Das Kloster Labrang in Xiàhé, China

Blick auf Xiàhé von der äußeren
Blick auf Xiàhé von der äußeren "Kora", dem Pilgerpfad - Martin Seibel
Xiàhé ist ein magischer Ort, an dem man auf wundersame Weise zur Ruhe kommt.

Lange geflochtene Zöpfe kommen aus den Hüten zum Vorschein und baumeln im Takt der schnellen Schritte hin- und her. Bunte, wunderschöne Kleidung tragen Sie und in ihren tiefschwarzen Augen kann man den Glauben ablesen und die Härte des Alltags in dieser rauen Region. Sie kommen von weit her und haben eines gemeinsam. Sie laufen die „Kora“ ab, im Uhrzeigersinn, den ganzen Tag.

Lage und Bedeutung

Xiàhé liegt an den östlichen Ausläufern des tibetischen Hochplateaus in 2.800 Meter Höhe. In der Ferne sieht man schon die ersten schneebedeckten Gipfel des Himalayas. Trotz der Distanz zum eigentlichen tibetischen Kernland beheimatet es eines der sechs wichtigsten Klöster Tibets und macht es so zu einem der bedeutendsten Orte des tibetischen Buddhismus. Gleichzeitig ist es somit das wichtigste tibetische Kloster außerhalb der autonomen Region. Einen Überblick hat man sehr schnell gewonnen, denn Xiàhé zählt lediglich 70.000 Einwohner und besteht im Wesentlichen aus einem nicht sehenswerten chinesischen Teil im Osten, der die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, und dem tibetischen Teil im Westen. Die Hauptstraße, die „Renmin Xijie“, führt geradewegs auf das Kloster zu, und Hotels sowie Restaurants gruppieren sich am tibetischen Teil dieser Straße entlang.

Unruhen

Die chinesische Armee ist sehr präsent in Xiàhé, und mehrmals am Tag laufen junge chinesische Soldaten die Straße lautstark auf und ab. Auch Wasserwerfer sind zu sehen und die Armee signalisiert: „Wir sind jederzeit bereit“. Grund dafür ist der tibetische Aufstand im Zuge der olympischen Spiele 2008. So offenbarten auch hier die Menschen lautstark ihre Wut gegen die in ihren Augen „chinesischen Besatzer. Lange dauerte es nicht, und das Militär zog in die Idylle ein. Mindestens 19 Menschen starben. Ausländer mussten sofort raus, und auch sonst durfte niemand mehr rein oder raus. Es wurde still, sehr still in „Xiàhé“, bis die chinesische Regierung im Frühjahr den Würgegriff allmählich wieder lockerte und auch die Türen wieder für Touristen öffnete. Nichts desto trotz sollte man sich immer über die aktuelle Situation informieren, so dass man nach einem mühevollen Weg hierher nicht letzten Endes vor verschlossenen Türen steht.

Das Labrang-Kloster

Hat man sich erst mal in einem der wenigen Hotels an der Renmin Xijie einquartiert, gilt es, sich einen Überblick über den Ort zu verschaffen. Am besten läuft man dazu erst mal einen der beiden Pilgerwege, die„Koras“, ab. Es gibt eine innere und äußere Kora und korrekterweise sollte man diese wie die Pilger im Uhrzeigersinn gehen. Für die äußere Kora braucht man eine gute Stunde und man wird durch herrliche Blicke hinab auf das Kloster und in die Berge belohnt. Man kommt an tibetischen Gebetsfahnen vorbei und auch an einer Stätte für „Himmelsbegrabungen“. Geier spielen hierbei eine wesentliche Rolle. Die innere Kora führt einem dichter um das Kloster herum. Überall sieht man Gebetsmühlen, die, von den Pilgern gedreht, vor sich hin rattern. In schnellem Schritt gehen die weit angereisten Pilger in ihren schönsten Kleidern mehrmals täglich diesen Weg ab, drehen die Gebetsmühlen und laufen, kriechen gar um die wichtigsten Gebäude herum und lauschen vor den Türen der einzelnen Klöster den Gebeten der Mönche.

