Das Labyrinth in Andreas Maiers "Sanssouci"

Seinen fünften Roman siedelt Schriftsteller Andreas Maier in Potsdam an. Unterhalb des Schlosses "Sanssouci" erwartet den Leser ein düsteres Geheimnis.

Wer bin ich, frage ich mich, nachdem ich den Umschlagdeckel von Andreas Maiers Roman „Sanssouci“ zugeklappt habe. Ich frage mich, welches „befremdliche“ Geheimnis birgt dieses 300-Seiten umfassende Buch, das 2009 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Es ist der fünfte Roman des in Frankfurt am Main lebenden Autors.

Viele Preise hat Andreas Maier sein sezierender, bisweilen boshafter Stil eingebracht. Dieses Mal verfolgt er das Credo „Ich spreche, also bin ich“. Der tote Max Hornung ist der ruhende Pol, der tote Bezugspunkt eines Stimmengewirrs von Nebenpersonen, die alle in Bezug zum Verstorbenen aus Potsdam stehen. Die Wichtigsten sind zu Beginn des Buches zur Beerdigung in Frankfurt angereist.

Schauplatz ist Potsdam

Auf den ersten Blick geht es um die Aufklärung der genaueren Umstände des Todes des Regisseurs – der einzigen Hauptperson, dem allgegenwärtigen Schöpfer einer bizarren Szenerie. In einer Fernsehserie hatte Hornung die Stadt Potsdam und fast jeden ihrer Einwohner so portraitiert, wie sie eben seiner Sicht der Dinge nach sich zu erkennen geben, illusionslos. Was über wen gesagt oder erzählt wird, also das „Hörensagen“ spielt in Andreas Maiers neuem Roman eine formgebende Rolle. Der Roman ist angelegt, wie eine Fernsehserie. Die einzelnen Episoden wachsen sich aus zu einer skurrilen Seifenoper, in der Andreas Maier versucht Idealbilder in ein gesellschaftliches Milieu zu stellen, das sie entblößt und erniedrigt.

Maier lenkt den Blick auf das Heilige und das Profane

Wie bereits in seinem dritten Roman „Kirilow“ (2005) sucht Andreas Maier wieder die Nähe zu Dostojewski. Sind es Anarchismus und Nihilismus, die Andreas Maier in „Kirilow“, als Thema der menschlichen Gesellschaft – aber auch Seele – aufgreift, so geht es in „Sanssouci“ um die Verwandtschaft des Heiligen mit dem Profanen.

"Sanssouci“ trägt Züge einer Parodie. Auf psychologische Feinfühligkeit im Stile Dostojewskis verzichtet Andreas Maier komplett. Die Figuren sind auf das Wesentliche reduziert. Sie wirken klischeehaft und eindimensional, wie willenlose Abziehbilder in einem konstruierten Ganzen. Der unkonventionelle Plot wird getragen von einem theologischen Symbolismus. Dieser ist dualistisch. Die Personen zerfallen in Selbstbild und Fremdbild, in schwarz und weiß, Schuld und Unschuld, in Sex und Religion.

Es tauchen „die Engel“, die Zwillinge Arnold und Heike Meurer auf. Sie leben in den Tag hinein und geraten in ein Spiel von Macht und Erniedrigung. Ein Mönch namens Alexej begleitet den Leser die meiste Zeit – so wie der gleichnamige Novize Alexej in „die Brüder Karamasow“ – Er folgt den Zwillingen von Hornungs Beerdigung nach Potsdam. Dort scheint sich das Rätsel um Hornungs Tod zu lösen. Doch ganz andere Geheimnisse treten zu Tage. Alexej trifft auf seinen früheren Mönchsbruder Grigorij. Nachts treibt er sich in dem Labyrinth unter dem Park „Sanssouci“ herum. Er ist dabei den Verstand zu verlieren. Wie alles, so möchte man Andreas Maier verstehen, hat auch das prunkvolle Schloss, Wahrzeichen der Stadt Potsdam, eine glänzende Vorderseite und ein dunkles Geheimnis darunter.

Zwei Frauenfiguren in Sanssouci

Tief hinab in die Seelenwelt will Andreas Maier diesem Geheimnis folgen. Dazu bringt der Autor noch eine weitere Person ins Spiel. Christoph Mai ist der angereiste Nachlassverwalter des mysteriös verstorbenen Max Hornung. Seine Person ist als das verzerrte Spiegelbild des Toten angelegt. Er fungiert aber auch in einem der mittleren Kapitel, als Bindeglied zwischen zwei Frauenfiguren, die auch zwei Welten verkörpern. Die Buddhistin Merle Johansson ist in sich gespalten und krankhaft selbstzufrieden: „Es war das fünfhundertste Lächeln dieser glücklichen jungen Frau am heutigen Tag.“ Bei Tageslicht ist sie Übermutter für ihren behüteten und vegetarisch ernährten Sohn Jesus, doch wenn es dunkel wird, treibt sie die Fleischeslust. Als Domina lebt sie diesen Trieb auch in den unterirdischen Anlagen von Sanssouci aus. Ihr Glück ist es, ein Kind zu haben und einen abwesenden Mann dafür zahlen zu lassen. Merle Johansson ist der Schlüssel zu dem Geheimnis um Hornungs Tod

Maja Pospischill dagegen ist die Naive, die an das Gute im Menschen glaubt. Unbeschwert erscheint ihr jeder Tag wie ein schöner Sommertag. Maja ist auch Buddhistin und Vegetarierin. Christoph Mai begegnet ihr, als er durch Potsdam streift und seine Vergangenheit - er hat früher in Potsdam gelebt - wieder ein wenig ans Licht treten lässt. Er scheint als biologischer Vater für Merle Johanssons Sohn in Frage zu kommen. Maja, die sich wie hinter Schleiern die wirkliche Welt verbirgt, erinnert als Figur wiederum an Dostojewski und man erkennt das Motiv Myschkin aus „Der Idiot". Ihre perfekte Welt lustiger Dinge geht mit einem Schlag kaputt. Auf einer farbenfrohen Demonstration stürzt sie von den Schultern eines Freundes und schlägt hart auf der Bordsteinkante auf. Sie ist tot. „Und damit endete Majas Perspektive auf die Dinge.“

Oststadt und der Verlust der Hoffnung

Andreas Maier spielt gekonnt mit diesen Perspektiven, die alle irgendwie in Hornungs TV-Serie Oststadt gehören. „Fortsetzung folgt“ könnte am Ende jeden Kapitels stehen, denn so abrupt die Handlung an einem Ort abreißt, so setzt sie an einem anderen wieder ein. Das Sprechen über die Geschehnisse, nicht die Geschehnisse selber sind Maier von Belang. So findet der Leser das Geheimnis um Sanssouci und Hornungs Tod nicht vollends entschlüsselt, aber so mag man Maier verstehen: „Man kann sich einen Reim darauf machen." Die einzige Hoffnung auf eine bessere Welt ist jedoch mit Maja Pospischill verschwunden. Zurück bleibt eine illusionslose Gemeinschaft namens Oststadt. In ihr gibt es keine Selbsterkenntnis, aus ihr gibt es kein Entfliehen.

Andreas Maier: Sanssouci, Suhrkamp-Verlag, 2009,

ISBN 3518420305, Gebundene Ausgabe 298 Seiten, 19,80 Euro

Frank Schairer, Freier Journalist, Frank Schairer

Frank Schairer - Als freier Journalist bin ich ständig auf der Suche nach erzählenswerten Geschichten. Meine eigene führte mich in die ...

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