
- Buch-Cover zu John NIvens Roman Gott bewahre - Random House
Dem schottischen Autor John Niven gelang mit der rabenschwarzen Satire "Kill Your Friends" ein weltweiter Erfolg, den er mit "Coma" mühelos wiederholen konnte. Bei seinem neuen Streich "Gott bewahre" war sich der amerikanische Verlag jedoch sicher, dass dieses Buch nicht veröffentlicht werden sollte. Zu groß war die Angst vor dem Zorn der Strenggläubigen, vermutet John Niven in einem Interview mit Spiegel Online. Und erst der strenggläubigen Islamisten, weswegen er den Auftritt von Mohammed in "Gott bewahre" stark reduzierte. Doch der Londoner Verlag William Heinemann ließ sich, Gott, sei dank, von diesen Aussichten nicht verschrecken und veröffentlichte "The Second Coming" im Mai 2011. Im August erschien die deutsche Ausgabe im Heyne Verlag.
Wenn Gott mal kurz angeln geht...
Haben Sie sich schon immer mal gefragt, warum hier unten auf der Erde alles den Bach hinunter geht und Gott tatenlos mit ansieht? John Niven gibt die Antwort: Gott war ein paar Tage im Angelurlaub. 57 Tage um genau zu sein, das entspricht ungefähr 450 Jahre nach irdischer Zeitrechnung. Und in diesen 450 Jahren gelingt es dem Menschen das, was mit der Renaissance so viel versprechend begann, gehörig zu vermasseln. Gott ist entsetzt über das, was sich auf der Erde abspielt: Kriege, Ozonloch, Hetze gegen Homosexuelle ("Gott liebt Schwuchteln!") und ein Papst, der sich als Vertreter Gottes mehr raus nimmt, als er eigentlich sollte. Und gut 82.000 kleine Glaubensgemeinschaften behaupten die wahren Vertreter Gottes Wort zu sein... Gott muss handeln und schickt seinen kiffenden und Gitarre spielenden Sohn Jesus erneut auf die Erde, um die wahre Botschaft zu verbreiten: "Seid lieb!"
Dafür nimmt der Junior sogar an einer amerikanischen Castingshow teil, erschüttert die Gläubigen allerdings mit den - in ihren Augen - blasphemischen Ansichten über die christlichen Werte, Homosexualität und AIDS. Dass sich Jesus und seine Freunde (Jünger) auf eine abgelegene Ranch in Texas zurückziehen, ist einem Kirchenmann auch ein Dorn im Auge. Mit falschen Verdächtigungen hetzt er Jesus das FBI auf den Hals und es kommt, wie es kommen muss: Jesus wird zum Tode verurteilt und mit der Giftspritze hingerichtet. Einen bleibenden Eindruck hat er dennoch hinterlassen.
Ein Skandalbuch oder Gesellschaftskritik
Dass die Amerikaner hier ein Skandalbuch wittern, ist sehr gut vorstellbar. Ein Gott, der unflätig flucht, gelegentlich Gras raucht und Sympathien für Homosexuelle hegt – das schlägt dem gläubigsten Christen aufs Gemüt. Und dass die Bibel für Gott nur ein Buch voller Geschichten ist, der Papst völlig weltfremde Thesen verbreitet und man Gott die Schuld für AIDS in die Schuhe schiebt, bringt jede Kirche ins Wanken. Skandal oder doch "nur" oft geäußerte Kritik an der Kirche und ihren Schäfchen? John Niven hat einen provokanten Rahmen für seine bittere Gesellschaftskritik gewählt. Wie schon in "Kill Your Friends" kommen die Massenmedien, insbesondere die Castingshows und ihre Macher, in dem Roman nicht gut weg. Alles dreht sich um Geld, das Marketing bis ins letzte auszuschöpfen, Dramen um die Kandidaten zu konstruieren, dass mehr Zuschauer einschalten und noch mehr Geld. Jesus, der eigentlich lieber unkommerziell rocken möchte, erscheint mit seiner Nächstenliebe und Aufopferung für Schwächere als durchgeknallter Freak. Auch für die strenggläubigen Christen ist er ein Feindbild, denn von Toleranz, Hilfsbereitschaft und anderen christlichen Werten wollen sie nichts wissen.
"Gott bewahre": Zum Nachdenken angeregt
John Niven zeichnet ein überspitztes Bild der amerikanischen Gesellschaft. Und trotzdem schimmert immer wieder ein Fünkchen Wahrheit heraus. So gesellen sich zum Unterhaltungswert von "Gott bewahre" kritische Fragen zu Religion, Glaubensgemeinschaften, Castingshows und gesellschaftliche Werte. Darunter auch die Todesstrafe, allerdings wird nicht das Pro und Contra angesprochen, sondern die Methoden. Dass die Giftspritze eine humane Möglichkeit ist, einen Verbrecher hinzurechnen, sollte gerade diese Szene mal genauer lesen.
Nein, ein Skandalbuch ist "Gott bewahre" nicht, außer man gehört einer der beschriebenen Glaubensgemeinschaften an. Der Skandal liegt nicht in dem scheinbar respektlosen Umgang mit dem Thema Gott und Religion oder der unflätigen Sprache in den ersten Kapiteln, sondern im Verhalten der Menschen um die Protagonisten herum. Scheinheiligkeit dominiert, jeder deutet sich Gottes Wort so, wie er es braucht und vergisst dabei das, worauf es ankommt: Toleranz, Nächstenliebe und das ultimative Gebot "Seid lieb!".
Unterhaltsam und berührend
"Gott bewahre" regt trotz seiner Flapsigkeit zum Nachdenken an. Zwar verliert der Roman im fünften Teil als Jesus und seine Freunde eine Kommune in Texas gründen deutlich an Tempo und Schwung, legt dann aber im "Nachspiel" noch einmal deutlich nach. Insgesamt gelingt es John Niven sowohl zu unterhalten als auch zu berühren. Die Protagonisten wachsen den Lesern schnell ans Herz, ihre Schicksale sind ergreifend geschildert bis zum Ende. Und bei längerem Nachdenken scheint Gottes Wort doch nicht so abwegig: "Seid lieb!"
Weitere Informationen zum Autor sowie eine Leseprobe stehen auf der Webseite des Heyne Verlags bereit.
John Niven: Gott bewahre
Heyne Verlag München 2011
Gebundene Ausgabe: 400 Seiten
ISBN: 978-3453675971
