Am 09. Mai 2009 jährte sich zum 130. Mal der Todestag einer herausragenden Pädagogin und bedeutenden Klosterfrau, die ein nachhaltiges Lebenswerk geschaffen hat: Karolina, Maria Theresia von Jesu Gerhardinger. Die Gründerin des Ordens der Armen Schulschwestern war eine couragierte Kämpferin für Frauenrechte und Menschenwürde. Durch ihr geistig tapferes Wirken hat sie das Bildungs- und Sozialsystem in vielen Ländern der Erde auch über ihre Lebenszeit hinaus positiv beeinflusst. Umso verwunderlicher erscheint die Tatsache, dass sie trotz Seligsprechung (1985) und Aufstellung ihrer Büste in der Walhalla (1998) in der deutschen Öffentlichkeit noch kaum bekannt ist.
Aufgewachsen in unruhigen Zeiten
Europa war im Umbruch und litt unter der Vorherrschaft Napoleons als Karolina Elisabeth Franziska Gerhardinger am 20. Juni 1797 in Regensburg-Stadtamhof geboren wurde. Sie blieb die einzige Tochter des Schiffsmeisters Willibald Gerhardinger und seiner Frau Franziska. Ihre Kindheit fiel in die Zeit der Säkularisation, die allen bis dahin gültigen Wert- und Glaubensvorstellungen feindlich gegenüberstand. Sämtlicher weltlicher Besitz wurde den Kirchen entrissen und in die Hände der Landesherren übergeben, Klöster und Orden wurden enteignet, Ordensleute vertrieben. Auch die Klosterschule der Chorfrauen von Notre-Dame in Stadtamhof konnte diesem Schicksal nicht entrinnen, Kloster und Schule wurden im Jahre 1809 aufgelöst. Karolina Gerhardinger wurde hier von 1803 bis 1809 unterrichtet, unter anderem auch vom Dompfarrer und späteren Regensburger Bischof Georg Michael Wittmann.
Mit 15 Jahren Lehrerin
Wittmann war es auch, der nach Schließung der Schule ihren Eltern vorschlug, Karolina unter Anleitung seines Kaplans den Lehrberuf erlernen zu lassen. Da sie eine weitere Ausbildung haben wollte, stimmte das zwölfjährige Mädchen zu, obwohl sie dem Vorschlag zunächst skeptisch gegenüberstand. Doch im Hinblick auf die zeitlichen Umstände sah sie darin vermehrt auch einen Ruf Gottes und wurde drei Jahre später Lehrerin an der königlichen Mädchenschule, wo sie siebzehn Jahre lang wirkte.
Unter dem gläubigen und pro-kirchlich eingestellten König Ludwig I. erleichterte sich schließlich die Situation für kirchliche Institutionen. Der Landesherr aus dem Geschlecht der Wittelsbacher begrüßte die Arbeit von Klosterschwestern die Unterricht erteilten. So ergab sich für Karolina Gerhardinger die Gelegenheit mit zwei Gefährtinnen nach Neunburg vorm Wald zu ziehen um dort am 24. Oktober 1833 eine Schule für Mädchen aus einkommensschwachen Schichten zu gründen und ein gemeinschaftliches Leben als Vorbereitung für ein künftiges klösterliches Wirken zu beginnen. Bereits ein Jahr später genehmigte der bayerische König die Ordensgründung der „Kongregation der Schulwestern von unserer Lieben Frau“. Am 16. November 1835 legte Karolina Gerhardinger in der St. Galluskapelle zu Regensburg schließlich ihr Gelübde ab und nahm dabei den Ordensnamen Maria Theresia von Jesu an, als Oberin hieß sie bald überall „Mutter Theresia“.
Die von Ihr geführte Schule in Neunburg vorm Wald avancierte bald zur Musterschule. Durch ihren ganzheitlichen Ansatz wirkte Maria Theresia auf dem Gebiet der Bildung und Erziehung bahnbrechend. Innovative Lehrpläne umfassten modernen Anschauungsunterricht, hauswirtschaftliche und kaufmännische Fächer, Fremdsprachen, musische Bildung und turnen.
Ungewöhnliche Ordensregeln
Von sich und ihren Mitschwestern verlangte die beherzte Oberin radikale Armut. Ihr eigenes väterliches Erbe verwandte sie für die Erziehung von Waisenkindern. Da zur damaligen Zeit das Verlassen des klösterlichen Konvents zur Ausübung ihres Berufes für Ordensschwestern als höchst ungewöhnlich galt, hatte sie auch immer wieder Schwierigkeiten bei der kirchlichen Anerkennung der Ordensregeln. Trotzdem wuchs ihre Gemeinschaft so stark, dass die Räumlichkeiten im kleinen und entlegenem Kloster in Neunburg vorm Wald bald nicht mehr ausreichten. Das frühere Clarissenkloster am Anger in der bayerischen Landeshauptstadt München entsprach besser ihren Ansprüchen an ein angemessenes Mutterhaus für ihr Konvent. 1843 überließ ihr König Ludwig I. dieses Klostergebäude – unter Vorbehalt des Staatseigentums und der Verpflichtung des Instituts zur Übernahme der Kosten für die Renovierung.
Neue Herausforderungen
Vom neuen Mutterhaus aus konnte sich die Kongregation rasch in die Welt hinaus verbreiten. Amerikanische Bischöfe baten 1847 ihre europäischen Amtsbrüder um Seelsorger und Lehrer für die deutschen Einwanderer. Im pennsylvanischen Urwald wollten Redemptoristenpater ein Pfarrschulsystem mit deutschen Lehrern aufbauen. Unter widrigsten Bedingungen legte Mutter Theresia zusammen mit fünf Begleiterinnen 2.600 Meilen zurück. Auf Ochsenkarren fuhren sie tagelang durch den Urwald und fanden schließlich eine armselige Blockhütte, in der sie das künftige Schulkloster einrichteten. Mit Unterstützung durch den Provinzial der Redemptoristen, Pater Johann Nepumuk Neumann, gründete Maria Theresia weitere Filialen ihres Ordens in Baltimore, Pittsburgh, Detroit, Milwaukee, Philadelphia und New York.
Nach ihrer Rückkehr wurden Schwestern auch nach Böhmen, Schlesien, Österreich, Ungarn und England entsandt. Zwischen 1849 und 1864 wurden rund zweihundert Niederlassungen in Europa gegründet. Papst Pius IX. bestätigte 1865 die Satzung der „Armen Schulschwestern von Unserer Lieben Frau“, in der Mutter Theresia die zentrale Leitung ihrer Gemeinschaft zuerkannt wurde, was bis dahin männlichen Orden vorbehalten war. Somit war ihr Lebenswerk endlich auch von der Kirche anerkannt.
Große Ordensgemeinschaft
Am 09. Mai 1879 starb Maria Theresia von Jesu Gerhardinger im Mutterhaus in München. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Ordensgemeinschaft in Europa 166 Filialen und 134 Niederlassungen in Nordamerika mit zirka dreitausend Schwestern. In Deutschland wurden während des „Dritten Reiches“ fast alle Schulen der „Armen Schulschwestern“ geschlossen. Viele Schwestern wanderten damals nach Nord- und Südamerika sowie in andere europäische Länder aus. Nach wie vor ist jedoch das Angerkloster als Mutterhaus Mittelpunkt des Ordens geblieben. Viele Schwestern und Gläubige aus aller Welt beten immer wieder am Grab der Gründerin in der St. Jakobskirche in München am Anger für ihr Anliegen.
