
- Gesellschaftliche Realtät Kopftuch - Public Domain
Es gibt viele Gründe für eine muslimische Frau ein Kopftuch zu tragen. Es ist keinesfalls nur sozialer Druck, es ist immer öfter eine frei entschiedene Glaubensausübung und manchmal auch eine Protesthaltung junger Türkinnen gegen eine ablehnende Mehrheitsgesellschaft.
Kopftuchtragende Frauen gehören auch in Deutschland längst zum Straßenbild. Damit machen sie gesellschaftliche Realitäten sichtbar. Vielen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erscheint das bedrohlich, denn dieses Kopftuch gehört zu einer fremden Welt, von der die meisten von uns nichts wissen. Schnell wird das Fremde ausgegrenzt und mit negativen Stereotypen belegt. Die Frage, warum muslimische Frauen eigentlich Kopftücher tragen, wird dabei kaum noch gestellt.
Das Kopftuch, eine lange Tradition
Als Frau den Kopf zu bedecken, ist beileibe keine Erfindung des Islams. Noch heute bedecken orthodox-jüdische Frauen ihr Haupthaar durch ein Tuch oder eine Perücke, ihre Männer tragen eine Kipa oder einen Hut. Auch in Deutschland tragen viele ältere Frauen auf dem Land bis heute eine Kopftuch und zu einer Papstaudienz wird keine Frau mit bloßem Haupt erscheinen, auch Nonnen sind bedeckt.
Schiebt man einmal alles Symbolhafte wie Zeichen der kulturellen Rückständigkeit, der Unterdrückung der Frau durch den Mann und des Ausdrucks einer Zustimmung zu islamistischen Positionen beiseite, kann man zu den theologischen Grundlagen vordringen.
Glaubespflicht oder Gebot?
Die meisten muslimischen Geistlichen sehen das Tragen des Kopftuches als Glaubensgebot und nicht als Glaubenspflicht, aber das gilt keineswegs für alle Glaubensrichtungen. Eine übergeordnete Instanz wie den Papst, der eine allgemeinverbindliche Entscheidung fällen könnte, existiert nicht. Es gibt unterschiedliche Deutungsmöglichkeiten.
Für die meisten Trägerinnen bedeutet das Kopftuch heute eine Glaubensausübung, etwas wie das als individuelle Pflicht empfundene tägliche Gebet. Wäre das Kopftuch hingegen als Symbol zu werten, gälte eine entsprechende Vorschrift im Islam auch für Männer. Auch wenn die Alltagspraxis leider nicht selten anders aussieht: Grundsätzlich haben Frauen und Männer im Islam die gleiche Würde, denn vor Allah sind sie gleich und genießen dieselben Rechte, auch wenn es keine Gleichberechtigung in der Gesellschaft gibt, sondern eine Segregation der Geschlechter. Das Kopftuch ist eine Unterordnung unter den Glauben, nicht unter den Mann.
Das Kopftuchgebot im Islam soll die Würde der Frau schützen und den respektvollen Umgang von Mann und Frau fördern, soll sexistische Annäherungen und Anmache sowie sexuelle Belästigung verhindern. Das Gebot ein Kopftuch zu tragen kommt bereits mit Eintreten der Geschlechtsreife zum Tragen und hat nichts mit der Ehe zu tun.
Die theologische Begündung des islamischen Kopftuch-Gebots
Die theologische Begründung für das Gebot zum Kopftuchtragen ergibt sich in erster Linie aus dem Koran. Die Sure 24,31 ruft die Frauen dazu auf, ihre Reize vor den Männern zu verbergen:
"Sprich zu den Gläubigen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Scham bewahren. Das ist reiner für sie. Siehe, Allah kennt ihr Tun. Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke niederschlagen und ihre Scham hüten und dass sie nicht ihre Reize zur Schau tragen, es sei denn, was sichtbar ist, und dass sie ihren Schleier über ihren Busen schlagen und ihre Reize nur ihren Ehegatten zeigen oder ihren Vätern oder den Vätern ihrer Ehegatten oder ihren Söhnen oder den Söhnen ihrer Ehegatten oder ihren Brüdern oder den Söhnen ihrer Brüder oder den Söhnen ihrer Schwestern oder ihrer Frauen oder denen, die ihre Rechte besitzen (die Sklavinnen), oder ihren Dienern, die keinen Trieb haben, oder Kindern, welche die Blöße der Frauen nicht beachten. Und sie sollen nicht ihre Füße zusammenschlagen, damit nicht ihre verborgenen Reize sichtbar werden."
