, wenn von Rumäniens Bedeutung für Europa die Rede ist. Diese kulturelle Hochphase überdeckte aber vielerorts auch politische und wirtschaftiche Probleme. Nach dem ersten Weltkrieg wuchs das rumänische Staatsgebiet auf die doppelte Größe. Der heterogenen Gesellschaft begegnete die Zentralregierung mit einer bedingungslosen Rumänisierung und zog sich so den Zorn der Minderheiten zu. Auch die auf dem Land lebenden Rumänen waren mit dem zentralistischen System unzufrieden. Häufige Regierungswechsel machten eine nachhaltige Politik unmöglich. In der Wirtschaftspolitik verfolgte man einen nationalen Kurs. Einem hohen Wirtschaftswachstum stand ein geringes Lohnniveau gegenüber. Immer wieder kam es zu Streiks. Von den sprunghaft gestiegenen Erdölexporten profitierte nur eine kleine Elite, die es sich selbst in der Wirtschaftskrise noch leisten konnte, prunkvolle Wohnbauten in Bukarests Nobelvierteln zu errichten.

Tipp: Die melancholischen Bukarester Tangos und die dramatischen Chansons von Maria Tanase sind zu hören auf der CD "Bucharest Tango" der in Berlin lebenden Sängerin Oana Catalina Chitu.

Tony Krönert, Tony Krönert

Tony Krönert - Beruflich habe ich eher mit Politik und Erneuerbaren Energien zu tun - in meiner Freizeit widme ich mich dann gern meinen Leidenschaften: ...

rss