Gelbe Mützen tragende Mönche des Gelugpa-Ordens blasen ihre Trompeten über den Ort hinweg. Es ist Zeit, sich in die Klosteranlage zu begeben. Im 1709 gegründeten Labrang-Kloster befinden sich etwa 1.300 von einst über 4.000 Mönchen. 10:15 Uhr sowie 15:15 finden Touren (Ticket Office im Zentrum des Klosters) statt, und man wird von Mönchen durch das medizinische Institut geführt (eines von sechs Instituten) sowie durch zwei Tempel und auch durch die Hauptgebetshalle, wo man den von hunderten Mönchen gesprochenen Gebeten lauschen kann. Ansonsten ist es faszinierend, ganz ziellos die Anlage zu erkunden. Man entdeckt die bescheidenen Behausungen der Mönche, verschiedene Institute, Tempel und auch eine faszinierende Druckerei, wo mit Holztafeln gedruckt wird. Wenn man höflich fragt, bekommt man vielleicht einen Druck zum Mitnehmen, ein einzigartiges Mitbringsel. Abends hört man dann eine breite Geräuschkulisse. Die Gelbkappen-Mönche treffen sich und bevölkern den Hauptplatz im Ostteil des Klosterareals. In Gruppen sitzen sie auf dem Platz und rufen, lachen und unterhalten sich lautstark, beobachtet von einem eine riesige gelbe Mütze tragenden Aufseher. Es lohnt sich, diesem Schauspiel eine Weile zuzusehen.

Mit dem Taxi ins Grasland

Zwei Tage sollten für Xiàhé mindestens eingeplant werden, und dann noch mindestens ein Tag mehr, um die Umgebung zu erkunden. Am besten mietet man dazu für einen Tag ein Taxi. Um mit einem Fahrer in Kontakt zu kommen, bedarf es wenig, denn diese kommen automatisch auf Ausländer zu. 200 bis 300 Yuan kostet ein Taxi für einen ganzen Tag je nach Verhandlungsgeschick, und es bietet sich an, dieses mit anderen Reisenden gegebenenfalls zu teilen. Auch in „Tsewongs Cafe“ organisiert man immer gerne einen Fahrer für die Ausländer. Schon die nähere Umgebung ist sehenswert. Lässt man die Hauptstraße Richtung Westen hinter sich, fängt schon die Grasebene an. Gebetsfahnen erscheinen, und dann eine scheinbar ewig garadeauslaufende Schotterstraße Richtung Gebirge. Vereinzelt rasen einem vollbeladene Motorradfahrer entgegen und man bekommt Lust, es Ihnen gleichzutun und schnurstracks ins Gebirge zu fahren, am besten bis nach Lhasa.

In der Umgebung gibt es einige tolle Orte zu sehen, die an einem Tag mit dem Taxi zu besichtigen sind. Vorteil des Taxis ist auch, das die Fahrer gerne was von der Umgebung erzählen, oft in gutem Englisch. Das „Ganjia-Grasland“ liegt nur ca. eine Stunde mit dem Auto entfernt. Hier beginnt die Steppe und wohin das Auge reicht, sattgrüne Wiesen, wunderschön. „Trakkar Gompa“ ist ein gutes Ziel auf dieser Strecke. Spektakulär an steilen Felsen mit davorliegendem weitem Grasland liegt dieses kleine Kloster. Yaks streifen umher, Pilger umlaufen die Stupa, und Mönche führen einem gerne durch die Räumlichkeiten und sogar zur Himmelsbegrabungsstätte. Wenn man Glück hat, sieht man Geier kreisen. Bei einer Himmelsbegrabung werden die Toten zerteilt und die Geier machen sich schließlich über den Leichnam her. Das lässt sich natürlich keiner der Vögel entgehen und so erscheinen bei einem solchen Ereignis gerne mal 140 Exemplare, die nach einer viertel Stunde nichts mehr übrig lassen. Aber keine Angst, oft kommen Beerdigungen bei einem Kloster mit 90 Mönchen nicht vor. In der Nähe des Klosters gibt es zudem weiträumige Höhlen zu besichtigen. Eine Taschenlampe sollte man dafür mitbringen und Vorsicht walten lassen, denn der Boden ist sehr rutschig. Zum Schluss wäre da noch „Bajiao“, ein von hohen Lehmwänden umgebenes, uriges Dorf, absolut empfehlenswert. Optional, wenn man noch Lust auf mehr Klöster hat, wäre da noch das „Tseway Gompa-Kloster“ zu sehen. Alle diese Ziele liegen auf einer Route und können so der Reihe nach abgefahren werden.