Auch die Sure 33,59 empfiehlt, den Kopf mit einem Tuch zu bedecken:
"Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie sollen (wenn sie aus dem Hause treten) sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie (als ehrbare Frauen) erkannt und deshalb nicht belästigt werden. Allah aber ist barmherzig und bereit zu vergeben."
Einzelheiten über die Verhaltensvorschriften stehen in Sure 24,30.:
"Sprich zu den gläubigen Männern, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Das ist reiner für sie. Wahrlich, Allah ist recht wohl kundig dessen, was sie tun."
Nun ist in allen diesen Koranabschnitten nicht direkt vom Kopftuch die Rede wie die Muslima Frau sich also korrekt zu kleiden hat, ist zunächst eine Frage der Auslegung und in nicht arabisch sprechenden Ländern auch der Übersetzung des Korans. Wenn man allein die deutschen Koranübersetzungen betrachtet, wird man eine Vielzahl von Übersetzungsmöglichkeiten finden, von „ihren Schleier über ihren Busen schlagen“, über „sich etwas von ihrem Gewand (über den Kopf) herunterziehen“ oder „dass sie von ihrem Dschilbab (oder persisch: Tschador) über sich ziehen“, „dass sie ihre Schleier über ihren ganzen Körper ziehen“ bis hin zum einfachen "sie sollen ihre Tücher über sich ziehen".
So kann man allein über die Bedeutung des Wortes Dschilbab schier ewig diskutiren, es kann in diesem Zusammenhang von Umhang bis zu einem x-beliebigen Tuch alles sein. Der Koran ist eben kein Gesetzeswerk wie das Bundesgesetzbuch in entsprecheder Sprache sondern ein poetisches Buch in vollendetem Arabisch. Man sieht hieran die Schwierigkeiten der Koran-Übersetzung, weshalb eine Übersetzung des Korans in der klassischen islamischen Theologie als unmöglich gilt und es auch keine autorisierten Übersetzungen gibt.
Begründungen aus der Sunna
Die Sunna besteht aus einer Reihe von Überlieferungen, die Aussagen und Taten des Propheten Mohammed festhalten und stellt eine zweite Quelle des islamischen Glaubens dar. In der Hadith-Sammlung von Abu Dawud heißt es über die Prophetengattin Aischa: „Als Allah herab sandte: ’Und sie sollen ihre Kopftücher über ihre Kleiderausschnitte schlagen’ zertrennten sie ihre Gewänder und verwendeten sie als Kopftücher für sich.“
An einer weiteren Stelle wird von Aischa berichtet, dass der Prophet seinen Blick von ihrer Schwester Asmaa abwandte, als diese einmal mit durchsichtiger Kleidung zu ihm kam. Er sagte zu ihr: "Asmaa, wenn eine Frau ihre erste Regelblutung hatte, soll man nichts von ihr sehen, außer diesem und diesem." Und er zeigte dabei auf sein Gesicht und seine Hände.
Alle Glaubensgebote und Vorschriften des Islam sollen bewusst aus Überzeugung und freiem Willen befolgt werden und nicht einem Druck nachgebend. Das Nichttragen des Kopftuches bedeutet für die Muslima nicht die Abkehr vom Islam und darf im Islam nicht als alleiniger Maßstab für die Frömmigkeit einer Frau gelten.
