Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao von Junot Díaz

Cover Oscar Wao - Fischer Verlag
Cover Oscar Wao - Fischer Verlag
Der Roman des Amerikaners mit dominikanischen Wurzeln, Junot Díaz, wurde 2008 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet.

Zunächst, der durchschnittliche, mitteleuropäische Leser sollte dieses Buch zweimal lesen. Mindestens. Beim ersten Durchgang ist ein Großteil der Aufmerksamkeit damit gebunden, die im Text und einem ausführlichen Fußnotenapparat bereitgestellten Informationen zur Dominikanischen Republik (DR) und ihrem langjährigen Diktator Trujillo zu entwirren und zu verstehen. Díaz ordnet diese nämlich weder chronologisch noch der Hierarchie der Diktatur, sondern, sehr assoziativ, der Linie seiner Geschichte folgend. Und diese beschreibt mitnichten das Leben des Oscar Wao. Sie beschreibt die Welt aus dominikanischem Blickwinkel. Aus dominikanisch-amerikanischem Blickwinkel.

Zugegeben, das klingt etwas chaotisch, das bringt aber auch die ersten Leseeindrücke ganz gut 'rüber: Ziemlich Bahnhof!

Doch das klärt sich und es wird mit der Zeit ein Plan hinter der assoziativen Fassade sichtbar: Während Oscars Leben im großen Ganzen chronologisch vorwärts erzählt wird, befassen sich die Unterbrechungen dieser Chronologie mit seiner Familiengeschichte und der Geschichte der DR und dies in umgekehrter Reihenfolge, indem nach und nach immer weiter zurück liegende Schichten aufgearbeitet werden. Ein Kompositionsverfahren, das den Leser stark in Anspruch nimmt, das ihm eine immense Aufmerksamkeit abfordert – und am besten eben einen zweiten Lesedurchgang - das aber letztlich ein Gesamtbild entstehen lässt, das eine Authentizität besitzt, die eine chronologische Erzählung niemals zugelassen hätte.

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

In einer kurzen, glücklichen Phase beginnt Oscars Leben im typisch (nach Ansicht des Erzählers typisch) dominikanischen Machismo. Im zarten Alter von sieben Jahren verdreht Oscar unter dem Beifall der kompletten Verwandtschaft, den Mädchen seiner Umgebung den Kopf. So soll ein dominikanischer Mann offensichtlich sein – auch in den Augen dominikanischer Frauen - so man dem ja männlichen Autor glauben darf.

Das war´s dann aber für Oscar. Im Anschluss an diese glückliche Phase wird er immer fetter, verkriecht sich in Science Fiction und Fantasy Welten und hat nur noch „gute Freundinnen“. Eine Frau fürs Leben oder auch nur für eine Nacht ist ihm nicht beschieden und das beschreibt Díaz als die größtmögliche Katastrophe, die einem dominikanischen Mann widerfahren kann.

Junot Díaz, der Autor und sein Erzähler

Lange wird nicht ganz klar, wer der Ich-Erzähler von Oscar Waos Leben ist. Das Kapitel über seine Schwester Lola wird aus ihrer eigenen Ich-Perspektive erzählt. Danach setzt wieder die zuvor schon benutzte Ich-Perspektive ein und jetzt outet sich der Erzähler als „Junior“, ein ebenfalls aus der DR stammender Freund von Lola, der sich anbietet, auf Oscar aufzupassen, als Lola für ein Jahr in Spanien ist. Junior charakterisiert sich selbst als echten dominikanischen Taugenichts, der es nicht schafft eine Beziehung zu Lola zu leben, weil er seinen „rabo“ (Schwanz) nicht in der Hose halten kann.

Zum Ende des Buches ist aber auch Junior etwas ruhiger geworden und unterrichtet Creative Writing am Middlesex Community College eine Beschäftigung, der auch der Autor Junot Díaz nachgeht. Inwieweit in diesem Falle also Autor und Erzähler biografische Schnittmengen haben, das soll an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Jedenfalls sind beide Amerikaner dominikanischen Ursprungs, die Creative Writing unterrichten und mit Vornamen Junior beziehungsweise Junot heißen.

Die Sprache in Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao

Der amerikanische Radiosender NPR veröffentlicht auf seine Homepage einen Textauszug aus „The Brief and Wonderous Life of Oscar Wao“. Dem Text stellt er für seine amerikanischen Leser die Warnung voran: „Note: Contains language that some may find offensive“. Die korrekte Übersetzung für „offensive“ ist in diesem Falle wohl anstößig. Allerdings würde auch eine Übersetzung mit offensiv durchaus Sinn machen, denn das ist Díaz´ Sprache. Angriffslustig wirft er Konventionen über Bord, formuliert umgangs- und jugendsprachlich, benutzt die in Amerika verbotenen Worte, insbesondere auch auf Spanisch, auf Dominikanisch, um genau zu sein und schafft so jene Unmittelbarkeit, die ihm trotz aller sprachlicher Regelverstöße den Pulitzer Preis eingebracht hat.

„Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ ist ein lesenswertes Buch. Es ist auch ein anstrengendes Buch, aber die Anstrengung lohnt sich, wird dem europäischen Leser doch der Blick auf eine Welt, auf mehrere Welten eigentlich, eröffnet, die hier ziemlich unbekannt sind. Da ist zum einen dieser Karibikstaat Dominikanische Republik, seine Geschichte aus Diktatur, Korruption und Gewalt, zum anderen sind da die Menschen, deren rauschhafte Lebensgier das Leben in der DR ebenso prägt wie das im Exil in den USA. Díaz hat diesem rasanten Lebensstil ein literarisches Denkmal gesetzt.

Junot Díaz: Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao. Fischer Verlag, 2009. Taschenbuch, 370 Seiten, Euro 9,95

Rainer Hitzler , Rainer Hitzler

Rainer Hitzler - Wie so viele Autoren bin ich Autor aus Berufung, fast seit ich lesen und schreiben kann. Mittlerweile 50 Jahre alt kann ich somit auf ...

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