Unterkunft und Restaurants

Unterkünfte sind im ganzen Ort eher einfach. Aber hey, darum geht es Jemandem , der nach Xiàhé reist, ja wohl auch nicht, oder? Blickt man in die tiefen schwarzen Augen der täglich eintreffenden und extrem erschöpften Pilger, die lange Strecken aus dem Gebirge zurückgelegt haben, dann ist es einem fast schon peinlich, morgens warm zu duschen. „Tara Guesthouse“, an der Hauptstraße gelegen, soll hier wärmstens empfohlen werden, es gehört auch ein gutes Café dazu. Zum Essen ist eine der nettesten Locations „Tsewongs Café“ mit einem Besitzer, der einem gute Tipps für Ausflüge gibt und seinen Gästen auch gerne über Sitten und Bräuche seiner Landsleute erzählt und zudem berüchtigte Schokoladenpfannkuchen und Pizzas macht. In seinem Gästebuch, in das man sich obligatorisch eintragen muss, schreibt ein Reisender, der die ganze Seidenstraße von Beginn an bis hierher gereist war, dass man es in Tsewongs Cafe mit der besten Pizza der Welt zu tun hat. Na dann guten Appetit.

Anreise

Es mag sein, dass es nahe Xiàhé mittlerweile einen Flughafen gibt. Sollte dies der Fall sein, erspart einem dies eine nicht gerade nervenschonende und anstrengende Anreise mit dem Bus. Doch gleichermaßen bedeutet ein Flughafen wohl auch das Ende dieser Idylle durch Massentourismus alla Terrakottaarmee.

Die klassische Anreise nach Xiàhé erfolgt mit dem Bus von Lánzhou, wo es einen Flughafen mit Verbindungen in die meisten Städte gibt. Am Flughafen läßt man sich zur South Bus Station (qiche nanzhan in der Straße „Langongping Lu“) bringen, von wo aus man für ca. 50 Yuan in etwa fünf bis sechs Stunden nach Xiàhé gebracht wird. Die Busfahrt, so viel soll gesagt sein, ist nichts für nervenschwache Zeitgenossen. Man sollte in jedem Fall Kopien des Reispasses dabei haben, ohne die man nicht mitgenommen wird. In der Nähe der Busstation gibt es zwar einen Kopierladen, auf dessen Zuverlässigkeit in Sachen Öffnungszeiten sollte man sich jedoch nicht verlassen. Wer will, kann einen Zwischenstopp in Linxia mit Übernachtung einplanen. Anreize hierfür sind ein optionaler Besuch der Grotten von Binglíng. Die über 1.600 Jahre alten Grotten sind allemal sehenswert und auch die Anreise über einen großen See mit einem Motorboot durch eine spektakuläre Umgebung ein Erlebnis. In Binglíng selbst gibt es wenig zu sehen, doch ist die zu Tage tretende Härte des Alltags des muslimisch geprägten Ortes ein Erlebnis.