
- Lesen ist immer auch Lauschen - pixelio.de
In allen Möglichkeiten, die Schrift uns eröffnet, klingt auch das gesprochene Wort: Der mündliche Ausdruck kann ohne das Schreiben existieren, aber das geschriebene Wort nicht ohne seinen Klang zu Bedeutung kommen. Lang bevor jedermann selbst las und lesen konnte, wurde bereits vorgelesen, und es scheint, als lebe das vorgelesene Wort in unserem Inneren weiter …
Die Stimme ist das Bewusstsein
Der französische Sinnvirtuose Derrida bestimmt in seinem Buch „Die Stimme und das Phänomen“ die Stimme als „Nächste zum Denken“. Schrift dagegen sei nur eine sekundäre Sprachgestalt, ein „Verspätungs-Phänomen“, während die Stimme „präsent“ ist. Das Lautzeichen wird von der Stimme hervorgebracht – Laut und Stimme sind nicht trennbar. Und da die Schrift den Laut symbolisiert, ist sie folglich ebenfalls an die Stimme gebunden. Derrida zieht folgendes Fazit: „Diese Universalität bedingt, dass struktural begründet kein Bewusstsein ohne die Stimme möglich ist. (...) Die Stimme ist das Bewusstsein."
Geisterstimmen
Entsprechend haben auch Schriftsteller immer wieder darauf verwiesen, dass die Stimme mit dem Text ersteht. Der französische Autor Stéphane Mallarmé (1842 bis 1898) spricht etwa von einem „chant sous le texte", einem „Gesang unter dem Text“, der lesend zu vernehmen sei. Der Lyriker Paul Valéry (1871 bis 1945) erwähnt in seinen „Cahiers", dass Poesie eine „Stimme bekommt" und der irische Schriftsteller Samuel Beckett (1906 bis 1989) schreibt: „Es ist eine Stimme ohne Mund, das ist die Stimme, die wir lesen." Diese Beispiele führt Literaturwissenschaftler Christiaan Hart Nibbrig in seinem Buch „Geisterstimmen“ an: Denn gerade so können sie klingen, die vielen Stimmen, die uns aus Büchern entgegen kommen. Hart Nibbring spricht auch von einem „von Stimmen erzeugten Resonanzraum“. Es bleibt im Ungewissen: Sind wir es, die die Texte lesen, oder sind es die Stimmen, die sie uns erschließen?
Subvokalisation
Weitaus sachlicher berichten die Autoren Rotraut und Walter Michelmann von „Subvokalisation" beim Lesen: Der Leser spricht beim Lesen innerlich mit. Das Subvokalisieren wird dabei meist nicht bewusst realisiert. Automatisch werden Wörter zu Klangfolgen verknüpft, und es wird eine Art „Klangtest" durchgeführt: Hört sich der Klang vertraut an, kann das Bewusstsein die Wortbedeutung fast automatisch identifizieren. Wenn die Autoren darlegen, dass dieser Vorgang für ein Verständnis des Gelesenen unabdingbar ist, schließt sich der Kreis wieder zum oben genannten Derrida: Die Stimme, das ist der Leser, die Stimme, das ist der Autor, die Stimme, das ist der leise Motor der Lektüre und der Geist zwischen den Buchdeckeln.
Zum Weiterlesen:
Jacues Derrida: Die Stimme und das Phänomen. Suhrkamp 2003. Taschenbuch, 139 Seiten. Euro 8,50 EUR.
Christiaan Hart Nibbrig: Geisterstimmen. Velbrück 2001. Broschiert, 136 Seiten. Gebraucht ab ca. Euro 7,50.
Rotraut Michelmann und Walter Michelmann: Effizient lesen. Das Know-how für Zeit- und Informationsgewinn. Gabler 1998. Gebunden, 202 Seiten. Gebraucht ab ca. Euro 9,00.
