Das Leben ist keine Waldorfschule

Kurzgeschichten von Poetry Slammer Mischa-Sarim Vérollet

Vérollet: Waldorfschule - Carlsen Verlag
Vérollet: Waldorfschule - Carlsen Verlag
„Das Leben ist keine Waldorfschule" enthält bühnenerprobte Kurzgeschichten des Poetry Slammers Mischa-Sarim Vérollet.

Vielleicht waren Sie schon mal bei einem Poetry Slam und haben auf der Bühne eine ausufernde Frisur gesehen, die „HELGAAA!“ ins Mikrofon brüllte. Das war dann Mischa-Sarim Vérollet.

Der Bielefelder Autor hat nun mit „Das Leben ist keine Waldorfschule“ sein drittes Buch veröffentlicht. Enthalten sind 20 Kurzgeschichten, die sich um Adoleszensprobleme und Alltagsbegebenheiten ranken.

Sex, Festivals und ein dösiger Ich-Erzähler

Der Ich-Erzähler hadert mit seinem Schicksal, ein besonders hässliches Kind gewesen zu sein, dem auch noch Warzen an der Nase wuchsen, und das unter einem ebenso brutalen wie unfähigem Kieferchirurgen litt. Es geht um Lehrerkinder, Vorhautverengung und Sex auf Festivals. Der Erzähler gehört zu denen, die stets leicht verwundert durch die Welt laufen, gern gut in Sport wären, es aber leider nicht sind, zu denen, die ständig scheitern und um die das Schicksal sich besonders gern zu kümmern scheint, wenn es gerade schlechte Laune hat. Das macht ihn nicht nur zu einer höchst geeigneten Figur, um die Leser zu unterhalten, es macht ihn auch sympathisch.

Vérollet verfügt über eine bildhafte Sprache

Der Humor der Geschichten basiert auf einer bildhafte Sprache, die mit permanenten Übertreibungen und Zuspitzungen gewürzt ist. So heißt es beispielsweise bei der Schilderung einer postoperativen Szene:

„Das Schreien, das ich ausstieß, als mein Vater zufällig am Verband zupfte, schreckte beinahe das Jugendamt auf. Mir liefen die Tränen wie Niagara-Fälle die Wangen hinunter; ich durchlebte den personifizierten Albtraum im Director’s Cut mit sämtlichen Extras der Bonus-CD.“

Alltagsschilderungen in „Das Leben ist keine Waldorfschule“

Wenn es nicht um die medizinischen Absonderlichkeiten des Erzählers geht, dienen Alltagsbeobachtungen als Startschuss für die Geschichten. So handelt etwa „Die Summe aller Ängste“ von den Kindern, die im Bus auf der letzten Bank sitzen und die Autofahrer demütigen. „Höhepunkt ist unweigerlich der Moment, wenn man im Stau steht, die gesamte Schulrückbank verzückt über einen in Wallung geraten ist, und man dann mit Schrecken feststellt, dass zusätzlich sämtliche Insassen der Fahrzeuge um einen herum in das Lachen einstimmen. Der Horror.“ Gut, wenn man dann einen großen, starken Freund hat, der mal eben in den Schulbus umsteigt.

Die Kurzgeschichten in „Das Leben ist keine Waldorfschule“ sind unterhaltsam, witzig und werden gekonnt erzählt. Um aus einem Körnchen Alltagsnichts, wie etwa einer alten Nachbarin, der man die Einkaufstaschen hinaufträgt, eine gute Geschichte zu machen, braucht man nun wirklich handwerkliches Geschick und Talent. Hat man Vérollet schon einmal live gehört, weiß man, wie seine Performance die Texte ergänzt, deswegen ist es etwas schade, dass zum Buch keine CD gehört.

Mischa-Sarim Vérollet: Das Leben ist keine Waldorfschule. Carlsen Verlag 2009. Broschur, 152 Seiten. Euro 12,90.

Pia Helfferich, Pia Helfferich

Pia Helfferich - Pia Helfferich ist Autorin und schreibt nebenher Rezensionen und Artikel für die Zeitschriften Federwelt, TextArt und Buchkultur. Sie ...

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