
- Das Kutschenmuseum in Rottach-Egern - Elke Schulze
Wer sich am Tegernsee aufhält und sich für Pferde und Fahren interessiert, darf auf keinen Fall einen Besuch des Kutschen-Wagen- und Schlittenmuseums in Rottach-Egern verpassen.
Die Böck´sche Sammlung
Das Museum ist auf dem 1364 erstmalig erwähnten „Gsotthaberhof“ untergebracht, der bis 1803 eine Lehen des Benediktinerklosters Tegernsee war. 1960 wurde der Hof von der Gemeinde Rottach-Egern gekauft und zunächst weiterhin landwirtschaftlich genutzt. Nachdem die Gemeinde die Landwirtschaft auf dem Hof aufgab, pachtete 1964 der Pferdeliebhaber und Initiator des seit 1968 jährlich am letzten Sonntag im August stattfindenden Rosstag, Thomas Böck, den traditionellen Hof. Hier sammelte er ausgediente Wagen, Kutschen und Schlitten, die schon damals älter als hundert Jahre waren, Fuhrmannszubehör und alte Gerätschaften. Auch seine beiden Pferde Kitty und Stephan, der seinerzeit der schnellste Haflinger Bayerns war, brachte er hier unter.
Ende der 90iger überzeugte der damalige Bürgermeister den Sammler Thomas Böck, seine Exponate zu veräußern und so kaufte die Gemeinde Rottach-Egern die Sammlung und begann mit dem Um- und Ausbau der Hofstelle und des Museum.
Kutschen und Schlitten – Zeugen vergangener Zeiten
Heute werden auf fünf Etagen und 700 qm Ausstellungsfläche im Erd- und Obergeschoss und der Tenne mit original belassenem Balkenwerk 22 Schlitten, 18 Kutschen und Wagen vom bäuerlichen Tafelwagen bis zur herrschaftlichen Gouverness, 67 Pferdegeschirre, sowie Furhmannsgeräte und Zubehör aller Art ausgestellt. Vom einheimischen Gäuwagerl bis zur herrschaftlichen "Gouverness", vom bäuerlichen Tafelwagen bis zur prunkvollen historischen Landauer-Postreisekutsche von 1780 reichen die gezeigten Exponate, die Gespannfahrer und Pferdefreunde in ihren Bann ziehen. Die Reise in die Vergangenheit gibt dem Besucher einen Einblick in das Transportwesen, der Arbeit der Bauern und Holzknechte sowie der Almbewirtschaftung vor der Motorisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine Zeit, in der schwere körperliche Arbeit und ein geschickter Umgang mit dem Pferd unabdingbar war. Zusätzlich kann man einen Ausschnitt einer Almstube sehen, sich über den Winterzug der Holzknechte und über die Jagd im Gebirge informieren.
“Chaisen”, “Schwimmerl”, “Gäuwagerl”, “Landauer”, “Gouverness”, “Rennsulki”, “Goaßl”- und “Bänderschlitten” – über alle diese Transportmittel informiert das Kutschenmuseum, die zu damaligen Zeiten für die Bauernarbeit, die Sonntagsausfahrt, für Reise, Hochzeit oder Jagd und Turnier eingesetzt wurden.
Erleben und lernen mit allen Sinnen
Nicht nur Kinder können das Museum mit allen Sinnen entdecken und erleben. Das im Eingangsbereich aufgestellte lebensgroße, handgeschnitzte Oberländergespann lädt ein, selbst zum Teilnehmer des in Rottach-Egern stattfindenden Schlittenrennens zu werden. In dem kinderfreundlichen Museum können kleine und große Besucher Heu und Leder erriechen, Rosshaar ertasten, Filme über vergangene Zeiten ansehen und sich Geschichten über das Reisen mit der Postkutsche per Telefon erzählen lassen und dabei viel über Pferde und Kutschen lernen.
Heiße Steine unter den Sitzen
Eine Besonderheit bildet die Schlittensammlung mit den rundum geöffneten Gassenschlitten, den so genannten Goaßln, und den aus Holz geflochtenen Bänderschlitten, die sich im ehemaligen Stall befindet. Als Goaßl-Schlitten oder Gaißschlitten wurden kleine Rennschlitten bezeichnet. Gaiß oder „Goaß“ bedeutet Ziege. Der Gaißschlitten war ein kleiner Ziehschlitten, im Gegensatz zum Bockschlitten.
Vom schlichten bis aufwendig verzierten Schlitten, aus der Nähe von Einheimischen oder von etwas weiter her wie Kufstein oder Schweiz, erzählen die Schlitten von früher. Durch die hohe, breite und robuste Bauweise der Schlitten bereitete auch hoher Schnee dem Lenkenden keine Schwierigkeiten. Sehr praktisch waren die Öffnungen unter dem Sitz. Hier wurden heiße Steine hineingelegt, damit die Kälte besser zu ertragen war.
Restauration statt Renovierung
Die Kutschen, die hier zu sehen sind, wurden nicht renoviert, sondern restauriert. Das bedeutet, das nur das Notwendigste gemacht wurde, um das Original in Farbe und Gestalt zu erhalten. Viel Kleinarbeit war hier gefragt, deren Mühe sich jedoch gelohnt hat und absolut sehenswert ist.
